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«Die Behandlung von HIV-Patientinnen ist ein Bekenntnis zum Leben»

Seit 2003 arbeitet Aidsarzt Ruedi Lüthy in Harare. Trotz gesundheitlicher Probleme will er weitermachen. Doch die Klinikleitung hat der 76-Jährige abgegeben.

Sozialarbeiterin Melania Mugamu besucht HIV-Patientin Catherine M. und bespricht mit ihr anstehende Probleme.
Sozialarbeiterin Melania Mugamu besucht HIV-Patientin Catherine M. und bespricht mit ihr anstehende Probleme.
Patrick Rohr
Häuschen im Armenviertel: Catherine M. teilt das Schlafzimmer mit ihren beiden Töchtern.
Häuschen im Armenviertel: Catherine M. teilt das Schlafzimmer mit ihren beiden Töchtern.
Patrick Rohr
Sozial engagiert: Matthias Widmaier, der administrative Klinikdirektor, besucht einen Patienten, um sich ein Bild von dessen Lebensbedingungen zu machen.
Sozial engagiert: Matthias Widmaier, der administrative Klinikdirektor, besucht einen Patienten, um sich ein Bild von dessen Lebensbedingungen zu machen.
Patrick Rohr
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Im November kamen Sie für mehrere Operationen in die Schweiz. Wie geht es Ihnen?

Ich musste lange liegen und kam dabei komplett von Kräften. Doch nun bin ich auf dem Weg zur Gesundung, es geht mir wesentlich besser.

Seit Ihrer Gründung der Aidsklinik in Harare waren Sie noch nie so lange weg wie jetzt. Werden Sie nach Zimbabwe zurückkehren?

Wir haben schon ein Datum: Am 29. Juni fliegen meine Frau und ich zurück.

Wo ist Ihre Heimat?

Hier in der Schweiz ist Muntelier unser Zuhause, in Afrika ist es Harare.

Die administrative Klinikleitung haben Sie vor zwei Jahren an den Deutschen Matthias Widmaier übergeben, in der medizinischen Leitung ist der Wechsel in Gang. Worum werden Sie sich in Zukunft noch kümmern?

Ich werde weiterhin die Ärztinnen und Ärzte begleiten und Fachleute ausbilden. Ich will mich aber keinesfalls unentbehrlich machen. Die Klinik läuft auch ohne mich, das habe ich jetzt gesehen. Die Philosophie und die Arbeitseinstellung sind gut.

Wenn Sie auf die Anfangszeit zurückblicken: Welches waren die grössten Herausforderungen? Und wie haben Sie diese gemeistert?

Wir mussten umbauen, was wegen der Hyperinflation schwierig war. Zudem kannte ich die Netzwerke im öffentlichen Gesundheitswesen nicht. Heute macht uns zum Glück mein einheimischer ärztlicher Stellvertreter die Türen dort auf. Der Anfang war sehr schwierig. Ein Beispiel: Im Mai 2003 redete ich mit einem lokalen Kollegen über die Löhne für die Krankenschwestern, wir hielten 30 Dollar für angebracht. Als wir den Betrieb Ende Jahr aufnahmen, lag der Betrag bei 150 Dollar monatlich. Diese Entwicklung machte alle Budgetversuche zunichte. Zum Glück hatte ich einen wohlwollenden Stiftungsrat! Für mich, der zuvor in geordneten Verhältnissen im Unispital Zürich und im Lighthouse gearbeitet hatte, war das sehr verwirrend. Unser Botschafter war mir in jener Zeit eine grosse Hilfe, er redete mir jeweils gut zu.

Gab es Momente, in denen Sie aufgeben wollten? Und was hat Sie zum Weitermachen motiviert?

Es gab eine Zeit, 2005, als Mugabe alle Karton- und Blechhütten niederwalzen liess, das Motto lautete «Den Dreck wegräumen». Etwa 700 000 Menschen wurden obdachlos. Das war für mich ungeheuerlich. Täglich kamen Menschen aus den Armenvierteln in die Klinik und erzählten von den Grausamkeiten der Polizei und des Militärs, die alle Habseligkeiten auf einen Haufen warfen und anzündeten. Das schlug mir so aufs Gemüt, dass ich in die Schweiz reisen musste, um mich zu erholen. Inzwischen lernte ich: Man muss sich für jene Dinge starkmachen, die man ändern kann.

