Nach dem Zwischenfall gabs bei Ueli Maurers Feier Gschwellti mit Chäs

Bundesrat Ueli Maurer feierte seine Wahl zum Bundespräsidenten. Zum Schluss fand in seinem Heimatort Hinwil das Festessen statt. Zuvor war ihm ein Unbekannter zu nahe gekommen.

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Jvo Cukas
Pascal Unternährer@tagesanzeiger
Simon Eppenberger@S_Eppenberger

19.20 Uhr: Die geladenen Gäste trudeln langsam im Armeelogistikcenter Hinwil ein, werden mit dem dritten Salutschuss begrüsst – und freuen sich auf das warme Menu: Gschwellti mit Chäs.

18.20 Uhr: Ueli Maurer begrüsst wieder zuerst die Romands auf französisch und heisst sie willkommen «dans mon village». Manche Hinwiler sind etwas verwirrt und freuen sich, als Maurer um Erlaubnis bittet, in seinem «Patois zurichois» weiterzufahren. Er sei auch im Gyrenbad zur Schule gegangen, nur habe es damals für die 38 Kinder nur einen Lehrer gehabt. Allerdings hätten sie auch nicht so tolle Produktionen gemacht wie die Schüler vorhin, erzählte er. WWW heisse für ihn nicht nur world wide web, sagte Maurer, sondern stehe für Wurzeln, Werte und Weitsicht. Wurzeln seine wichtig, um zu wissen, wo man zuhause ist. Werte habe das Land, das er ein Jahr lang wird repräsentieren dürfen. «Das Erbe kann schnell verloren gehen», warnte Ueli Maurer. Und die Weitsicht sei wichtig, weil die Welt manchmal die Orientierung verliere. Er habe seine starken Wurzeln in «Hiwil», sagt Maurer abschliessend unter grossem Jubel. Dann übergab ein einheimischer Kaminfeger Maurer ein Glück bringendes Hufeisen. Darauf wurde dem Volk in der klirrenden Kälte mit aufkommendem Wind ein Apero mit Weisswein, Orangenpunsch und Wienerli mit Bürli serviert.

18.10 Uhr: Schüler von der Schule Gyrenbad singen ein paar beschwingte Lieder. Eines ist sogar eine Eigenkreation: «Da im Gyrebad.»

18 Uhr: Auf dem Dorfplatz begrüsst der stolze Hinwiler Gemneindepräsident Germano Tezzele seinen berühmten Mitbürger. 165 Jahre nach dem ersten Bundespräsidenten Jonas Furrer aus Winterthur ist es ein Hinwiler, sagt das Oberhaupt der 11'000 Einwohner der Oberländer Gemeinde. Wir gratulieren ganz herzlich für die ehrenvolle Wahl. Als Geschenk hat Tezzele eine Glocke mit Gravur und Stickereien von Hinwil mitgebracht, die Maurer sogleich bimmeln lässt.

17.45: «Ueli, Ueli», rufen die Passanten, als Maurer zum Dorfplatz schreitet. Die Kinder lassen sich mit ihm fotografieren wie mit einem Popstar. Mehrere tausend Leute sind gekommen, um ihren Bundespräsidenten zu empfangen. Die Stimmung Maurers ist deutlich gelöster, er schreitet jetzt mit seiner Frau und seinen Kindern durch das Dorf. Freude hat Maurer, als er eine alte Radfahrkompanie mit alten Uniformen und Armeevelos am Strassenrand sieht. Mit den Männern mit den strammen Waden wechselt Maurer ein paar Worte.

17.40 Uhr: Zwischenfall auf dem Weg durch Hinwil. Ein älterer Tibeter will Maurer ein weisses Tuch über die Schulter legen und bittet den Bundesrat lauthals, Tibet zu helfen. Der Weibel schreitet sofort ein und hält den Mann zurück. Da er nicht locker lässt und «Please help Tibet, Mr. President» ruft, ringt ihn der Weibel nieder. Der Tibeter ist aber nicht aggressiv, zieht sich bald zurück und ruft noch ein paar Mal «Help Tibet». Maurer sagt: «Chumm, me gönd wiiter.»

