So viel darf ein «Carlos» kosten

Eine Verbrecherkarriere kostet die Allgemeinheit Millionen. Deshalb lohnen sich selbst teuerste Therapieprogramme.

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Die ganze Schweiz diskutiert derzeit die Summe von 29'000 Franken. So viel kosten monatlich die Massnahmen, mit denen die Zürcher Jugendanwaltschaft den 17-jährigen Gewalttäter Carlos (Name geändert) zu sozialisieren hofft. Mit seiner Multisystemischen Therapie (MST) in Kombination mit Familientherapie (FT) liege der kriminelle Jugendliche der Allgemeinheit zu sehr auf der Tasche, wird allenthalben moniert. 41/2-Zimmer-Wohnung, Thaibox-Training und Rund-um-die-Uhr-Betreuung minderten das Verständnis der Öffentlichkeit für den Umstand, dass Jugendliche Straftäter therapiert werden müssten. Am Schluss steht die obligate Frage: «Wie viel darf ein jugendlicher Straftäter kosten?»

Die Antwort lautet: Bei einer durchschnittlichen kriminellen Karriere rund 1,5 Millionen Franken, bei einer Intensivtäterkarriere mindestens rund 1,8 Millionen Franken. Dies unter dem Vorbehalt, den jugendlichen Straftäter – wie im Fall Carlos – der intensivstmöglichen therapeutischen Massnahme zu unterziehen, denn diese stellt am ehesten sicher, dass der Täter nicht rückfällig wird und das Geld gut investiert ist.

Sechs Millionen pro Verbrecher

Der Kriminologe Martin Killias moniert zu Recht, dass es noch keine Schweizer Studien gebe, welche Auskunft darüber geben, ob sich solche Extremtherapien lohnen. Internationale Forschung liefert jedoch Hinweise:

  • Die beiden US-Ökonomen Mark Cohen und Alex Piquero haben 2009 errechnet, dass eine durchschnittliche kriminelle Karriere die Allgemeinheit zwischen 1,3 und 1,5 Millionen Dollar kostet, wenn man nur die direkten Kosten wie Opferschaden, Gerichts- und Vollzugskosten sowie Ausfall des Täters als Arbeitskraft berücksichtigt. Cohen und Piquero errechneten auch den volkswirtschaftlichen Gesamtschaden, den Intensivtäter anrichten. Darin sind Folgekosten enthalten wie etwa die unproduktive Kapitalbindung in Alarmanlagen oder Wertminderung von Immobilien als Folge von Verbrechen (Grafik 1). Cohen und Piquero errechnen auch, dass der Allgemeinheit je weniger Kosten entstehen, desto früher eine kriminelle Karriere abgebrochen werden kann. Hauptgrund dafür ist, dass Therapien mit steigendem Alter der Delinquenten unwirksamer und wegen der geringeren Erfolgsquote auch teurer werden (Grafik 3).
  • Der Psychologe Jérôme Endrass vom Psychiatrisch-Psychologischen Dienst (PPD) des Kantons Zürich hat 2011 sämtliche Studien zusammengestellt, die messen, welche Interventionen bei Jugendlichen welche Rückfallquoten zeitigen. In der Zusammenfassung zeigt sich, dass die Rückfallquoten bei Tätern in einer Kombination aus Multisystemischer Therapie und Familientherapie, wie sie jetzt Carlos erhält, um über 60 Prozent tiefer liegen als bei anderen Interventionen. Während bei den meisten therapeutischen Interventionen die Rückfallquoten sinken, sieht es bei rein strafenden Massnahmen anders aus. Werden Jugendliche in «Boot Camps» gedrillt, steigt die Rückfallquote. Sprich: Wenn man nur straft und nicht therapiert, erhöht man das Rückfallrisiko, statt es zu mindern.
  • Bezüglich des Kantons Zürich zeigen noch unveröffentlichte Schätzungen von Endrass und Gerichtspsychiater Frank Urbaniok vom PPD, dass bereits ab einer Reduktion der Rückfallraten um 2 Prozent die Therapiekosten kompensiert werden können. Zwar sind diese Zahlen auf Erwachsene bezogen und mit Vorsicht zu geniessen, da sie noch nicht überprüft sind. Endrass und Urbaniok haben nach eigenen Angaben jedoch lediglich die eingesparten Ausgaben für den Strafvollzug in ihre Rechnung einbezogen. Diese machen nur einen Bruchteil der gesamten Kriminalitätskosten aus.

Unter dem Vorbehalt der Unschärfen, welche sich bei der Übertragung amerikanischer Studien auf Schweizer Verhältnisse ergeben, bleibt die Erkenntnis, dass weniger als 10 Prozent der intensiv therapierten jugendlichen Täter innert 10 bis 15 Jahren einschlägig rückfällig werden. Und nach dem 30. Altersjahr nimmt das kriminelle Potenzial in der gesamten männlichen Bevölkerung massiv ab. Aus volkswirtschaftlicher Perspektive ist die Anwendung intensivster Therapiemassnahmen bei jugendlichen Intensivstraftätern also sinnvoll. Selbst wenn jeder Zweite rückfällig wird, wäre die Intensivtherapie noch eine gute Investition, da die Therapiekosten viel geringer sind als der volkswirtschaftliche Schaden, sollte die Therapie fehlschlagen.

Carlos’ Therapie «lohnt» sich

Aus statistischer Sicht lohnen sich die 29'000 Franken pro Monat im Fall Carlos also. Er kostet die Allgemeinheit zwar 12'000 Franken mehr als eine Unterbringung im Zürcher Massnahmenzentrum für straffällige Jugendliche in Uitikon, das 17'000 Franken pro Monat kosten würde. Und sollte er bis zum 22. Lebensjahr die gleiche Behandlung erhalten, kämen Mehrkosten von 720'000 Franken zu den Normalkosten von 1,02 Millionen Franken hinzu. Die Summe von 1,74 Millionen Franken ist jedoch immer noch weit unter dem Schaden, den er als untherapierter Intensivtäter garantiert anrichten würde.

DerBund.ch/Newsnet

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