Worum sorgen Sie sich heute?

Die grösste Sorge einer Stiftung ist, ob man im nächsten Jahr den Bedarf mit Spenden decken kann. Sicher ist uns einzig der Bundesbeitrag von gut einer Million Franken jährlich bis 2019, was rund 20 Prozent unseres Budgets entspricht. Der Rest ist Sabines Auftrag. Ich bin froh, dass ich mich auf meine Tochter verlassen kann.

Sabine Lüthy war Radiojournalistin, bevor sie vor fünf Jahren die Geschäftsleitung Ihrer Stiftung übernahm. Brauchte es dafür Überzeugungsarbeit von Ihnen?

Nein, wir kamen beide unabhängig voneinander am gleichen Tag darauf: Wir hatten denselben Traum. Das ist ungewöhnlich, ich bin sonst eher evidenzbasiert. Dass meine Tochter die Stiftung leitet, ist ein unglaublicher Glücksfall für mich. Es ist beruhigend, zu wissen, dass sie die Hilfsbereitschaft hat und die richtige Einstellung, um neue Projekte zu verwirklichen, die sich als notwendig erweisen.

Ähnlich wie Beat Richner mit seinen Kinderspitälern in Kambodscha sind Sie ein Pionier. Mit 76 sind Sie einige Jahre älter als Richner, der offenbar schwer krank ist. Wie dessen Werk in Zukunft finanziert wird, ist offen. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Wenn man ein Spital aufbaut oder ein Schulhaus, kann man das irgendwann laufen lassen. Anders bei unserer Aidsklinik: Die Behandlung von HIV-Patienten ist ein Bekenntnis fürs Leben, die Behandlung muss lebenslang erfolgen. Wenn der Bund Projekte unterstützt, will er wissen, wie deren Ende aussieht. Uns hat er ausnahmsweise die Bildung von Reserven erlaubt. So haben wir eine gewisse Planungssicherheit: Würden die Spenden einmal einbrechen, könnten wir den Betrieb auf reduziertem Niveau zwei Jahre lang weiterführen.

Beteiligt sich der Staat Zimbabwe auch an den Kosten?

Der hat kein Geld. Die Medikamente bekommen wir zwar über den Staat, doch bezahlt werden sie von internationalen Hilfsorganisationen wie der Clinton-Stiftung oder der Bill-Gates-Stiftung. Wir geben jährlich Medikamente im Wert von einer Million Dollar ab.

Seit 30 Jahren wird über Aids geforscht. Weshalb gibt es noch keine Impfung gegen das HI-Virus?

Weil der Lebenszyklus des HIV überaus komplex ist. Die Viren, die von den Helferzellen freigesetzt werden, sind alle leicht unterschiedlich, sie mutieren ständig. Eine Impfung richtet sich gegen bestimmte Strukturen eines Virus. Wenn diese sich permanent verändern, funktioniert die Impfung nicht. Die Evolution des HIV erfolgt unendlich schnell.

Was bedeutet das für die Therapie?

Wir müssen drei verschiedene Medikamente gleichzeitig einsetzen. Nur so können wir die Virusmenge rasch sehr stark reduzieren, sodass keine neuen Mutationen entstehen. In unserer Klinik gelingt dies bei 90 Prozent der Patientinnen und Patienten, die seit mindestens einem halben Jahr in Behandlung sind. Das ist selbst für europäische Verhältnisse ein hoher Wert, worauf ich stolz bin. Der Grund dafür ist eine hohe Therapietreue. Und diese wiederum ist das Verdienst unserer Pflegerinnen und Pfleger, die ein ausgesprochen gutes Verhältnis zu ihren Patientinnen haben.

Die Krankenschwestern in Ihrer Klinik haben mehr Kompetenzen als Berufskolleginnen in der Schweiz. Sie dürfen zum Beispiel Antibiotika verschreiben. Wie kommt das?

