Hilfe, die Zürcher kommen!

Die Einkaufstouristen sind für Jestetten eine Plage. Doch Aldi hat nicht genug und will im Nachbardorf eine weitere Filiale bauen. Die Lottstetter wehren sich.

Vor dem Aldi in Jestetten dominieren Fahrzeuge aus Kloten, Bülach, Zürich, Winterthur.<br>Foto: Doris Fanconi

Vor dem Aldi in Jestetten dominieren Fahrzeuge aus Kloten, Bülach, Zürich, Winterthur.
Foto: Doris Fanconi

Anita Merkt@tagesanzeiger

Am Samstag geht kein Jestetter mehr einkaufen. «Und wenn, dann zwischen 8 und 10 Uhr», sagt die Velofahrerin, die sich ausnahmsweise in den Edeka-Markt gewagt hat. «Am Donnerstag fängt es schon an. Ab Freitag ist die Hölle los.» Autoschlangen winden sich durchs Dorf. Auf den Parkplätzen der Drogerien und der Apotheke stehen wartende Autos denen im Weg, die gern hinausfahren würden. Damit die Fussgänger noch über die Strasse kommen, musste das 4000-Seelen-Dorf drei Ampeln installieren.

Auf dem Parkdeck vor dem Edeka-Markt und dem Aldi-Parkplatz am Dorfausgang stehen zu 90 Prozent Autos mit Zürcher Kennzeichen. Die Halter kommen aus Kloten, Bülach, Zürich, Winterthur. Sie füllen ihre Einkaufswagen bis zum Rand, Schwester oder Mann schieben einen zweiten hinterher. Milch, Joghurt und Babywindeln verschwinden palettenweise im Kofferraum. «Im Aldi geht es zu wie im Krieg», sagt ein Einheimischer. Angesichts von Waren, die ein Drittel oder die Hälfte von dem kosten, was man in der Schweiz bezahlt, fallen die zivilisatorischen Schranken: Die Kartons der Schnäppchenangebote werden aufgerissen, der Inhalt herausgezogen und bei Nichtgefallen liegen gelassen. Die Regale ­ähneln einem Schlachtfeld.

«Jeden zweiten Tag ein Unfall»

«Als der Franken sprunghaft gestiegen ist, haben die Discounter nicht genug Personal gefunden, um die Regale wieder aufzufüllen», sagt die Velofahrerin. Eine Hausfrau, die im Edeka genau dieser Arbeit nachgeht, klagt, dass ihr oft die Ware aus der Hand gerissen werde. Auch die zwei Drogeriemärkte der ­DM-Kette können dem Ansturm der ­Schweizer nicht mehr standhalten.

Da Bauland für weitere Märkte in Je­stetten nicht mehr zu haben ist, haben Aldi und DM im Nachbarort Lottstetten angeklopft. Die Grenzgemeinde mit 2000 Einwohnern hat den Durchgangsverkehr zwischen Zürich und Schaffhausen vor Jahrzehnten auf eine Umfahrungsstrasse verlegt. Weil die meisten Schweizer nicht direkt durchs Dorf fahren, blieb Lottstetten weitgehend von Märkten verschont. Es gibt zwar einen Lidl, einen Markant, einen Kik und einen Deichmann. Doch das ist den Lottstettern eigentlich schon genug.

«Wo die Schweizer von der B 27 abfahren, um zu den Märkten zu kommen, gibt es fast jeden zweiten Tag einen Auffahrunfall», sagt Peter Jünger. Sein Bruder betreibt in Jestetten eine Bäckerei vor dem Penny-Markt. Die Kunden kommen zu 30 Prozent aus dem Nachbarland. «Die Schweizer sind für uns Fluch und Segen zugleich», sagt Jünger. Doch ihm reicht das Verkehrschaos in Jestetten. Wenn auch Lottstetten einen Aldi bekomme, sei der Frieden im Dorf dahin.

Aldi würde Kreisel finanzieren

Der Bauer, dessen Land Aldi kaufen möchte, hätte gern schon lange verkauft. Er ist 65, möchte kürzertreten, einen Nachfolger gibt es nicht. Sein Grundstück mit Wohnhaus und Stall liegt aber auf Dorfgebiet. Bevor Aldi dort eine Filiale bauen darf, müsste der Gemeinderat das Land umzonen. Doch bevor er das tut, will das Gremium grundsätzlich klären, «ob wir hier Möbelmärkte und noch mehr Discounter wollen», sagt Bürgermeister Jürgen Link. Vorerst hat der Gemeinderat das Gebiet mit einer Veränderungssperre belegt.

Die Baupläne von Aldi und der Drogeriekette DM sind damit sistiert. Den Hard-Discounter mit grosser Rechtsabteilung wurmt das entgangene Geschäft. Gegen das Landratsamt Waldshut hat er bereits durchprozessiert. Aldi vertritt die Auffassung, dass ein Markt mit 800 Quadratmeter Verkaufsfläche auch auf Dorfgebiet gebaut werden darf. Doch das Oberlandesgericht Karlsruhe beschied ihm, dass er ohne Umzonung weder Markt noch Parkplatz bauen darf.

Um die Dorfbewohner für sich zu gewinnen, hat Aldi nun angeboten, die unfallträchtige Kreuzung auf eigene Kosten durch einen Kreisel zu ersetzen. Doch die Lottstetter fürchten, dass bald auch durch ihr Dorf die Autokolonnen aus Zürich rollen. Die Umfahrungsstrasse in Richtung Eglisau wird am Samstag zum Parkplatz für Schweizer, die am Zollamt ihre Mehrwertsteuerzettel abstempeln lassen. Wer das nicht nötig hat, könnte bald den Schleichweg durch das Dorf vorziehen. Der Gemeinderat geht Mitte April in Klausur, «um in aller Ruhe zu klären, wohin die Reise gehen soll».

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