«Diese Täter manipulieren selbst Therapeuten»

Ein Heiratsschwindler betrügt mehrere Frauen um hunderttausende Franken: Wie man zum Opfer wird und was im Täter vorgeht, erklärt Psychiater Josef Sachs.

Mal gab er sich als erfolgreicher Finanzjongleur aus, mal brauchte er Hilfe wegen Schulden: Heiratsschwindler Reiner H.

Mal gab er sich als erfolgreicher Finanzjongleur aus, mal brauchte er Hilfe wegen Schulden: Heiratsschwindler Reiner H.

(Bild: PD)

Jvo Cukas

Kürzlich wurde im Kanton Thurgau ein Heiratsschwindler verhaftet, der Frauen in Deutschland und der Schweiz um Hunderttausende Franken erleichterte. Was braucht es, um Opfer eines solchen Hochstaplers zu werden?
Grundsätzlich kann dies jedem passieren. Meist handelt es sich um Menschen, die ein Gegenüber suchen, das ihnen Wertschätzung und Zuwendung gibt. Zum Beispiel mit guten Gesprächen und Komplimenten. Je stärker dieses Bedürfnis nach Zuwendung ist, desto gefährdeter ist man.

Es geht also um einsame Menschen.
Das greift zu kurz. Natürlich sind einsame Menschen stärker gefährdet. Aber die Opfer sind meist normal funktionierende Leute, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Sie brauchen aber vielleicht überdurchschnittlich viel Zuwendung. Hinzu kommt ein weiterer Aspekt. Hochstapler umgibt oft die Aura des Interessanten und Speziellen. Dies kann bei Opfern einen zusätzlichen Kick ausmachen: Sie sind zusammen mit jemand ganz Besonderem.

Die Opfer im Thurgauer Fall berichten rückblickend alle von deutlichen Anzeichen, dass sie einem Betrüger aufsassen. Trotzdem brachen sie den Kontakt nicht gleich ab. Wieso?
Wenn man Vertrauen zu jemandem gefasst hat, braucht es viel, bis man Lügen als solche wahrnimmt. Wir Menschen neigen dazu, eine einmal gefasste Einschätzung einer anderen Person nicht ohne Not zu revidieren. Das tun wir erst, wenn sehr viele Anzeichen dafür sprechen. Es ist wie das Überspringen einer inneren Hürde. Sind die Opfer zudem gutgläubig, brauchen sie noch viel mehr, bis sie an diesen Punkt gelangen.

Der genannte Hochstapler gab bei einigen Frauen vor, ein wichtiger Finanzjongleur zu sein und ihr Geld anlegen zu wollen. Bei anderen suchte er um Hilfe wegen seiner Schulden. Wird man da nicht automatisch misstrauisch? Es ging ja um Hundertausende.
Von aussen betrachtet, hat man das Gefühl, das könne einem nicht passieren. Wenn man aber in einer Liebesbeziehung steckt und dem Menschen vertraut, ist man zu viel mehr bereit. Zudem verlangen die Hochstapler ja nicht gleich hunderttausend Franken. Es fängt mit kleinen Beträgen an und wird erst allmählich mehr. Auch wenn Opfer etwas merken, reden sie sich lange ein, dass alles in Ordnung ist. Sich selber gegenüber zuzugeben, dass man jemandem auf den Leim kroch, ist sehr schwierig. Man muss sich dem eigenen Versagen erst stellen können.

Zum Täter: Wenn man gleichzeitig mehreren Frauen vorspielen muss, jemand völlig anderes zu sein, als man tatsächlich ist: Ist dies nicht ein gigantischer Aufwand?
Der ist auf jeden Fall enorm. Es ist sozusagen ein vollamtlicher Beruf. Aber Hochstapler haben meist eine narzisstische Persönlichkeit. Sie brauchen Leute um sich herum, die sie bewundern und sie als etwas Spezielles ansehen. Für sie ist dies ein Lebenselixier. Auch kennen sie kein schlechtes Gewissen. Für sie gehört diese ständige Täuschung zu ihrer Person seit der Kindheit oder Jugend. Zudem haben sie klare Methoden, wie sie verhindern können, dass sie auffliegen.

Wie sehen die aus?
Einerseits treten sie meist sehr gepflegt auf und sind sehr kontrolliert. Sie werden kaum einen Hochstapler finden, der sich betrinkt. Andererseits sind sie extrem gute Zuhörer, stellen wenig Fragen und geben ihren Opfern so Raum, von sich selbst zu erzählen. So erfahren sie viel Privates, ohne von sich selbst erzählen zu müssen und mögliche Widersprüche zu schaffen. Zudem geben sie dem Gegenüber zu verstehen, dass sie in weltanschaulichen oder religiösen Themen genau gleicher Meinung sind, was Vertrauen schafft. Opfer erzählen rückblickend oft, dass sie eigentlich gar nichts Genaues über ihren Liebsten wussten. Trotzdem machte sie das nicht misstrauisch. Kurz gesagt: Hochstapler sind gute Verkäufer. Wenn Sie einen Kursinstruktor für angehende Autoverkäufer suchen, wären Hochstapler die idealen Kandidaten.

Im genannten Fall wurde der Heiratsschwindler in Deutschland bereits verurteilt. Trotzdem machte er weiter. Weshalb?
Es ist eine Art von Sucht: Ein guter Schauspieler zu sein, den niemand durchschauen kann, etwas ganz Besonders darzustellen. Sie brauchen das für ihr Selbstwertgefühl, das nämlich eigentlich sehr gering ist. Oft werden sie auch immer kecker und steigern die Betrügereien, nach dem Motto: ‹Ich bin so gut, mich erwischt man sowieso nicht.›

Was passiert, wenn man sie erwischt und es Konsequenzen wie Gefängnis und zwangsläufig wohl auch Therapie gibt?
Viele sind in dieser Situation suizidgefährdet. Sie wollen eine Auseinandersetzung mit dem Thema Wahrheit und Lüge in ihrem Leben um jeden Preis verhindern. Deshalb ist es auch äusserst schwierig, diese Menschen zu therapieren. Vielleicht geben sie mal etwas zu, meist lassen sie eine Diskussion über sich aber gar nicht zu. Hinzu kommt, dass sie auch sehr gut darin sind, mit ihren Methoden selbst Therapeuten um den Finger zu wickeln. Sie gehen immer äusserst manipulativ vor.

DerBund.ch/Newsnet

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