«Latein ist eine fantastische Vorbereitung für alle Profile»

Im Lateinunterricht lernen Kinder, Sprache zu analysieren. Das helfe gerade Naturwissenschaftlern, sagt Lateinlehrerin Islème Sassi.

Gemäss der Lateinlehrer wird in ihrem Unterricht der Blick für den Aufbau einer Sprache geschärft.

Gemäss der Lateinlehrer wird in ihrem Unterricht der Blick für den Aufbau einer Sprache geschärft. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Die Zahl der Lateinschüler in den Zürcher Obergymnasien hat in den letzten 20 Jahren drastisch abgenommen. Latein ist dem Untergang geweiht – einverstanden?
Dieses Verdikt hat man schon vor 20 Jahren über das Latein gesprochen. Es wird dabei mit den Profilwahlzahlen argumentiert, die sich halbiert haben. Man muss die Zahlen jedoch im Kontext der breiten Ausfächerung der Profile sehen. Gemessen an den Wahlmöglichkeiten sind die Profilwahlzahlen für Latein absolut erwartbar und durchschnittlich.

Aber im Durchschnitt wählen nicht einmal 15 Prozent der Langzeitgymnasiasten im Kanton ab der 3. Klasse Latein. Wozu braucht es da den Lateinunterricht im Untergymnasium noch?
Wir vermitteln Schülerinnen und Schülern in den zwei Jahren Wissen und Kompetenzen, die für sie auch dann wertvoll sind, wenn sie danach ein Profil ohne Latein wählen.

Was kann Latein, was andere Fächer nicht können?
Im Unterricht vermitteln wir verschiedene sprachliche Kompetenzen, die wir beim Lehren von modernen Fremdsprachen gewöhnlich nicht weitergeben können. Mit Latein zeigen wir den Schülerinnen und Schülern, wie eine Sprache in ihrem Innenleben funktioniert.

Wie eine Sprache gebaut ist?
Es geht darum, den Blick für den Aufbau einer Sprache zu schärfen und die analytischen Kompetenzen zu verbessern. Dass wir es mit einer toten Sprache zu tun haben, ist ein Vorteil. Weil wir die Sprechkompetenz nicht üben müssen, können wir früher als bei modernen Fremdsprachen komplexe Strukturen analysieren. Für alle sprachlichen Profile ist Latein also eine fantastische Vorbereitung, die ein solides Verständnis für alle romanischen und auch indoeuropäischen Sprachen vermittelt. Ein Grundwortschatz an Latein ist für viele Bereiche wertvoll.

«Auch der englische Wortschatz besteht zu 60 Prozent aus lateinischen Wörtern.»Islème Sassi
Lateinlehrerin,
Ex-Wirtschaftsinformatikerin

Latein macht die Jugendlichen also zu besseren Deutschschülern?
Im Latein suchen wir immer nach einer präzisen Übersetzung im Deutschen. Das hilft, den Wortschatz zu erweitern, und schärft den Blick für sprachliche Nuancen. Und ausserdem: Auch der englische Wortschatz, das vergisst man gern, besteht zu 60 Prozent aus lateinischen Wörtern. Da bietet Latein ein wichtiges Fundament an Wissen. Heutige technische Errungenschaften haben Wurzeln, die weit zurückreichen, oft bis in die Antike. Und wir erwarten, dass unsere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ihre Arbeit in einem grösseren Kontext verorten. Zudem hilft das Analytische des Lateins vielen Naturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern. Da spreche ich auch von mir.

Sie haben einen naturwissenschaftlichen Hintergrund?
Ich habe eine Lehre als Wirtschaftsinformatikerin gemacht und auf dem zweiten Bildungsweg studiert.

Es heisst, vielen Lateinlehrern mangle es am modernen Kulturverständnis.
Das stimmt schlicht nicht. Unsere Kultur beruht nun einmal auf einer 2500 Jahre alten Geschichte. Dieses Wissen bereichert unser Verständnis vom Jetzt, wie alles gewachsen ist. Und ich glaube, die Zukunft liegt nicht darin, alte Zöpfe abzuschneiden und auf die neue Technik zu setzen, sondern beides miteinander zu verbinden.

Fürchten Sie sich um Ihren Berufsstand?
Eine Beklemmung ist zu spüren, allgemein bei den Geisteswissenschaftlern. Es ist sehr schade, wenn Naturwissenschaften den Geisteswissenschaften als konträr gegenübergestellt werden. Dabei ist eine konstruktive Zusammenarbeit möglich.

«Geht es wirklich um die Bedürfnisse der Schüler? Oder nicht eher um die der Wirtschaft?»Islème Sassi

Es wird die Forderung laut, Schulen sollten sich nach den Bedürfnissen der Schüler richten.
Geht es wirklich um die Bedürfnisse der Schüler? Oder nicht eher um die der Wirtschaft? Dass es in der Schweiz an Ingenieuren und ähnlichen Berufsgattungen fehlt, liegt bestimmt nicht am Lateinobligatorium in der Unterstufe. In meinen bald zehn Jahren Unterrichtstätigkeit habe ich durchgehend die Erfahrung gemacht, dass die Schüler gern Latein lernen.

Was heisst das in Zahlen?
Im neuen 3.-Klass-Jahrgang besuchen 49 von 126 Schülerinnen und Schülern weiterhin den Lateinunterricht, als Haupt- oder Nebenfach. Bei den 5.-Klässlern sind es aktuell 30 von 120 Schülerinnen und Schülern. Das zeigt, dass auch in der Oberstufe viele Schülerinnen und Schüler sich gern weiter mit Latein beschäftigen.

Dennoch: Viele verbinden diese ersten beiden Jahre mit dem Pauken von unendlich vielen Wörtern.
Der Unterricht hat sich in den letzten 20 Jahren ungemein gewandelt. Der Wortschatz wurde stark reduziert, an die Wissenschaftssprache angepasst. Dazu kommt viel Wortarbeit, die das Lernen erleichtert. Zudem wurde die Stundentafel längst korrigiert. Die Schülerinnen und Schüler haben an unserer Schule drei bis vier Wochenlektionen Latein, abhängig von der Stufe. Ich lade alle ein, bei denen der Lateinunterricht schon länger zurückliegt, wieder einmal einer Lektion beizuwohnen.

Fehlt der heutigen Gesellschaft vielleicht die Affinität fürs Latein als Bildungssprache?
Ich begrüsse eher, dass es so ist. Latein ist kein elitäres Fach. Jeder und jede kann es lernen und sich dafür begeistern.

Was bringt die Zukunft?
Wir behalten Latein im Untergymnasium als wertvolle Ergänzung des Fächerkanons und im Obergymnasium als Profil für kulturell und literarisch interessierte Gymnasiastinnen und Gymnasiasten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2018, 15:48 Uhr

Islème Sassi

Einst Wirtschaftsinformatikerin, heute Lateinlehrerin

Islème Sassi (34) unterrichtet seit neun Jahren am Realgymnasium Rämibühl in Zürich Latein und Geschichte. Sie hat eine Lehre als Wirtschaftsinformatikerin und auf dem zweiten Bildungsweg die Matura gemacht – und Latein gelernt. Ab Februar 2019 wird sie die zukünftigen Lateinlehrer und Lateinlehrerinnen an der Uni Zürich ausbilden. (Bild: PD)

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