Der elektronische Türsteher

Partys, zu denen alle hinwollen, haben ein Problem: Man will nicht jeden einlassen und muss an der Tür mühsam aussortieren. Zwei Zürcher haben eine Lösung für das Problem – und erobern damit VIP-Anlässe der Welt.

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Jvo Cukas

An Elton Johns Party nach der diesjährigen Oscarverleihung in Los Angeles war sie dabei. An der Fashion Week in New York auch. Und am Donnerstag war sie an der Art Party des dortigen Whitney-Museums, zusammen mit der New Yorker Hautevolee, die bereit war, Ticketpreise bis zu 500 Dollar zu bezahlen. Kaum einer hat sie gesehen, aber sie war da. Auf den iPads derjenigen, die an den Eingängen kontrollieren, wer hinein darf – und wer draussen bleibt. Die Rede ist von Zkipster (angelehnt an «skip the line», «die Warteschlange überspringen») – einer App, entwickelt von zwei Zürchern, die losgezogen sind, um im Big Apple ihr Glück zu finden.

Alles begann im Jahr 2008 im Kaufleuten. David Becker und Daniel Dessauges veranstalteten dort während Jahren die Use-It-Party, an der sich vornehmlich die Zürcher Jungzünfter nach dem Sechseläuten zum Weiterfeiern treffen. An den Türen stand man stets vor dem gleichen Problem: Die Gästeliste war proppenvoll, aber niemand wusste genau, wer nun schon Einlass gefunden hatte und wer noch nicht. Wollte man spontan noch jemanden auf die Liste setzen, war dies kompliziert, weil es mehrere Eingänge gab. Und zu kontrollieren, ob jemand ohne Einladung einfach einen Namen angab, der auf der Gästeliste stand, war unmöglich.

New York bietet Chancen

Da kam Becker und Dessauges die Idee, das Problem mit einer App zu lösen. Ohne viel Aufwand sollte es möglich sein, die Gästeliste spontan anzupassen. Wenn jemand bereits reingelassen wurde, sollten dies die Türsteher an allen Eingängen in Echtzeit sehen. Zusammen mit tschechischen Partnern entwickelten sie eine erste Version von Zkipster und nutzten sie an ihren Partys. Das Kaufleuten zeigte bald Interesse an der App und nutzte sie fortan für ein Entgeld. Da war Becker und Dessauges plötzlich klar, dass ihr Produkt auch für andere interessant sein könnte. Doch die Schweiz erwies sich als zu klein, um voranzukommen. «Wir merkten schnell, dass New York für unsere Geschäftsidee der geeignete Ort ist», sagt der 34-jährige Becker. Dort sind grosse Events der Modebranche angesiedelt, dort finden wöchentlich Fundraising-Veranstaltungen mit langen VIP-Listen statt. Kurz: Dort könnte Zkipster den Markt finden, für den die Schweiz zu eng ist.

Wenn Becker spricht, fallen immer wieder englische Begriffe, die ausserhalb der Marketingbranche wohl niemand versteht. Mit Begeisterung hantiert er auf seinem iPad, um zu zeigen, wie sich Gästelisten mit ein paar Handgriffen auf den neuesten Stand bringen lassen. Er erzählt von Events, die die App bereits benutzen, und zeigt, wie sie weiterentwickelt wird. Denn endlich hat man nun auch eine Lösung dafür gefunden, wenn Leute sich als jemand anderen ausgeben. Mit nur einem Knopfdruck sucht eine Zusatzfunktion nun Bilder zum Namen auf der Gästeliste im Internet.

Aller Anfang ist schwer

Auch wenn die junge Firma nun im Aufwind ist, der Anfang war alles andere als leicht. Während zweier Jahre pendelten Becker und Dessauges zwischen Zürich und New York, stellten ihre Idee verschiedenen Akteuren vor, versuchten, erste Kontakte zu knüpfen. 2012 war es schliesslich so weit. Erst hängte der heute 28-jährige Dessauges seinen Job als Banker an den Nagel und zog nach New York, ein halbes Jahr später liess Becker den Journalismus hinter sich und folgte ihm. «Ein paar Zehntausend Franken hatten wir für den Start gespart», sagt Becker.

