Die Eiskönige

Meinrad Pfister war neun Jahre alt, als 1963 der Zürichsee gefror. Er erzählt von der Zeit, als man erstmals an die Häuser der Reichen rankam und eine spanische Einwandererfamilie für Gesprächsstoff sorgte.

  • loading indicator
Jvo Cukas
Boris Müller@tagesanzeiger

Am 19. Januar 1963 legt in Richterswil zum letzten Mal für Wochen ein Schiff an. Weiter oben, im Dreieck zwischen Ufenau, Rapperswil und Stäfa hat sich bereits eine kompakte Eisfläche über den See gezogen. Langsam wächst sie weiter Richtung Zürich. Erst den Ufern entlang, dann immer weiter hinaus. Nur fünf Tage später wird der ganze See mit einer dünnen, weissen Schicht überzogen sein. Auf einer Fläche von 88 Quadratkilometern.

Noch im Oktober des Vorjahres machten sich die Menschen wegen der Kuba-Krise zwischen den USA und der UdSSR Sorgen. Ein neuer Weltkrieg schien vor der Tür zu stehen. Als das eisige Klima zwischen den Grossmächten leicht auftaute, zog der Winter in Zürich ein. Für die nächsten fünf Monate wird er die Region mit sibirischem Klima im Griff haben. Und bald gibt es rund um den Zürichsee nur noch ein Thema: Wann wird das Gewässer endgültig zugefroren sein?

Als Spanier Exoten waren

Und mittendrin ist der neunjährige Meinrad Pfister. Der Bub wächst in einer Grossfamilie in Stäfa auf. Das Haus ist nur wenige Schritte vom See entfernt und er fiebert dem Tag entgegen, an dem er endlich raus ins weite Weiss darf. Zusammen mit seinen Freunden René und Luis. Bald war es dann so weit: «So oft wir nur konnten, Schulaufgaben hin Hausämtli her, hielten wir uns auf dem Eis auf.» Immer wieder überhörten sie die elterlichen Vorgaben und kamen «erst zu vorgerückter Stunde nach Hause». Die Eltern verhängten Strafen, «für solches sind Väter und Mütter ja preisverdächtig erfinderisch», doch meist ohne grossen Erfolg. «War die Strafe durchgestanden, ging es wieder auf das Eis.»

Die kleine Welt rund um den Zürichsee war eine andere damals. Über die Familie seines Freundes Luis «hat ganz Stäfa ununterbrochen gesprochen». Allein die Tatsache, dass sie aus Spanien kam, reichte dafür aus. «Und vor allem waren sie alle wunderschön.» In die Tochter Carmen hätten sich alle Buben auf den ersten Blick verliebt. Und auch der Vater brachte manche in Wallungen, eisige Temperaturen hin oder her: «Ein grosser, immer perfekt pomadisierter und stolzer Herr», der in der Migros im Ort arbeitete. «Ganz bestimmt sind unzählige Stäfner Frauen damals nicht nur der günstigen Preise wegen in die Migros gegangen.»

Und auch in der Schule herrschten andere Sitten. Klein Pfister besuchte die zweite Primarklasse von Herrn Schmid, einem «beleibten, jedoch überhaupt nicht beliebten Lehrerkoloss». Der Mann war gefürchtet, weil er sein Lineal nicht allein für den Geometrieunterricht zu nutzen pflegte, sondern mit Vorliebe für schmerzhafte Abmahnungen.

Von Schreien und Eselshunden

Doch Anfang 1963 könnten diese Alltagssorgen nicht weiter weg sein von Pfister. Der Ruf des Eises war zu stark. «Plötzlich hatten wir die Möglichkeit, uns den riesigen Häusern, die uns damals eher als Schlösser erschienen, vom gefrorenen See her zu nähern.» Und was rankten sich nicht alles für Legenden um die Häuser. Bei einem waren die Läden eines Stockwerkes Tag und Nacht geschlossen und man erzählte sich weitherum, im Haus «würde immer jemand schreien». Auch gab es die Erzählung einer Familie mit einem riesigen Hund, «der genauso aussieht wie ein Esel und jeden noch so starken Menschen zerfleischen würde», der es wagt, den Schlosspark zu betreten.

Kein Wunder also, fühlten sich Pfister und sein Freund René wie kleine Abenteurer. Sie hatten Angst, «der Eselshund würde plötzlich auf uns zustürmen und uns Buben zerfleischen». Gab es doch gegen das Ufer bei keinem Haus einen Zaun. Und trotzdem trauten sie sich so manches Abenteuer zu. Ihren grössten Coup sollten sie vor der Villa der Verlegerfamilie Hans Frey in Stäfa landen. Sie stahlen sich ins Bootshäuschen, um einmal ein Boesch-Motorboot von nahem zu betrachten, vielleicht sogar kurz hineinzusteigen. Doch das Boot hing in der Luft.

Der Winterzauber sollte bald vorbei sein. Doch ihre Abenteuer als «zwei Eiskönige» behielten die Buben für sich. Ein ewiges Geheimnis sollten sie bleiben, das schwörten sie. Nur der schönen Carmen hätten sie vielleicht etwas erzählt.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...