Corine Mauch über Maurers Einsatz für Zürich: «Ich äussere das als Wunsch.» (Video: Jvo Cukas, Pascal Unternährer)

17.34 Uhr: Hinwil begrüsst Maurer. Neben vielen Einwohnern steht auch das Rekrutenspiel 16-3/2012 bereit, den Bundesrat zu empfangen.

17.12 Uhr: Die Festgesellschaft ist auf dem Weg nach Hinwil. Dort wird der designierte Bundespräsident auf Gleis 3 vom Gemeinderat empfangen. Danach gibt es für Maurer ein Bad in der Menge.

Bundesrat Ueli Maurer im Interview: 2013 amtet er als Bundespräsident. (Video: Jvo Cukas, Pascal Unternährer)

16.32 Uhr: Der Apéro im Landesmuseum löst sich langsam auf. Wer Ueli Maurer weiterhin begleitet, macht sich auf den Weg zum Bahnhof. Dort wartet der Sonderzug für die Fahrt nach Hinwil.

Lobt den Parteikollegen: Regierungsrat Ernst Stocker. (Video: Jvo Cukas, Pascal Unternährer)

15.44 Uhr: Abschliessend an die Rede von Maurer wird von den Musikerinnen und Musikern des Christoph Walter Orchestra der Schweizerpsalm angestimmt, der von Maurer und den Anwesenden im Saal mit solcher Inbrunst gesungen wird, dass sich so manches Publikum der Schweizer Nationalmannschaft ein Vorbild nehmen könnte.

15.29 Uhr: «Mir wird es langsam wohler», sagt Ueli Maurer in seiner Ansprache und begrüsst als erster auch «mes chers amis de la Suisse Romande». Er habe eigentlich mit den Gästen im Wald eine Wurst braten wollen, dann aber doch «einem eher offiziöseren Anlass zugestimmt», meint er schmunzelnd.

Er wolle drei Prinzipien folgen während seines Präsidialjahrs: Zuhören, ehrlich sein und die Leute ernst nehmen. Und er werde weiterhin Ski und Langlauf üben und sicher keine Bücklinge machen. «Wir haben ein so schönes Land», sagte Maurer. «Deshalb bin ich stolz, es ein Jahr lang repräsentieren zu dürfen.» Nun freue er sich auf ein Bier, eine Bratwurst und viele spannende Begegnungen. Und er zeigte sich erfreut, dass «die Schweiz den Pomp anderer Länder nicht kennt».

15.14 Uhr: Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf sagt, das Amt sei eine besondere Ehre. Heiterkeit löste ihr Spruch aus, dass der Bundespräsident über den Parteien steht. «Deshalb sprechen wir heute nicht über politische Parteien.» Widmer-Schlumpf meinte, heute müsse man mehr denn je den Zusammenhalt stärken, die Reihen schliessen und geeinter auftreten – «nicht nur weil der Wind aus Norden rauer weht».

Einen Tipp habe sie noch für Ueli Maurer: Wenn die Bundesratssitzung wiedermal länger dauert, brauche es vielleicht einen Zwipf. «Und mir kannst du Militärschoggi geben.» Obwohl Politiker stets mit leeren Händen kommen und mit vollem Magen gehen, wolle sie ihm ein Geschenk geben, sagt Widmer-Schlumpf und überreicht Maurer einen (Modell-)Gripen. «Den habe ich übrigens schon finanziert», sagt Widmer-Schlumpf – worauf Mauer aufsteht und ihr eine Militärschokolade übergibt.

15.02 Uhr: Der Zürcher Regierungspräsident Markus Kägi sagt anfangs ironisch: «Wir haben deine Wahlfeier möglichst hochgestochen und steril gemacht – so, wie du es magst.» Kägi charakterisiert Ueli Maurer als einen «Unbequemen, der nie zur Ruhe kommt und eine unheimliche Arbeitslast auf sich nimmt». Er, Maurer, habe gesagt, er sei «systembedingt» Bundespräsident geworden, sozusagen als Opfer des Turnus. Diese eigentümliche Unbeirrtheit sei unzürcherisch entspannt. «Wir feiern dich nicht mit Prunk, sondern sozusagen mit einer Veloklammer am Bein», sagte Kägi.

