Die versteckten Kinder

Drogenabhängige isolieren nicht nur sich von der Aussenwelt, sondern oft auch ihre Kinder – aus Angst sie könnten ihnen weggenommen werden. Eine Betroffene sagt wie es weiterging, als die Polizei einschreiten musste.

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Jvo Cukas

«Ich habe mich riesig über meine Schwangerschaft gefreut», sagt Mirjam Moser*, «und von einem Tag auf den anderen keinen Alkohol und keine Medikamente mehr konsumiert». Einzig Methadon habe sie weiter genommen. Die heute 35-jährige Moser kam im Alter von 24 zum Heroin. Am Rande einer Goa-Party hatte man sie eingeladen, eine Folie mitzurauchen.

Bald war die Droge täglicher Bestandteil ihres Lebens. Sie arbeitete zwar weiterhin. Die Mittagspause aber nutzte sie, um Drogen aufzutreiben. «Ich war wie ferngesteuert, habe ständig geschwitzt und fühlte mich unsicher.» Irgendwann starb ihr Lebenspartner, nachdem sie gemeinsam konsumiert hatten. «Das war so ein Schock, da wollte ich mit den Drogen aufhören.»

Vom Heroin zum Alkohol

Doch ganz klappte das nicht. Zwar kam sie ins Methadonprogramm, trank nebenher aber viel Alkohol und nahm Medikamente wie Ritalin oder Benzodiazepine. In dieser Zeit lernte sie einen Mann kennen, verbrachte mit ihm oft Nachmittage auf Parkbänken – und trank. Plötzlich wurde sie schwanger von ihm. «Ich hatte mir immer ein Kind gewünscht und wollte es unbedingt haben.»

Die Schwangerschaft verlief problemlos. Ihre Freude auf die Mutterrolle war gross, sie begann Decken zu häkeln, konnte ihren Methadonkonsum gar etwas abbauen. Als Söhnchen Tom* vor zwei Jahren geboren wird, muss er zuerst in den Entzug. «Er war sehr schreckhaft, hat viel gezittert.» Nach zehn Wochen kann Moser ihren Sohn nach Hause holen.

Isolation und Verstecken

Doch die positiven Veränderungen von Moser während der Schwangerschaft halten nicht lange an. Obwohl eine Mütterberaterin regelmässig bei ihr vorbeischaut, sie in Erziehungsfragen berät, verfällt sie wieder in alte Muster. Sie trinkt täglich und isoliert sich von ihrer Aussenwelt. Der Beraterin verschweigt sie ihre Probleme. Hinzu kommt, dass sie in einem kleinen Dorf wohnt, weit abseits der Stadt. Kontakte mit anderen Müttern pflegt sie keine. «Ich wusste, mein Sohn würde den Kontakt mit anderen Kindern brauchen. Aber ich hatte Angst auf andere Eltern zuzugehen, Angst sie würden merken, was mit mir los ist.»

Genau diese Isolation sei typisch für drogenabhängige Eltern, erklärt Anke Knetemann, Bereichsleiterin Kinder beim Verein «Die Alternative». Dieser führt verschiedene Institutionen im Kanton Zürich, die Drogenabhängigen und ihren Kindern helfen, zurück in ein normales Leben zu finden. «Sie sind von einem grossen Schamgefühl geprägt, verstecken sich, um möglichst nicht aufzufallen – aus Angst man könnte ihnen die Kinder wegnehmen.» Die Behörden würden oft spät reagieren, wenn die Situation zu eskalieren drohe. «Kinder gelten immer noch als Privatsache. Es wäre wichtig, man würde bei drogenabhängigen Eltern schon von Geburt des Kindes an eine umfassende Betreuung sicherstellen.»

Behörden reagieren spät

Knetemann weiss nicht, wie viele Kinder im Kanton Zürich in dieser Situation aufwachsen. Bei der «Alternative» gebe es aber jährlich rund 80 Anfragen. Die meisten aus dem Kanton selbst. «Nach wie vor gibt es keinen standardisierten Ablauf, wie man bei drogenabhängigen Eltern verfahren soll», erklärt Knetemann. So sei es für die Süchtigen leicht, nicht auf dem Radar von Behörden und Hilfestellen zu erscheinen. «Wenn man zu einer kinderärztlichen Kontrolle nicht erscheint oder andere Termine nicht wahrnimmt, hat dies ja keine Konsequenzen.»

Auch Moser hält sich rund ein Jahr lang vornehmlich in den eigenen vier Wänden auf. «Ich liebe mein Kind, habe es immer gefüttert und gewickelt», erklärt sie. Aber für mehr reicht es nicht. Oft fehlt die Energie, wirklich auf das Kind einzugehen. Der Drang zum Alkohol ist stärker. Die Einsamkeitsgefühle werden stärker und stärker, sie verbringt Stunden in Internetchats, holt sich Fremde nach Hause, um nicht allein zu sein.

