Die Rettung beginnt im Sihltal

Die Bachmuschel ist akut vom Aussterben bedroht. Das erste Zürcher Indoor-Zuchtprogramm soll die Rettung bringen. Kleine Fische helfen dabei.

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Pascal Unternährer@tagesanzeiger

Schon der Name zeugt von der Gefährdung. Die Bachmuschel heisst eigentlich Gemeine Flussmuschel. Anfang des letzten Jahrhunderts war sie in der Schweiz noch weit verbreitet. Das änderte sich aber im Laufe der Jahre. Düngemittel und Pestizide aus der Landwirtschaft, Verbauungen, Verlandung und andere Einflüsse rotteten die Muschel, die bis zu 10 Zentimeter gross werden kann, fast aus. Heute kommt sie fast nur noch in den Oberläufen der grösseren Fliessgewässer und in Bächlein vor, weshalb man nur noch von der Bachmuschel spricht.

Vor der Jahrtausendwende wurde die Bachmuschel im Kanton Zürich noch an rund zwei Dutzend Stellen nachgewiesen. Inzwischen gibt es nur noch drei Fundstellen: im Rhein, im Furtbach und im Mostbach bei Wetzikon. In Letzterem machte sich Anna Carlevaro kürzlich auf die Suche. Die Biologin begleitet im Auftrag des Kantons ein Zuchtprogramm. Für den Start hat sie in drei Tagen gerade vier Bachmuscheln gefunden. «Die Arbeit mit Muscheln kann frustrierend sein», sagt die Tessinerin. «Man findet kaum welche.»

Elritzen verbreiten die Muscheln

Diese vier Muscheln sind jetzt in Langnau am Albis. Im alten Wasserreservoir zwischen dem Wildnispark Langenberg und dem Albispass hat der Fischer-Verein Thalwil für Carlevaro eine Anlage für die Muscheln gebaut. Die Örtlichkeit eignet sich, weil der Verein dort neben Steinkrebsen und Bachforellen auch Elritzen züchtet, wie Vereinspräsident und Muschellobbyist Rolf Schatz erklärt. Die kleinen Elritzen oder andere Schwarmfische sind Partner der Bachmuscheln und helfen bei der Verbreitung der Art. Bei Forellen klappt es nicht – niemand weiss warum.

Die Fortpflanzung läuft bei Muscheln so ab: Die Männchen geben ihr Sperma ins Wasser. Die Weibchen nehmen es über ihre Kiemen auf, in deren Taschen die Eier befruchtet werden. Die weibliche Bachmuschel schiesst nach etwa fünf Wochen einen Wasserstrahl mit kitzekleinen Muschellarven aus ihrer Öffnung. Diese sogenannten Glochidien haften an den Kiemen der Elritzen. Nach ein paar Wochen lassen sich diese Glochidien fallen. Sie sind dann knapp 1 Millimeter gross. Im Sand wachsen sie zu Jungmuscheln heran. In der Natur bleiben sie dort ein bis drei Jahre und graben sich darauf selbst wieder aus.

Arbeit mit der Lupe

In Langnau befinden sich die rund zehn Jahre alten Muttermuscheln – sie können bis zu 30 Jahre alt werden – derzeit in einer «Verrichtungsbox», wie Carlevaro halbernst sagt. Besuch haben sie von vier bis acht Jahre alten Muscheln aus dem Rhein. Die Elritzen schwimmen in einem anderen Becken. Nach der Zusammenführung und dem Abwerfen von den Fischen wartet viel Arbeit auf die Biologin. Mit der Lupe wird sie die vielen offenen, toten Jungmuscheln von den Lebendigen trennen. Letztere kommen in vier Becken mit einer zentimeterdicken Sandschicht.

Das Wasser in diesen Becken muss jede Woche gewechselt werden. Dafür wird Original-Mostbach-Wasser herangekarrt. Der Fischer-Verein hat dafür drei Zisternen à 1000 Liter aufgestellt. Schatz rechnet für den Zuchtzyklus mit einem Bedarf von 6000 Litern.

«Die Muscheln haben keine Lobby»

Ziel ist, im Sommer 2020 ein paar hundert Jungmuscheln in den Bach im Zürcher Oberland auszusetzen. Warum dieser grosse Aufwand? «Muscheln gehören in unsere Wasserwelt wie Fische oder Krebse», sagt Schatz. Sieben der acht einheimischen Muschelarten sind gefährdet bis akut bedroht. Am schlimmsten steht es um die Bachmuschel. Nur die Grosse Teichmuschel in den Seen ist nicht gefährdet. «Die Muscheln haben keine Lobby wie die essbaren Fische», sagt Carlevaro. «Es ist traurig, dass es so weit kommen musste.»

Der Bund hat die Situation erkannt und die Bachmuschel als «national prioritäre Art» eingestuft. Dies verpflichtet die Kantone, Aktionspläne zu lancieren und Massnahmen für den Schutz und die Förderung zu ergreifen. Die Kantone Zürich, St. Gallen, Aargau und Schaffhausen ziehen mit, Luzern mit seinem muschelreichen Vierwaldstättersee kneift. Dort fehlt angeblich das Geld. Vorerst umfasst das grössere Programm eine Genetikanalyse. Man sammelt Daten. Denn man weiss erstaunlich wenig über diese Tiere, die mit ihren «Füssen» – so heisst der starke Muskel zwischen den zwei Klappen – locker einen Meter am Tag hinterlegen können.

Im Aargau wird mit einer Zucht die Wiederansiedlung der Bachmuschel angepeilt. Das Zürcher Zuchtprogramm dient der Rettung der Mostbach-Population vor dem Aussterben. Carlevaros Vorgänger hatte versucht, mit Glochidien «geimpfte» Fische auszusetzen. Doch diese sogenannte Soft-Methode klappte nicht. Und jetzt drängt die Zeit.

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