Die Schnüerlischrift ist am Ende

Im Kanton Zürich wird diesen Sommer eine neue Schulschrift eingeführt. Für die Kinder soll es einfacher werden, für die Lehrer kein grosser Zusatzaufwand entstehen.

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Das Wort «Schnüerlischrift» weckt bei allen Zürcherinnen und Zürchern nos­talgische Erinnerungen an den ersten Füllfederhalter, ans linierte Schulheft, an mühsame Schreibübungen mit Schlaufen und Schlingen. Kein Wunder hat die Abschaffung der Schnüerlischrift Emotionen augelöst. Vor fünf Jahren, als die ersten Diskussionen darüber einsetzten, war von Verluderung der Schrift die Rede, von einer generellen Larifari-Stimmung in der Schule.

Nun ist das Schicksal der Schnüerlischrift, die eigentlich Schweizer Schulschrift heisst, in Zürich besiegelt. Wie der Bildungsrat mitteilt, wird sie durch die Basisschrift abgelöst. Als erster Kanton hat Luzern vor einigen Jahren erfolgreich auf diese Schrift umgestellt. Vor einem Jahr hat sich die Deutschschweizer Erziehungsdirektoren-Konferenz in einem Grundsatzentscheid ebenfalls für die neue Schrift ausgesprochen.

1947 wurde die Schnüerlischrift als Schweizer Schulschrift festgelegt. Sie wurde bald als zu wenig schnell schreibbar und schlecht leserlich kritisiert. Foto: Foto: M. Uhlenhut (culture-Images)

Zürich ist nun der zwölfte Kanton, der die Einführung der Basisschrift beschlossen hat. Im Unterschied zur Schnüerlischrift ist sie nur teilweise verbunden. Schlingen und Schleifen gibt es keine mehr. Laut Volksschulamtschef Martin Wendelspiess bringt sie vor allem für die Kinder eine Erleichterung. Derzeit müssen die Kinder in der ersten Klasse die Steinschrift lernen, bei der jeder Buchstabe einzeln steht. Später kommt die Schnüerlischrift dazu, bei der Buchstaben verbunden sind und teils anders aussehen. Neu werden die Kinder nur noch eine Schrift lernen. Eine zusätzliche Erleichterung bringt die Basisschrift für Linkshänder, da sie keine Neigung der Buchstaben mehr vorgibt. Bei der Schnüerlischrift müssen Linkshänder die Hand extrem abwinkeln, damit sie die vorgeschriebene Schriftschräge erreichen können.

Die Umstellung wird im Schuljahr 2016/17 schrittweise erfolgen. Gemäss Wendelspiess müssen Kinder, die noch die alten Schriften gelernt haben, nicht mehr umlernen. Für Lehrerpersonen werden freiwillige Kurse angeboten.

Mehr Freiheit nötig

Der langjährige Zürcher Schriftdidaktiker Jürg Keller kritisiert die Art und Weise der Einführung der Basisschrift, aber nicht, weil er die alten Schriften besser findet. Seines Erachtens sollte man den Lehrpersonen mehr Freiheiten lassen, wie es etwa der Kanton Bern beschlossen hat. Für Keller ist die Entwicklung der Handschrift ein individueller Prozess, der nicht von einer vorgeschriebenen Handschriftvorlage ausgehen muss. Er verweist auf die nach wie vor stattfindenden Veränderungen in der Schriftkultur wie jene der Finnen, die nicht mehr verbunden schreiben und im Unterricht aufs Tastaturschreiben fokussieren. Nun gehe es darum, aus dem Entscheid für die Basisschrift das Beste zu machen, sagt Keller. Derzeit arbeitet er an den neuen Lehrmitteln für die Basisschrift.

Der Erfinder der Basisschrift erklärt den Vorteil der neuen Schulschrift. (Video: Lorenz von Meiss, 2012) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2016, 22:48 Uhr

Schon die Römer schrieben «Schnüerli»

Römerzeit und Mittelalter

Bei den Römern wurde nicht nur in Stein gemeisselt, sondern auch fleissig auf Papyrus geschrieben. So entwickelten sie eine Schrift, die wie am «Schnüerli» lief: die ältere und ab dem 4. Jahrhundert die jüngere römische Kursive. Im Mittelalter war Schreiben lange nur eine Beschäftigung für Mönche, die Lettern mehr malten als schnell schrieben. Eine Schreibschrift entwickelte sich erst seit dem 13. Jahrhundert, als sich wieder breitere Kreise schriftlich äusserten: die gotische Kursive (Bild oben) oder Notula.

1914: Sütterlinschrift

Nach dem Buchdruck und durch die Einführung der Schulpflicht kam es zu einem Wirrwarr von Schreibschriften. 1914 entwickelte der Grafiker Ludwig Sütterlin eine ausbaufähige Schreibschrift (Bild), die zu einer gewissen Vereinheitlichung führte. In Schweizer Schulen unterschieden sich bis in die 1920er-Jahre die Schriften von Kanton zu Kanton. Dann kreierte der Sekundarlehrer Paul Hulliger (1887 bis 1969) eine Handschrift, die dem «Schriftchaos» ein Ende setzen sollte und eine grosse Debatte auslöste. 12 Kantone übernahmen die Hulliger-Schrift, Zürich blieb bei der «Zürcher Schrift», die heute noch in manchen Firmenlogos (Sprüngli) Niederschlag findet. (net) (Tages-Anzeiger)

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