Therapie oder Fremdplatzierung des Kindes

Irgendwann eskaliert die Situation. Der Pate ihres Kindes kommt vorbei als Moser – mit 2,5 Promille Alkohol im Blut und dem Sohn auf dem Arm – kaum mehr gerade gehen kann. Der Pate schaltet die Polizei ein. «Ich war unheimlich wütend auf ihn und meinte, ich schaffe das alleine», erklärt Moser. Noch ein zweites Mal wird die Polizei vorbeikommen – diesmal hat Moser wieder gefixt – bevor sich die Behörden endgültig einschalten. Nun steht Moser vor der Wahl: Entweder sie lässt sich behandeln oder ihr Sohn wird fremdplatziert. Nach einem Entzug kommt sie nach Ottenbach in den Ulmenhof, der stationären Therapie der «Alternative». Ihr Sohn ist zu diesem Zeitpunkt knapp einjährig.

«Wenn die Klienten zu uns kommen, gibt es zuerst eine etwa dreimonatige Beobachtungsphase», erklärt Bereichsleiterin Knetemann. Dort wird geschaut, welche Ressourcen die Süchtigen mitbringen, wie sich die Kinder entwickeln und an welchen Defiziten man arbeiten will. Daraufhin werden Ziele definiert. Die Eltern sind dabei meist bei ihren Kindern in der Kindergruppe, ausser bei den nachmittäglichen Therapiesitzungen.

In einer zweiten Phase verbringen sie weniger Zeit mit ihren Kindern, arbeiten in der internen Werkstatt, werden vermehr mit sich und ihren eigenen Bedürfnissen konfrontiert. Während 24 Stunden am Tag sind Betreuer vor Ort. Die Kinder verbringen die Tage in der hauseigenen Krippe. Die restliche Zeit sind sie mit ihren Eltern in der Wohngruppe.

Schnelle Fortschritte beim Kind

Konsumieren dürfen die Süchtigen, was ihnen der Arzt verschreibt – Methadon oder Medikamente. Nebenkonsum ist verboten und wird mit Urinproben kontrolliert. «Oft gehen Substanzabhängige eine symbiotische Beziehung mit ihren Kindern ein, lassen sie kaum aus den eigenen Armen», erklärt Knetemann. Es sei aber wichtig, dass sie auch lernen würden, sich mit sich selbst zu beschäftigen und einen Selbstwert entwickeln. Erst dann könnten sie auch wirklich auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen.

Moser ist zuerst kritisch, als sie in der Institution aufgenommen wird. «Ich sagte mir, ich mache das für mein Kind. Erst später merkte ich, dass es auch mir half.» Bald sieht sie aber Fortschritte. Ihr Sohn blüht auf, geniesst es mit anderen Kindern zu spielen. «Plötzlich konnte er selber sitzen und selbstständig essen.» Wenn sie heute Fotos ihres Kindes aus der Zeit vor der Institution anschaut, tut ihr das weh. «Er war einfach nicht glücklich. Das tut mir unendlich leid.»

Zurück ins normale Leben

Mittlerweile – nach zwölf Monaten im Ulmenhof – darf Moser nach Birmensdorf wechseln. Die dritte Phase der Therapie beginnt. «Dort leben die Klienten in einer eigenen Wohnung innerhalb der Hausgemeinschaft», erklärt Bereichsleiterin Knetemann. «Wenn sie bereits eine Arbeit gefunden haben, gehen sie dieser nach oder arbeiten in den internen Werkstätten weiter.» Die Kinder werden drei bis vier Tage im hauseigenen Hort betreut, solange die Eltern nicht zu Hause sind. Betreuer sind nur noch tagsüber vor Ort. «Ziel ist es, dass sie lernen, ihren Alltag selbstständig zu meistern.» Im betreuten Wohnen bleiben die Süchtigen rund ein weiteres Jahr. Sie dürfen im Ausnahmefall aber auch länger verweilen, wenn sie sich noch nicht bereit fühlen, wieder in eine eigene Wohnung zu ziehen.

Obwohl nicht alle Klienten den Weg zurück ins normale Leben finden, ist es für Knetemann zentral abzuklären, ob Eltern und Kinder zusammenbleiben können. «Die Kinder haben ein Recht auf Kontakt zu ihren Eltern.» In vielen Fällen ist es möglich, dass die Eltern einen kontrollierten Umgang mit ihrer Abhängigkeit finden und sich um ihre Kinder kümmern können. In anderen Fällen sei eine Platzierung in einer Pflegefamilie sinnvoll, so Knetemann. «So oder so hat man in der Therapie aber für Kinder und Eltern viel Positives bewirken können.»

Mirjam Moser wünscht sich nun nichts mehr, als einen Job und eine eigene Wohnung zu finden. Manchmal, wenn sie durch die Getränkegestelle eines Supermarktes geht, kommt die Lust auf Alkohol zurück. «Ich würde gerne wieder einmal ein Glas Rotwein mit einer Freundin trinken. Gleichzeitig will ich aber nie mehr in die Situation zurückfallen, die ich erlebt habe.» Auch ihre frühere Isolation geht sie mittlerweile aktiv an. Um andere Mütter mit Kindern kennenzulernen, hat sie in einer Zeitung eine Annonce aufgegeben. Bisher hat sich niemand bei ihr gemeldet.

*Namen der Redaktion bekannt

DerBund.ch/Newsnet

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