Uster machts vor

Deutsch lernen und Arbeit statt nichts tun: Funktioniert das Pionierprojekt mit Flüchtlingen im Zürcher Oberland? Jetzt zieht Uster Bilanz.

Sabah Aljanabi fand einen Job als Halal-Metzger, noch bevor er als Flüchtling anerkannt wurde. Foto: Samuel Schalch

Sabah Aljanabi fand einen Job als Halal-Metzger, noch bevor er als Flüchtling anerkannt wurde. Foto: Samuel Schalch

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Die Stadt Uster investiert mehr als andere Gemeinden in die Integration ihrer Flüchtlinge. Statt am Bahnhof herumzuhängen, sollen diese vormittags Deutsch lernen und nachmittags einer Beschäftigung nachgehen. In der Hoffnung, sie schneller an die Schweizer Arbeitswelt heranzuführen. Ein entsprechendes Pionierprojekt wurde vor gut zwei Jahren lanciert. Haben sich die Hoffnungen inzwischen erfüllt?

Auf jeden Fall, findet Jörg Schilter, Leiter der Ustermer Asylkoordination. Nach gut zwei Jahren sei knapp die Hälfte der inzwischen aufgenommenen Flüchtlinge nur noch zum Teil oder gar nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig. Zum Beispiel Roshdnabat Hosseini. Der 47-Jährige ist mit seiner Frau und zwei Kindern aus dem Iran geflüchtet. Nun arbeitet er als Bodenleger.

Uster sieht sich nach zwei Jahren dort, wo andere Gemeinden nach fünf Jahren sind.

Für seinen Chef, den Iraker George Darwish, verlegt er unter anderem Parkett und Teppiche für 25 Franken pro Stunde. Das reicht noch nicht, um seine Familie ohne staatliche Hilfe durchzubringen. Doch es geht aufwärts. Erst bewährte sich der einstige iranische Maurer in den Beschäftigungsprogrammen als zupackende und zuverlässige Arbeitskraft. Dann absolvierte er ein zweimonatiges Testpraktikum als Parkettleger.

Roshdnabat Hosseini aus dem Iran arbeitet als Bodenleger. Foto: Iwan Städler.

Und nun – nachdem sein Asylgesuch gutgeheissen wurde – arbeitet er zu rund 80 Prozent. Sowohl das Pensum als auch der Stundenlohn werde mit der Erfahrung steigen, sagt sein Chef, der einst selbst in die Schweiz geflüchtet ist.

«Ich will keine Sozialhilfe, ich bin ein Mann»

Noch steiler verlief die Karriere von Sabah Aljanabi. Er habe Glück gehabt, dass er Uster ­zugeteilt worden sei, sagt der 36-jährige Iraker. «Hier konnte ich jeden Vormittag in den Deutschunterricht. Meine Kollegen in anderen Gemeinden ­haben diese Möglichkeit nicht und sprechen daher viel schlechter Deutsch.» Aljanabi hat bislang drei Sprachprüfungen bestanden, die letzte auf dem Niveau B1. Will heissen, dass er sich einfach und zusammenhängend über vertraute Themen äussern kann.

Inzwischen ist der Iraker nicht mehr auf Sozialhilfe angewiesen. Er fand auf eigene Faust einen Job, noch bevor er als Flüchtling anerkannt wurde. Der 36-jährige arbeitet als Halal-Metzger für einen türkischen Laden in Volketswil – sehr zur Zufriedenheit seines Chefs Kubilay Turan. ­Solche Mitarbeiter, die richtig anpacken, seien äusserst schwierig zu finden.

Sabah Aljanabi stammt aus Irak und arbeitet für einen Halal-Metzger in Volketswil. Bild: Samuel Schalch.

Der irakische Flüchtling verdient monatlich 4000 Franken. Das reicht. «Ich will keine Sozialhilfe, ich bin ein Mann», sagt Aljanabi. Und er ist stolz, bereits mit Status N finanziell unabhängig geworden zu sein, was im Kanton Zürich nur wenigen gelingt. Unterdessen ist auch sein Asylgesuch gutgeheissen worden.

Acht Flüchtlinge haben eine Lehrstelle angetreten

Nebst Aljanabi schaffte es noch ein zweiter Ustermer Flüchtling, vollständig von der Sozialhilfe unabhängig zu werden. Weitere 30 der 68 Asylbewerber, die vor gut zwei Jahren nach Uster kamen und inzwischen (zumindest vorläufig) aufgenommen wurden, sind nur noch zum Teil auf Unterstützung angewiesen. Hinzu kommen acht Jugendliche, die inzwischen eine Lehrstelle angetreten haben.

Knapp die Hälfte ist dagegen immer noch in Beschäftigungsprogrammen tätig, wo sie lediglich 1.80 Franken pro Stunde als Integrationszulage verdienen. Etwa 10 Prozent, schätzt Schilter, hätten gesundheitliche oder psychische Probleme oder seien bereits über 60 Jahre alt, weshalb sie wohl nie in den Arbeitsmarkt integriert werden können.

