«Brutal und rücksichtslos»: Der geplante Umweg der A1

Vor 50 Jahren wurde die Umfahrung Winterthur eröffnet. Bei der Linienführung hätte es auch anders kommen können – mit happigen Folgen.

Bau der A 1 bei Winterthur-Töss 1968: Links oben das Dättnau, hinten das Schlosstal. Foto: Comet/ETH-Bibliothek

Bau der A 1 bei Winterthur-Töss 1968: Links oben das Dättnau, hinten das Schlosstal. Foto: Comet/ETH-Bibliothek

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Am 19. September 1968 war es so weit: Die Nationalstrasse 1 zwischen Töss und Ohringen wurde für den Verkehr freigegeben. Zwar waren die Bauarbeiten noch gar nicht ganz abgeschlossen, doch die Strasse wurde eröffnet. Winterthur sollte endlich vom Verkehr Zürich–Schaffhausen und umgekehrt befreit werden. Eine Entlastung der Durchgangsachsen war dringend nötig. Die Zürcherstrasse in Töss war gemäss den Verkehrszählungen von 1955 die meistbefahrene Strasse der Schweiz, wie der Historiker Andres Betschart im Online-Nachschlagewerk Winterthur-glossar.ch schreibt.

Stadt- gegen Gemeinderat

Pläne für eine Umfahrungsstrasse gab es in der Stadt Winter­thur schon seit den 1930er-Jahren. Doch erst Ende der 1950er-­Jahre nahm die Idee konkrete ­Formen an. Gleichzeitig plante der Bund ab 1954 ein schweizerisches Nationalstrassennetz, dessen Bau in einer nationalen Volksabstimmung 1958 mit ­grosser Mehrheit angenommen wurde.

Das Projekt des Bundes sah eine Autobahn von Zürich über Kemptthal nach St. Gallen vor, die Winterthur in einem grossen Bogen nordwestlich umfahren sollte. Bei der genauen Linienführung gingen die Meinungen aller­dings auseinander. Ursprünglich war ein Trassee durchs Dättnau geplant, ein damals weitgehend unbebautes Tal mit intakter Natur. Heute ist der südliche Teil ein Wohngebiet, während der nördliche Teil mit seiner Naturschutzzone als beliebtes Naherholungsgebiet gilt. Doch 1960 schwenkte der Stadtrat auf die kürzere Variante entlang der Töss durch das Schlosstal um – dort, wo die Autobahn heute verläuft. Damit geriet er in Konflikt mit dem Grossen Gemeinderat, dem Parlament. Dort pochte eine Mehrheit auf die etwas weitere Linienführung durchs Dättnau.

So hätte die Autobahn durchs Dättnau ausgesehen: Visualisierung von 1961. Foto: Schweizerische Bauzeitung

Der Streit um die Trasseeführung schlug hohe Wellen. Bewohner von Wülflingen und Töss starteten Eingaben an den Regierungsrat, im Parlament kam es zu heftigen Debatten. Im Dezember 1960 verkündete der Stadtrat öffentlich, die Variante Dättnau nehme weitaus am wenigsten Rücksicht auf die siedlungspolitischen, städtebaulichen und landschaftlichen Gesichtspunkte, «sie muss als brutal und rücksichtslos bezeichnet werden, wenn sie auch technisch einige Vorzüge haben mag». Das wollten sich einige Ratsmitglieder nicht bieten lassen. Sie bezeichneten die Durchfahrung der bewohnten Teile Wülflingens in unmittelbarer Nähe der Pflegeanstalt Wülflingen ihrerseits als «rücksichtslos», wie die NZZ damals berichtete.

Die Kantonale Natur- und Heimatschutzkommission sprach sich für die Variante Schlosstal aus. Die Winterthurer Sektion des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA) dagegen fand, «dass der Variante Dättnau vom städtebaulichen und hygienischen Standpunkt aus der Vorzug gegeben werden sollte».

«Attraktion für Ausflügler»

Die Zahl der durch den Lärm und Geruch beeinträchtigten Wohnungen sei bei der Variante Schlosstal bedeutend grösser. Zudem könnte die Autobahn im Dättnau, «speziell für junge Ausflügler, zur Attraktion werden», wie der SIA festhielt.

