«Die Suva kann nicht Mieter unter Druck setzen»

Die Suva kaufte nahe beim Paradeplatz eine Immobilie und erhöht nun die Mietpreise derart, dass Kleingewerbler umziehen müssen. Die Empörung darüber sei berechtigt, meint Wirtschaftsethiker Gerald Deix.

«Die Suva hat eine Vorbildfunktion»: Wirtschaftsethiker Gerald Deix.

«Die Suva hat eine Vorbildfunktion»: Wirtschaftsethiker Gerald Deix.

(Bild: PD)

Jvo Cukas

Die grösste Unfallversicherung der Schweiz kaufte unlängst ein Haus am Bleicherweg. Die Mieten steigen nun teilweise fast um das Dreifache an. Die Leser von DerBund.ch/Newsnet empören sich mehrheitlich und verlangen von der Suva sozialeres Verhalten. Zu Recht?
Ja, absolut zu Recht. Die Suva ist eine soziale Institution, die sehr wichtig ist für die Schweiz. Damit hat sie auch eine soziale Grundverantwortung und eine Vorbildfunktion. Wenn sich selbst solche Institutionen nicht an nachhaltigen Anlagestrategien orientieren, wer soll es denn sonst tun? Was der Leserschaft sauer aufstösst ist die moralische Paradoxie, soziale Leistungen sichern zu wollen, indem man soziale Anliegen zurückstellt.

Die Suva argumentiert, dass sie damit langfristig die Renten von über 100'000 Bezügern sichert. Ist dies nicht eine ebenso gewichtige soziale Verantwortung?
Dieses Argument zieht nicht. Als Sozialwerk kann sie sich aus ethischer Sicht nicht so verhalten, dass sie Kleingewerbler oder Mieter unter existentiellen Druck setzt. Der Knackpunkt ist, dass die Suva ihre Auswahlkriterien für Anlagen anders festlegen sollte. Nämlich so, dass sie gar nicht erst in diese Zwickmühle zwischen Rentenansprüchen und ihrem Anlageverhalten kommt.

Wie sollte das gehen?
Auch auf dem Immobilienmarkt gibt es genügend Möglichkeiten eine gute Rendite zu erzielen, ohne die Gentrifizierung stark voranzutreiben oder die Existenz von Gewerbetreibenden zu gefährden. Ich denke hier eher an Anlagen im Wohnungsbau oder Investitionen in Agglomerations- oder Landgemeinden.

Gäbe es andere Bereiche, in welche die Suva sozial unbedenklich und wirtschaftlich rentabel investieren könnte?
Zurzeit ist es schwierig. Der Aktienmarkt läuft schlecht. Natürlich sind Immobilien da eine interessante Alternative. Die Suva muss aber aufpassen: Die Nachhaltigkeit bei innerstädtischen Immobilienanlagen ist nämlich fraglich. Verschiedene Experten warnen ja vor einer Immobilienblase in Zürich – gerade bei hochpreisigen Objekten. Es wäre also auch möglich, dass die Suva hier künftig Geld aufs Spiel setzt. Dies würde den Rentnern nicht viel nützen.

Neben den Risiken auf dem Aktienmarkt: Stellt sich dort das Problem der nachhaltigen Anlagen nicht ebenso?
Natürlich. Auch hier müsste sich die Suva der Nachhaltigkeit verpflichten und dürfte nicht als Grossaktionär auftreten. Es geht hierbei vor allem um die Klassiker ethischer Anlagetätigkeit: Aktien von Waffenfirmen oder solchen, die mit Menschenrechtsverletzungen oder Umweltschädigungen in Verbindung gebracht werden können, wären natürlich tabu.

Aber rentable Investitionen muss die Suva doch tätigen können. Gerade für die Rentner.
Kurzfristig gewinnmaximierende Investitionen müssen ökonomisch langfristig nicht wirklich lohnend oder gar notwendig sein. Ethische oder soziale Interessenkonflikte sind ein ernstzunehmender Risikoindikator – auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Oft gingen sie Krisen oder wirtschaftlichen Verlusten voraus. Denken sie nur an die Abzockerdiskussion oder Spekulationsblasen an den Märkten. Die Suva macht nun nichts anderes als eine Investition in eine nächste mögliche Spekulationsblase als ökonomisch notwendig zu rechtfertigen. Dies muss zu denken geben: Empfundene Ungerechtigkeiten sind oft Anzeichen für ein erhöhtes Risikopotential.

DerBund.ch/Newsnet

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