Alles musste nun günstig sein – und das in einer der teuersten Städte der Welt. Sie mieteten sich in einem kleinen und stickigen Büro ein, mit kaum mehr als ein paar Ikea-Pulten und ihren Laptops. Den fensterlosen Raum teilten sie sich mit anderen Selbstständigen, darunter einem, der als Synchronsprecher für Trickfilme arbeitete – Geräuschkulisse inklusive. Einen Lohn konnten sie sich nicht auszahlen, lebten vom Ersparten in Aussenquartieren, wo die Mieten halbwegs bezahlbar waren. Alles drehte sich nun darum, Beziehungen aufzubauen und den Zugang zu möglichen Interessenten für ihr Produkt zu finden.

Cousin als Türöffner

Zumindest einen Vorteil hatten sie gegenüber allen anderen Glücksuchern, die nach New York strömen, um mit viel Arbeitseinsatz etwas Neues zu schaffen: Beckers Cousin Serge ist dort ein bekannter Designer angesagter Restaurants und Clubs, den die «New York Times» als «Night-Life-Impresario» bezeichnete, dessen Anwesenheit stets eine attraktive Klientel garantiere. «Er konnte uns ein paar Türspalten öffnen», resümiert Becker, «aber die Türen mussten wir selbst aufstossen.»

Natürlich gab es Rückschläge. Mal funktionierte die Cloud-basierte Technik nicht richtig, mal lief das Internet im kleinen Gemeinschaftsbüro zu schlecht, um wirklich arbeiten zu können. Doch wenn einem der beiden mal alles zu viel wurde, so stützte ihn der andere – oder schickte ihn nach Hause, um mal Luft zu schnappen. «Wir kennen uns seit über 10 Jahren und ergänzen uns perfekt», sagt Becker.

Auch ihre Preispolitik mussten sie anpassen, bevor ihr Produkt auf echtes Interesse stiess. Anfangs dachten sie, die grossen Fundraising-Events könnten sich locker 500 Dollar für einen Dienst leisten, der ihre Türkontrolle vereinfacht und verbessert. Schliesslich werden Hunderttausende für die Nobelanlässe ausgegeben, die wiederum Millionen für unterschiedlichste Zwecke einbringen sollen. Doch wenn Becker und Dessauges Interessierten ihren Preis nannten, war die Reaktion stets die gleiche: «Man sagte uns, das Produkt sei interessant. Danach hörten wir nie mehr etwas.»

Vom fensterlosen Büro an den Broadway

Mittlerweile haben die beiden dazugelernt. Gerade mal 75 Dollar verlangen sie, wenn ein Veranstalter die App für einen Anlass benutzen will, 45 Dollar mehr, wenn auch Fotos zu den Namen gespeichert werden sollen. Und der bescheidenere Preis zahlt sich aus. Statt im fensterlosen Gemeinschaftsbüro arbeiten sie nun im 23. Stock eines Hochhauses am Broadway und können sich einen «kleinen Lohn» auszahlen. Beide bezogen Zimmer in Manhattan, um näher an potenziellen Kunden zu sein und nicht mehr ins Zentrum pendeln zu müssen.

Becker betont zwar, dass die Firma nur langsam wachsen soll. Ihre Produkte sollen ausgereift sein, verlässlich und nicht daran kranken, dass die beiden Erfinder zu schnell zu viel wollten. Ein schweizerischer Ansatz durch und durch. Im gleichen Atemzug erzählt er jedoch, dass sie nun Mitarbeiter in London und São Paulo anstellten, die dort neue Kunden akquirieren sollen. Und Dessauges reist nun immer wieder nach Los Angeles. Wo sonst als im Dunstkreis von Hollywood gibt es mehr Anlässe, bei denen VIP-Listen im Zentrum stehen? Und die Chancen der beiden Zürcher stehen gut, auch dort Fuss zu fassen. Einen Türspalt haben sie mit Elton Johns Oscarparty ja bereits geöffnet.

DerBund.ch/Newsnet

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