14.50 Uhr: Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch tritt unter kühlem Applaus auf die Bühne des Landesmuseum-Pavillons. Sie thematisiert den Ustertag von 1830, an dessen Gedenkanlass Maurer jüngst gesprochen hat, kommentiert die damalige neue Freiheit der Landschaft und spannt einen Bogen bis zu den Asylsuchenden von heute. Mauch wünscht Maurer ein gutes Präsidialjahr und dankt ihm für sein Engagement «für alle Menschen, die in der Schweiz leben und sich hier zu Hause fühlen.»

14.28 Uhr: Vor dem Landesmuseum werden mit einem belustigenden Ritual (alle Schützen spucken einen Pfropfen aus) die Gewehre gestopft. Nach ein paar Befehlen ertönt ein Salutschuss der Zürcher Landjäger, eine Taube fliegt weg, Maurer steht brav zwischen Weibel und Polizeikommandant. Frage an den Zürcher Polizeivorsteher Daniel Leupi: Wann wird einmal ein grüner Stadtrat Bundespräsident? Antwort: «Wenn man der Lokalpresse Glauben schenken darf: nie.»

14.14 Uhr: Der Sonderzug kommt im Zürich HB an, wo der Zürcher Stadt- und Regierungsrat zur Begrüssung warten. Darauf werden sich die 500 Gäste sich ins Landesmuseum begeben, wo die Historischen Landjäger der Cantonal-Polizey einen Salutschuss abgeben werden.

13:50 Uhr: Jetzt gibt Ueli Maurer den Journalisten Auskunft. Er sagt Erstaunliches: «Ich lasse mich nicht gerne feiern. Es ist nicht mein Tag, es ist der Tag der Schweiz. Es wird schon Abend werden.» Maurer gibt sich unwillig und bestätigt: «Es ist mir nicht wohl, vor all den Kameras zu stehen.» Sein Hauptziel während seines Präsidialjahres sei, die Bundesratssitzungen gut zu führen. Mit Noch-Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf habe er nicht über Tipps und Tricks der Repräsentation gesprochen. «Sie war ja auch nicht fehlerlos», bilanziert Maurer.

13:45 Uhr: Im Salonwagon sind die Super-VIPs wie Eveline Widmer-Schlumpf, Filippo Lombardi, Christoph Blocher, Verena Diener, Felix Gutzwiller, Toni Brunner oder Adrian Amstutz. Sie dürfen mit dem Geehrten essen: Es gibt eine Bauernplatte mit Fleisch und Käse. Fürs leibliche Wohl der anderen Gäste sind die Zürcher Landfrauen zuständig, die durch den Zug gehen und mit einem Lächeln Sandwiches und – untypisch – Muffins servieren. «Wir haben es nicht selber zubereitet», entschuldigt sich eine Landfrau.

13.16 Uhr: Dick eingepackt ist Christoph Blocher in den Zug eingestiegen. Er hatte nach seiner Wahl in die Landesregierung bekanntlich keinen Extrazug und keine Feier gewollt. Bei Maurer ist er dabei, auch wenn er findet: «Solche Feiern sind überholt.» Er hatte ausgerechnet, dass so ein Fest 1,5 Millionen Franken kostet - «Löhne inklusive». Damals spendete Herrliberg ein Fest für alle. Das habe ihm gepasst, so Blocher.

13.11 Uhr: Der Sonderzug fährt von Bern nach Zürich. Neben Maurers Vorgänger Christoph Blocher ist auch SVP-Intimfeindin Eveline Widmer-Schlumpf im Zug. Als amtierende Bundespräsidentin wird sie in Zürich eine Rede halten.

13.05 Uhr: Kurz nach Maurer trifft viel Politprominenz ein. Doris Fiala ist ratlos, da sie nicht weiss, wo einsteigen. Man sagt ihr, sie sei frei, sich einen Platz zu suchen.

