«Oft denken sich Geiseln, es müsse ein Missverständnis vorliegen»

Ein Jahr lang war eine Bülacher Lehrerin im Jemen als Geisel festgehalten worden. Gestern kam sie frei. Ein Psychologe zeigt auf, was Geiseln durchmachen – und mit welchen Strategien sie überleben.

Zwölf Monate in Geiselhaft: Bülacher Lehrerin darf wieder in die Schweiz zurückkehren. (Video: Reuters)
Jvo Cukas

Wird man entführt, reissen einen Unbekannte plötzlich aus dem gewohnten Umfeld und nehmen einem die Freiheit. Wie reagiert man auf diese Situation?
Im ersten Moment steht man unter Schock. Man glaubt, im falschen Film zu sein, kann nicht glauben, dass dies wirklich passiert, und kann die Tragweite nicht erfassen. Es herrscht eine totale Orientierungslosigkeit und Hilflosigkeit. Oft denken sich Geiseln, es müsse ein Missverständnis vorliegen: «Ich bin ja keine wichtige Person, ich kann gar nicht gemeint sein.» So klammern sie sich an Fantasien, dass sie freigelassen werden, wenn sich das Missverständnis klärt.

Den meisten Opfern droht ja der Tod. Findet man sich damit aus Angst einfach ab oder entwickelt man Überlebensstrategien?
Bei einer Entführung erfährt das Opfer zunächst einen totalen Kontrollverlust. Natürlich steht es unter Todesangst und dies kann dazu führen, dass es mit seinem Leben abschliesst. Oder dass es panisch wird, schwitzt, zittert oder unkontrolliert schreit. Für viele ist aber eine Überlebensstrategie, dass sie versuchen, in kleinen Dingen die Kontrolle zu übernehmen.

Das heisst?
Wenn der Entführer beispielsweise verlangt, dass sie sich an einen bestimmten Ort hinsetzen, tun sie das. Aber einen halben Meter von der Stelle weg, die gefordert wurde. So wehren sie sich im Kleinen und können eine Teilkontrolle über die Situation zurückerlangen. Auch eine tägliche Meditation von fünf Minuten, auf die man sich freut, kann helfen. Auch wenn man gefesselt ist, gibt dies ein Gefühl einer Kontrolle, nach dem Motto: «Meinen Körper habt ihr, mein Geist ist frei.»

Im Zusammenhang mit Entführungen hört man oft vom Stockholm-Syndrom, also dass sich Opfer mit ihren Entführern identifizieren. Stellt sich dieses nach einer gewissen Zeit automatisch ein?
Grundsätzlich bedingt es, dass man mit seinen Entführern in Kontakt ist. Je länger man dann in Gefangenschaft lebt, desto eher entwickelt sich eine Situation der Nähe, in der man bei seinen Entführern menschliche Züge entdeckt. Diese Identifikation ist eine reine Überlebensstrategie: Wenn man sich kooperativ zeigt, behandeln einen die Entführer vielleicht besser. Man bekommt mehr Wasser oder zu essen. Es kommt weniger zu Gewaltanwendung, als wenn man sich wehren würde. Aber viele Opfer leiden in Freiheit dann darunter, dass sie sich kooperativ zeigten. Sie haben ein grosses Schamgefühl und fragen sich: «Was habe ich mit mir machen lassen?»

Oft werden die Opfer durch Youtube-Videos der Öffentlichkeit gezeigt. Wie erleben sie das?
Es ist eine sehr schwierige Situation. Meist müssen sie ein Verhalten zeigen, das mit der Realität nicht übereinstimmt. Auch werden sie kurz davor oft gewaschen, bekommen gute Kleider. Sie erhalten also eine Zuneigung und Aufmerksamkeit, von der sie wissen, dass sie nicht echt ist. Zudem kann es grosse Verunsicherung auslösen: Wie werden meine Eltern, mein Partner darauf reagieren? Und auch hier schämen sie sich in Freiheit oft dafür, dass sie dies mit sich machen liessen.

Die Rückkehr in die Freiheit – zurück zu Verwandten und Freunden: Ein Moment der grossen Freude?
Das Umfeld der Opfer freut sich natürlich riesig und ist überglücklich. Für die Opfer sieht dies aber anders aus. Sie haben lange Zeit in einer Extremsituation gelebt und versucht, zu überleben. Eine grosse Erschöpfung und Leere kann sich breitmachen. Sie brauchen Ruhe und müssen sich in langsamen Schritten an ihr altes Leben gewöhnen.

Das Umfeld wird wohl aber Freude über die Rückkehr erwarten. Gibt dies Konflikte?
Es kann durchaus zu Vorwürfen kommen, im Sinne von: «Wir haben so viele Hebel für dich in Bewegung gesetzt und nun zeigst du keine Dankbarkeit.» Es ist aber wichtig, dass das Umfeld seine Erwartungen zurücksteckt. Deshalb ist es wichtig, dass eine psychologisch geschulte Person die Zusammenführung begleitet. Die Opfer und Angehörigen brauchen dann einen geschützten Rahmen.

Soll das Umfeld das Opfer auf seine Erfahrungen ansprechen?
Meine Haltung ist: Klar nein. Die Opfer sollen darüber sprechen. Sie müssen aber selbst entscheiden können, was sie preisgeben und was nicht. Eine Vertrauensperson oder ein Therapeut, die behutsam auf das Erlebte eingehen, ist in dieser Situation immens wichtig. Es gibt aber auch Menschen, die gar nicht über ihr Erlebtes reden wollen.

Für das Umfeld ist wohl auch klar: Die Entführer sind die Bösen. Das Opfer hat aber wahrscheinlich eine komplexere Situation erlebt. Als Beispiel: Ein Entführer war umsichtiger, ein anderer gewaltbereiter. Wie können Opfer dies ihren Verwandten klarmachen?
Das tun sie in der Regel nicht. Tatsächlich ist es so, dass kleinste Zeichen der Zuneigung durch Entführer für die Opfer überlebenswichtig sind. Immer wieder kommen in therapeutischen Gesprächen Aspekte auf wie: «Der hat mir in die Augen geschaut, der hat mir einmal eine Seife geschenkt.» Die Erwartung des Umfeldes oder auch der Medien ist aber ein klares Schwarzweissbild. Um diese Dissonanz aufzulösen, brauchen die Opfer oft auch therapeutische Unterstützung.

Gibt es Dinge, die sich Entführungsopfer wegen ihrer Erlebnisse auch nach Jahren in Freiheit nicht mehr getrauen?
Es kommt darauf an, wie gravierend die Todesangst in der Entführungssituation war. In gewissen Fällen kann es zu Persönlichkeits- und Verhaltensänderungen kommen. Man steigt beispielsweise in kein Flugzeug oder kein Auto mehr ein. Oder meidet geschlossene Räume oder bestimmte Situationen, die einen an die Entführung erinnern könnten. Auch kann es sein, dass man kein Vertrauen in Menschen mehr aufbauen kann oder von Versagensgedanken geprägt ist. Hier wird therapeutische Hilfe notwendig.

Wieso Versagen?
Nehmen wir als Beispiel eine Situation, in der eine Geisel überlebt und eine andere in Gefangenschaft stirbt. Die Überlebende ist in solchen Situationen meist geprägt von einem grossen Schuld- und Versagensgefühl: «Ich habe es nicht verdient, zu überleben.» Oder: «Ich habe mich nicht gewehrt, habe alles mit mir machen lassen. Ich habe versagt.»

DerBund.ch/Newsnet

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