Schlächter-Inserat:«Es wundert mich, dass sich nur 39 meldeten»

39 Interessierte meldeten sich auf ein Inserat, das eine Frau und ihre Tochter zur Schlachtung anbot. Solche Fantasien sind verbreiteter als man denkt, sagt Sexologin Christa Gubler.

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Jvo Cukas

Gestern stand in Winterthur ein Mann vor Gericht, der auf einschlägigen Seiten im Internet eine Frau und ihre Tochter zur Schlachtung anbot. Auf die Anzeige meldete sich die erschreckende Zahl von 39 Interessierten. Ist diese Form der sexuellen Neigung also so stark verbreitet?
Es wundert mich eher, dass es nur 39 waren. Oft ziehen solche Inserate noch mehr Leute an. Allerdings muss man unterscheiden: Auf Internetforen geht es vielen Interessierten darum, sich solche Praktiken in der eigenen Fantasie vorzustellen. Meistens sind mehrere daran beteiligt und spielen eine Situation, zum Beispiel das Quälen einer Frau durch, geben Anweisungen, was man als nächstes mit ihr anstellen soll. Tatsächlich passiert aber nichts, alles spielt sich nur in der Fantasie der Teilnehmer ab. Den meisten reicht dies. Nur ganz wenige gehen wirklich dazu über, ihre Fantasien in die Tat umszusetzen. In diesen Fällen hat man es klar mit psychopathischen Persönlichkeitsstörungen zu tun.

Was heisst das? Wie viele Menschen sind der Fantasie-Gruppe zuzuordnen, wie viele würden zu Taten schreiten?
Man geht von unter einem Prozent der Bevölkerung aus, die eine psychopathische Persönlichkeitsstörung aufweisen. Bei jenen, die dies nur in ihrer Fantasie durchspielen, gibt es keine Zahlen. Die Dunkelziffer ist aber sehr hoch. Deshalb war ich auch erstaunt, dass sich nur 39 Interessierte auf das Internetinserat gemeldet hatten.

Was muss passiert sein, dass jemand – auch nur in seiner Fantasie – Menschen quälen oder gar schlachten will?
Da gibt es verschiedene Hintergründe. Einerseits gibt es bei gewissen Menschen Tendenzen oder Anlagen dazu. Andererseits haben solche Menschen meist nicht gelernt, mit Frustrationen umzugehen und eine befriedigende und genussvolle Sexualität zu entwickeln. Sie brauchen immer stärkere Reize, um erregt zu werden. In gewissen Lebenssituationen, zum Beispiel einem Jobverlust oder einer Scheidung, brauchen sie etwas um ihre angekratze Männlichkeit zu kompensieren. Es geht dann darum, sich wieder stark zu fühlen. Die eigene Ohnmacht und Wut wird so kompensiert.

Auch um Macht?
Ja, ganz klar. Sie wollen etwas bewirken können, wichtig sein, über andere bestimmen. Viele fühlen sich ohnmächtig als Mann.

Sie sprechen stets von Männern. Gibt es diese Neigung auch bei Frauen?
Ja. Aber Frauen tendieren dazu, die Aggressionen nach Innen zu leiten. Sie neigen also eher zu selbstschädigendem Verhalten.

Wann schreitet jemand tatsächlich zur Tat?
Wie gesagt, dies setzt erst einmal eine psychopathische Persönlichkeitsstörung voraus. Zudem hängt es von der Situation ab. Ein Beispiel könnte sein, dass ein Mensch mit dieser Veranlagung gerade eine grosse Frustration erlebt hat, auf eine Person trifft, die seine diesbezüglichen Fantasien anregt und er gleichzeitig die Möglichkeit hat, diese auszuleben.

Kann ein durchschnittlicher Mensch erkennen, wenn jemand in seinem Umfeld diese Neigung hat?
In der Regel erkennt man es nicht. Meistens wurden sie zwar in ihrer Geschichte schon irgendwie auffällig. Zum Beispiel durch ADHS in ihrer Kindheit, verschiedene Delikte oder Beziehungsprobleme. Es kann auch sein, dass sie Mühe haben, sich an ihrem Arbeitsplatz in ein Team einzufügen. Oft können sie ihre Neigungen aber gut verstecken. Ähnlich wie bei Pädosexuellen, findet vieles im Internet statt, kann durch Fantasien ausgelebt werden. Auch nur ganz wenige Pädosexuelle fassen tatsächlich jemals ein Kind an.

Kann man diese Störung therapieren?
Nicht durch eine normale Psychotherapie, aber durch eine forensische. Das heisst, man versucht zu verhindern, dass es wieder zu einem Delikt kommt. Dazu analysiert man das Verhalten des Klienten: Was löste ein Delikt aus, welche Fantasien stecken dahinter, wie suchte er ein Opfer aus. Aber auch: Wie rechtfertigt er etwas vor sich, von dem er weiss, dass es falsch ist. So kann man sehen, welche Verhaltensmuster hinter den Fantasien stecken und diese ändern.

Heisst das aber, die Neigung bleibt bestehen? Man lernt einfach, es zu keiner Situation kommen zu lassen, die einem zum Ausleben bringt.
Das ist unterschiedlich. Es gibt Klienten, bei denen die Neigung in den Hintergrund tritt. Bei anderen verhält es sich, wie bei Pädosexuellen: Entweder können sie lernen mit ihren Neigungen umzugehen, also niemandem mehr zu schaden. Oder sie sind nicht therapierbar. Dies hat aber im Strafprozess zu einem Delikt auch Folgen, wie beispielsweise eine Verwahrung.

Sie arbeiten mit diesen Menschen. Können Sie stets emotional die Distanz wahren, bei all den Dingen, die Sie hören?
In der forensischen Psychiatrie lernt man zu unterscheiden zwischen dem Menschen und der Tat. Die Tat lehnt man immer ab, aber nicht den Menschen. Nur so kann man erreichen, dass ein Klient sich mit jenem Anteil konfrontiert, der ihn zu Taten bringt. Die Therapien dauern deshalb auch bis zu acht Jahren.

DerBund.ch/Newsnet

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