12.59 Uhr: Der künftige Bundespräsident Ueli Maurer trifft auf dem Gleis 9 des Berner Hauptbahnhofs ein. Er ist in aufgeräumter Stimmung, das Polizeiaufgebot ist gut schweizerisch diskret. Zu DerBund.ch/Newsnet sagt er auf die Frage, ob er heute bissige Reden erwartet: «Wenn Sie keine halten, wirds bestimmt lustig», sagt Maurer und lacht.

Vorgeschichte

Heute kurz nach 13 Uhr wird das gesamte Who’s who der Schweizer Politik im Extrazug nach Zürich gefahren. Rund 500 Personen begleiten Ueli Maurer, der seine Wahl zum Bundespräsidenten feiert. DerBund.ch/Newsnet begleitet den Triumphzug und berichtet laufend.

In der Limmatstadt wird er von Regierungs- und Stadtrat empfangen, dann gehts zu Fuss und begleitet von der Korpsmusik der Kantonspolizei in den Hof des Landesmuseums. Dort werden die historischen Landjäger der Cantonal-Polizey einen Salut abfeuern. Zum Anstossen im Landesmuseum ist auch die Bevölkerung eingeladen.

Dass sich Maurer für das Landesmuseum entschieden hat, ist interessant. 2008, bei seiner Wahl in den Bundesrat, zog er durch die Stadt in die Tonhalle – und wurde von Stadtpräsident Elmar Ledergerber ziemlich giftig angepflaumt, weil er sich als bodenständiger Oberländer in einem städtischen Kulturtempel feiern lasse, dessen Subventionierung in SVP-Kreisen als «zum Fenster hinausgeworfenes Geld» bezeichnet werde.

Armeehalle als Festsaal

Mit dem Zug gehts gegen Abend dann nach Hinwil, wo in Ermangelung eines Festsaals das Armee-Logistikzentrum ausgeräumt, möbliert und geheizt wird. Deshalb ist das Budget des Kantons deutlich höher als bei anderen Feiern.

Die Stadt Zürich hat 15'000 bis 20'000 Franken im Budget vorgesehen. Beim Kanton beträgt gemäss Regierungssprecherin Susanne Sorg das Budget maximal 250'000 Franken, während Hinwil wohl mit ein paar 10'000 Franken davonkommt. Die Gemeinde am Bachtel hat zudem 2011 wegen der Nichtwahl von Bruno Zuppiger in den Bundesrat einiges gespart.

Als Blocher sich querstellte

In ein schlechtes Licht gerückt hat diese Feiern Christoph Blocher 2003. Er liess den offiziellen Staatsakt platzen und weigerte sich, seine Wahl in den Bundesrat auf Kosten des Kantons zu zelebrieren. Die Gemeinde Herrliberg organisierte darauf eine Stehparty ohne Menü, die allerdings nach einem Medienhype von 2000 Leuten gestürmt wurde. Blochers PR-Trick funktionierte: Er musste sich auf dem obligaten Umzug durch Zürich nicht ausbuhen lassen, und in Herrliberg durfte er mit dem Volk statt mit der «Classe politique» feiern.

Festmuffel wie Blocher aber gibts in der SVP nur wenige. Max Binder genoss 2003 nach seiner Wahl zum Nationalratspräsidenten das ganze Programm mit 600 Gästen samt Salut im Landesmuseum und Diner in der Effretiker Sporthalle Eselriet. Auch die SVP-Regierungsräte Markus Kägi und Ernst Stocker liessen es sich gut gehen – ebenso Jörg Trachsel (SVP) bei seiner Wahl zum Kantonsratspräsidenten.

Die Knausrigkeit der SVP – und der Jungfreisinnigen – wurde jedoch dem grünen Regierungsrat Martin Graf zum Verhängnis. Nach Protesten der beiden Jungparteien gegen die Verschwendung von Steuergeldern wurde der Umtrunk für die Bevölkerung von Illnau-Effretikon nach seiner Hochzeit mit Esther Hildebrand zum Apéro pauvre degradiert – ohne Nüssli und Champagner. Die 1000 Franken bezahlten die Stadträte aus dem eigenen Sack. (rba)–

DerBund.ch/Newsnet

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