Auf der Jagd nach schwarzen Schafen

Der Unia und einigen Firmen sind die Lohnkontrollen auf Baustellen nicht wirksam genug. Der «Tages-Anzeiger» hat zwei Kontrolleure begleitet und Seltsames erlebt.

Markus Stalder erklärt, was er bei den Baustellen unter die Lupe nimmt. (Video: Anita Merkt und Lea Blum)
Anita Merkt@tagesanzeiger

Mit robusten Schuhen und weissem Helm ausgerüstet, betreten wir die Baustelle. Wir weichen Pfützen aus und klettern über Hindernisse. Freundlich begrüssen die Arbeiter die Kontrolleure Markus Stalder und Kurt Müller von der Arbeitskontrollstelle für den Kanton Zürich (AKZ). Einige der Arbeiter sind damit beschäftigt, die Fassaden der sechsstöckigen Rohbauten mit Isoliermaterial zu verkleiden.

Die Firmenwagen mit ZH-, BS-, SO- und TG-Kennzeichen lassen vermuten, dass hier noch weitere Handwerker beschäftigt sind. Die Kontrolleure sollen heute die Firma M. überprüfen und ob sich Firmen aus dem Ausland beim Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) wie ­vorgeschrieben gemeldet haben. Wir schlängeln uns zwischen Styroporblöcken hindurch. Müller verschwindet in einem der halbfertigen Wohnblocks.

Basierend auf den bilateralen Verträgen können Firmen aus dem EU-Raum Aufträge für maximal 90 Tage übernehmen. Arbeiter aus dem EU-Raum können ebenfalls maximal 90 Tage in der Schweiz arbeiten. Dem AWA müssen sie lediglich melden, wo sie tätig sind. Eine Bewilligung brauchen Arbeiter und Firmen nur, wenn ihre Arbeitsdauer 90 Tage überschreitet. Auch Arbeiter aus Nicht-EU-Ländern mit einer EU-Aufenthaltsbewilligung dürfen hier arbeiten.

Ohne Arbeitserlaubnis

Kontrolleur Müller hat in einem der Mehrfamilienhäuser einen jungen Mann aufgestöbert, der mit Gipserarbeiten beschäftigt war. Er trägt einen weiss verfärbten Pulli und verkleckste Jeans, Fragen kann er keine beantworten, Deutsch versteht er offensichtlich nicht. Seine Identitätskarte weist ihn als Kosovaren aus. Ein Rumäne mit einer italienischen Aufenthaltsbewilligung schleift die Gipsdecken. Er zeigt eine gültige Entsandtenmeldung. Der Kosovare hat keine gültige Aufenthaltsbewilligung und somit auch keine Arbeitserlaubnis. Er wirkt beunruhigt. Immerhin kann er dem Kontrolleur zu verstehen geben, dass noch zwei Kollegen von ihm da sind, die Deutsch sprechen. Doch die sind vorerst nirgends aufzufinden.

Stalder spricht derweil mit Fassadenbauern einer Schweizer Firma. Sie haben alle B- oder C-Bewilligungen. Dass das stimmt, weiss der Kontrolleur von einer früheren Überprüfung. Er verabschiedet sich in den nächsten Wohnblock, um sich dort ein Bild vom Stand der Arbeiten zu machen. Das hilft ihm beim Feststellen, welchem Handwerk die angetroffenen Arbeiter zuzurechnen sind. «Denn das wissen diese selbst oft nicht», sagt Stalder.

Komplizierte Kontrollen

Festzustellen, welcher Branche eine Firma angehöre, sei wichtig, weil die Branchenzugehörigkeit über die Höhe der vorgeschriebenen Löhne entscheidet. «Auszurechnen, ob die gezahlten Löhne korrekt sind, ist sehr kompliziert», sagt Stalder. «Da die Löhne nach dem System des Entsendelandes gezahlt werden, muss man Ferientage umrechnen, das 13. und allenfalls 14. Monatsgehalt miteinbeziehen, unterschiedliche Sozialleistungen berücksichtigen und schauen, ob die vorgeschriebenen Zulagen enthalten sind. Zudem ist die Höhe der Gesamtarbeitsvertragslöhne von der Qualifikation und den Berufsjahren abhängig.»

Damit die Lohnunterlagen geprüft und fehlbare Firmen sanktioniert werden können, werden Stalders Bürokolleginnen am nächsten Tag von der Firma die Lohnunterlagen anfordern. Die Kollegen des Kosovaren sind inzwischen aufgetaucht, dafür ist er selber verschwunden. Kontrolleur Müller nimmt Namen, Lohnangaben und Qualifikationsniveau der Gipser und ihrer Firma auf. Den verschwundenen Kollegen wollen sie nicht kennen. Die Firma S., für die die stämmigen Männer arbeiten, ist Subunternehmerin der Firma, die den Auftrag bekommen hat.

Ihrerseits dürfte diese keine Subunternehmer für sich arbeiten lassen. Oder hätte das zumindest ihrem Auftraggeber und der Baustellenleitung melden müssen. Nach mehreren Telefonaten erfährt Stalder, dass beide nichts von einer italienischen Firma wissen, die im Auftrag ihres Subunternehmers beziehungsweise ihres Subsubunternehmers arbeitet. Die Subunternehmerfirma gehört ­einem Landsmann des verschwundenen Kosovaren.

«Fälle wie diesen haben wir zwei- bis dreimal die Woche», sagt Stalder. Was mit den Fällen passiert, ob Firmen gebüsst werden und die Arbeiter korrekte Löhne bekommen, erfahren die Kontrolleure vor Ort nicht. Die paritätische Kommission und das AWA werden dies entscheiden. «Unsere Arbeit endet hier», sagt Stalder.

Gestern wandten sich erstmals verschiedene paritätische Berufskommissionen, unter anderem jene der Schreiner, Gipser, Gebäudetechniker und Maler, an die Medien. Sie erklärten, sie seien es leid, von Dumpingunternehmen an der Nase herumgeführt zu werden. Verfahren würden verschleppt oder durch Konkurs umgangen. Die Lohndumpinginitiative, über die am 28. Februar im Kanton Zürich abgestimmt werde, sei genau das Instrument, das es brauche.

Kanton prüft Anzeige

Der Gewerkschaftsbund des Kantons Zürich machte am Dienstag überdies einen Bericht des AWA publik, der angeblich zeigt, dass Lohnunterbietungen in einigen Branchen häufig vorkommen. Demnach erhielten 2014 im Boden- und Parkettgewerbe 8,3 Prozent der Arbeitnehmer nicht den ihnen zustehenden Lohn. Im Detailhandel erhielten 103 von 902 überprüften Verkäuferinnen zu wenig Lohn (11,4 Prozent). Verständigungsverfahren mit dem Ziel von Lohnnachzahlungen scheiterten in 30 beziehungsweise 88 Prozent dieser Fälle. Das AWA habe versucht, den Bericht geheim zu halten, sagen die Gewerkschaften.

Die Veröffentlichung dieser Zahlen bringt die Gewerkschaften nun in Schwierigkeiten. Gestern kündigte der Kanton gegenüber der NZZ an, man prüfe eine Anzeige wegen Amtsgeheimnisverletzung, weil es sich um vertrauliche Zahlen aus der tripartiten Kommission handle, in der die Gewerkschaften vertreten sind. Der Gewerkschaftsbund habe das Vertrauen gestört und die Arbeit der Kommission massiv erschwert, wird Kommissionssekretär Beat Werder zitiert. Laut Werder soll nun eruiert werden, wie das vertrauliche Dokument an die Medien gelangen konnte.

Tages-Anzeiger

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