Anfang 1961 fanden mehrere Flurbegehungen statt, bei denen nebst Vertretern der Stadt auch der Direktor des Eidgenössischen Amtes für Strassen- und Flussbau sowie der Kantonsingenieur mit von der Partie waren. Am 10. Februar 1961 versammelten sich in Wülflingen 400 Personen zu einer «Volkskundgebung» gegen die Linienführung durchs Schlosstal. Die Versammlung appellierte an den Regierungsrat, sich für die als verkehrstechnisch und kostenmässig gleichwertig anerkannte Dättnau-Variante zu entscheiden.

Doch die Demonstration nützte nichts. Im April 1961 entschied der Regierungsrat zugunsten der Schlosstal-Variante, im November 1962 bestätigte der Bundesrat diese Planung. Zwar hielten sich die beiden Lösungen verkehrstechnisch, strassenbautechnisch und baukostenmässig ungefähr die Waage, wie der Regierungsrat schrieb. Betriebswirtschaftlich betrachtet, erweise sich aber die Linienführung durch das Schlosstal als günstiger, weil sie um ein beträchtliches Stück kürzer sei, eine geringere Höhendifferenz zu überwinden habe und einen kürzeren Tunnel benötige. Ohne die Beeinträchtigung der Anwohnerschaft von Wülflingen durch die Autobahn bagatellisieren zu wollen, dürfe doch gesagt werden, «dass diese Belästigung in der Regel überschätzt werde». Eine Autobahn dürfe, wenn sie, wie dies hier geschehe, zwischen alten und neuen Ortsteilen durchgeführt werde, «auch konstruktiv als städtebauliches Element gewertet werden». Überdies führe die Autobahn im Schloss­tal durch ein Gebiet, das sich für keine andere Nutzung besonders eigne. Hingegen würde bei der Dättnau-Variante viel Kultur- und Bauland beansprucht.

Massiver Eingriff

Im April 1964 begannen die Bauarbeiten zwischen Töss und Wülflingen, zwei Jahre später zwischen Wülflingen und der Ausfahrt Oberwinterthur. «Der Eingriff in Landschaft und Siedlung war gewaltig», schreibt Historiker Andres Betschart.

1966 geriet die Umfahrung Winterthur in die Schlagzeilen, weil in Wülflingen eine Betonbrücke mitten im Bau einstürzte. Das Stützgerüst hatte der Belastung nicht standgehalten. Die Eröffnung der durchgehenden Autobahn Winterthur–St. Gallen fand 1970 statt. Erst 1974 ging das Stück zwischen Winterthur-Töss und Zürich in Betrieb.

War der Entscheid fürs Schlosstal richtig, oder hätte sich die andere Variante doch gelohnt? Der Winterthurer Stadtrat will sich dazu nicht äussern. «Wir verzichten auf eine Neubeurteilung des damaligen Variantenentscheids», sagt Lukas Mischler, Departementssekretär von Baustadträtin Christa Meier (SP). «Ein Variantenentscheid ist nach 50 Jahren mit den damaligen und heutigen Verhältnissen technisch und politisch nicht mehr seriös vergleichbar.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2018, 22:51 Uhr

Vierspurig durchs Naturparadies an der Töss

1969 schlug die Winterthurer Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB), die Vorläuferpartei der SVP, in einer Interpellation vor, den Autoverkehr aus dem Tösstal auf einer vierspurigen Strasse durch das Linsental nach Töss und dort zum Autobahnanschluss zu leiten. Das Linsental, der rund fünf Kilometer lange Abschnitt der Töss zwischen Sennhof und dem Stadtteil Töss, ist ein unberührtes Naturgebiet. Der Stadtrat lehnte den Vorstoss rundweg ab. Er wies auf die enormen Kosten der vorgeschlagenen Linienführung und die technisch kaum zu bewältigende Einführung der neuen Strasse in die N1 in Töss hin. Vor allem aber machten der «unbedingte Schutz der lebenswichtigen Grundwasserzonen und die ebenso erwünschte Erhaltung des Erholungsgebietes im Linsental» den Bau einer Hochleistungsstrasse unmöglich. (mth)

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