Ich ging nach Zimbabwe mit der Vorstellung, dort Ärzte auszubilden. Als ich im Mai 2003 ankam, waren aber fast alle ins Ausland abgewandert. Es hatte ein grosser Exodus stattgefunden. Ich begann, Krankenschwestern so auszubilden, dass sie Aidspatientinnen und -patienten selbstständig betreuen konnten. Das Gesundheitsministerium war zuerst dagegen, doch schon bald setzte sich das Modell durch. Nun bilden wir jährlich rund 500 Ärzte und Pflegepersonen aus, damit sie es im ganzen Land gleich machen. Es ist eine nationale Aufgabe geworden. Wesentlich für den Erfolg war, dass ich nicht mit Schweizern einfuhr, sondern von Anfang an einheimische Fachleute ausbildete.

In der Schweiz trugen die plakativen Stopp-Aids-Kampagnen viel zur Eindämmung der Krankheit bei. Wird in Zimbabwe eigentlich auch Prävention gemacht?

In den Schulen wird über die Ansteckung geredet, und die Jugendlichen werden in Theatern auf das Thema aufmerksam gemacht. Doch die Kampagne geht an der Realität vorbei. Homosexualität gibt es nicht, und dass Jugendliche mit 13 oder 14 Sex haben, kommt auch nicht vor. Die Prävention kann keine gute Wirkung entfalten, weil sie von einer falschen Moral ausgeht. Dazu kommt, dass die Männer das Recht haben, über die Frauen zu bestimmen. Die Frauen können sich nicht wehren. Deshalb gibt es noch immer Zehntausende von Neuinfektionen jedes Jahr.

Wie viele sterben an Aids?

Anfangs waren es wöchentlich rund 4000 Menschen, heute sind es laut Angaben von Unaids jährlich 30 000. Vermutlich sind es aber noch mehr.

Sie gründeten Ende der Achtzigerjahre das Zürcher Lighthouse, wo HIV-Patienten würdevoll sterben konnten. In Ihrer Klinik in Harare finden Behandlungen nur ambulant statt. Wo sterben Aidskranke in Zimbabwe?

Traditionsgemäss kehren die Menschen nach Hause zurück, wenn es ans Sterben geht. Man stirbt nicht anonym in der Stadt, sondern bei seinen Angehörigen im Dorf.

Die Newlands-Klinik ist beliebt, doch sie kann nicht alle behandeln. Wie selektionieren Sie?

Zu Beginn behandelten wir vor allem Frauen mit Kindern sowie Leute, die für die Gesellschaft wichtig sind: Lehrer, Krankenschwestern, Studenten. Dann realisierten wir, dass die Frauen zwar geheilt wurden, ihre Kinder aber starben. So fingen wir an, auch Kinder zu behandeln, und stellten selber Tabletten für sie her. Dies war revolutionär und eigentlich verboten. Im Laufe der Zeit bezogen wir zusätzlich die Familien unserer Patientinnen mit ein. Und neuerdings nehmen wir vermehrt Patienten auf, die wegen Therapieversagens oder anderer Komplikationen von öffentlichen Kliniken an uns verwiesen werden.

Wenn man Klinikmitarbeitende fragt, was an Ihnen besonders ist, nennen sie zwei Charakteristika: dass Sie alle Menschen gleich behandeln und dass Sie sehr strikt seien. Auch in Harare gelte «Swiss time». Wie haben Sie es geschafft, Schweizer Pünktlichkeit in Afrika durchzusetzen?

Indem ich einfach darauf aufmerksam machte, dass am Freitag alle um acht Uhr zur Weiterbildung zu erscheinen haben. Und ich mit gutem Beispiel voranging – obwohl es in Zimbabwe üblich ist, dass die Chefs mit Abstand als Letzte kommen. Nach ein paar Anläufen funktionierte es. Ich finde es unhöflich, unpünktlich zu sein. In unserer Klinik müssen auch die Patienten nicht den ganzen Tag in einer Schlange warten, bis sie drankommen. Wir bieten sie zu einem Termin auf. Das hat relativ rasch sehr gut geklappt.

Was vermissen Sie, wenn Sie nicht in Zimbabwe sind?

Die Herzlichkeit der Menschen, ihre Freude am Leben trotz misslicher Umstände. In Zimbabwe geht es immer ums Leben, nicht um Detailfragen wie bei uns. Die Themen sind relevant. Dort mithelfen zu können, empfinde ich als Privileg. In den letzten Monaten drehte sich alles um meine Gesundheit. Das langweilte mich. Jetzt freue ich mich, bald wieder nach Harare zu gehen.

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