Die meisten Flüchtlinge haben das Niveau A2 erreicht. Sie können also Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen.

Alles in allem zieht Uster aber eine positive Bilanz: «Wir sind nach zwei Jahren betreffend der beruflichen Integration besser oder gleich weit wie der Schweizer Durchschnitt nach fünf bis sieben Jahren», sagt Schilter. Der tägliche Deutschunterricht durch freiwillige Kursleiter ab dem ­ersten Tag ermöglicht eine schnellere Verständigung und Integration.

Ausserfamiliäre Betreuung als Schlüsselelement

Inzwischen haben die allermeisten Flüchtlinge mindestens das Niveau A2 erreicht. Sie können also Sätze und häufig gebrauchte Ausdrücke verstehen, die sich auf den Alltag beziehen. Dank der nachmittäglichen Beschäftigungsprogramme als Waldräumer, Maler oder Velo­stationbewacher haben sie sich auch an die hiesigen Strukturen und Gebräuche gewöhnt – etwa daran, dass man pünktlich zur Arbeit kommt.

«Das tut einem nicht gut.»Sabah Aljanabi über das Wohnen in Kollektivunterkünften.

Besonders wichtig ist laut Schilter die ausserfamiliäre Betreuung aller Flüchtlingskinder an mindestens drei Tagen pro Woche. Dadurch kommen die Kinder neben dem ordentlichen Schulunterricht mit anderen Kindern in Kontakt, lernen schneller Deutsch und werden früh sozial integriert.

Mundart macht Mühe

Wie aber steht es mit den freiwilligen Helfern? Hält deren Willkommenskultur auch nach zwei Jahren noch an? Gemäss Schilter hat es nie an Freiwilligen für den Deutschunterricht gemangelt. Auch nicht, als vorübergehend täglich vier Kurse stattgefunden haben. Die einzelnen Kursleiter übernehmen jeweils ein bis drei Vormittage pro Woche und sprechen sich untereinander ab, um die Lektionen aufeinander abzustimmen. Insgesamt engagieren sich in Uster 45 Frauen und Männer ehrenamtlich – einige davon schon seit Beginn des Integrationsprojekts.

Dank der vielfältigen Kontakte zwischen den Flüchtlingen, den Freiwilligen und den Schulen entstand auch ein Netzwerk, das bei der Jobsuche nützlich sein kann. Zakera Masoumi aus Afghanistan fand ihre Teilzeitstelle als Küchenhilfe einer Tagesschule über die Lehrerin ihres Sohnes. Der Job in der Tagesschule gefällt ihr gut, wobei das Verständigen mit den Kindern nicht ganz einfach sei, weil diese meist Mundart sprächen, schmunzelt Masoumi.

Die Arbeit ist das Wichtigste

Alle drei Flüchtlinge, mit welchen der TA gesprochen hat, sind des Lobes voll für ihre Sprachlehrerinnen, die viel Geduld gehabt hätten. Sie bedauern denn auch, keinen Deutschunterricht mehr zu geniessen. Doch die Arbeit sei das Wichtigste – nebst der Anerkennung des Asylgesuchs natürlich.

Zakera Masoumi stammt aus Afghanistan, jetzt arbeitet sie als Küchenhilfe in einer Tagesschule. Foto: Iwan Städler.

Bei aller Dankbarkeit für die rasche Integration in Uster machen die drei auch auf einen negativen Punkt aufmerksam: die unterirdische Kollektivunterkunft, in der sie als Übergangslösung einquartiert waren. Sieben Monate lang habe er dort gewohnt, sagt Sabah Aljanabi. «Das tut einem nicht gut.» Inzwischen leben alle drei in Wohnungen.

Besseres Einvernehmen mit den Einheimischen

Für Uster hat sich die Strategie der schnellen Integration ausbezahlt. Die Stadt glaubt, dadurch die Sozialhilfekosten auf die Dauer erheblich reduzieren zu können. Denn sie ging stets davon aus, dass die Flüchtlinge längerfristig ohnehin bleiben. Und sie hat recht bekommen: Von den Asylbewerbern, die vor zwei Jahren in Uster waren, wurde lediglich eine Person abgewiesen. Fast 20 Prozent erhielten als ­anerkannte Flüchtlinge die Niederlassungsbewilligung, knapp 70 Prozent eine vorläufige Aufnahme, bei gut 10 Prozent steht der Entscheid noch immer aus.

Das Ustermer Pionierprojekt hat auch andere Gemeinden inspiriert, die Integration zu verstärken. Nicht nur wegen der Sozialhilfekosten. Es kommt auch bei der einheimischen Bevölkerung besser an, wenn sie die Asylbewerber beim Reinigen der Strassen sieht statt beim Herumhängen im Park.


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(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.09.2018, 06:29 Uhr

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