Der abtrünnige Sohn

Seine Familie politisierte für die SP, doch davon will er nichts wissen: Dominik Tiedt, Jungpolitiker aus Geroldswil, ist der perfekte Zukunftsmann für die FDP. «Zu perfekt», kritisiert eine Gegnerin.

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Simon Schmid@schmid_simon

Eigentlich hätte er Tennisprofi werden wollen: Dominik Tiedt, geboren und aufgewachsen im Limmattal, verliess sein Elternhaus bereits mit 15 Jahren. Am Sportgymnasium in Davos wollte er die grosse Karriere vorbereiten, ein Trainingsaufenthalt in Barcelona sollte ihm nach der Matur den letzten Schliff geben. Doch der Traum vom Profileben auf der Tour erfüllte sich nicht, und Tiedt entschloss sich mit 21 Jahren, den Tennisschläger in der Sporttasche zu verstauen. Trotz hartem Training hatte es für Tiedt in seinem Profijahr nicht für mehr als einen ATP-Punkt gereicht.

Fortan studierte Dominik Tiedt Wirtschaftswissenschaften. Er begann bei der Beratungsfirma Pricewaterhouse Coopers zu arbeiten und machte nebenbei etwas Politik – erst als Helfer und später als Präsident der Jungfreisinnigen im Limmattal, dann als Wahlbüromitglied und seit fünf Jahren als Gemeinderat in Geroldswil. «Das politische Gen habe ich von meinem Grossvater und von meiner Mutter geerbt», erzählt der Modellathlet, der 2004 auch an der Mister-Winterthur-Wahl eine Trophäe abgeräumt hat – wenn auch nicht die für den schönsten, sondern diejenige für den fairsten Teilnehmer.

Ein Apfel, der weit vom Stamm gefallen ist

Tiedts Grossvater hatte zu seinen Lebzeiten als St. Galler Kantonsrat Politik gemacht – allerdings nicht für die FDP, sondern als Sozialdemokrat. Sein Grossvater habe ihm einmal gesagt, dass die SP damals noch nicht so populistisch gewesen sei, erzählt Tiedt. Obschon auch seine Mutter in den Reihen der SP für das Frauenstimmrecht gekämpft hatte, fühlt sich Tiedt der sozialdemokratischen Familientradition nicht verpflichtet.

Lieber stehe er für liberale Werte ein. Die Positionen des jungen Freisinnigen, dessen Erscheinungsbild an einen jungen Guido Westerwelle erinnert, sind denn auch für einen FDP-Vertreter archetypisch. Tiedt preist Freiheit, Eigeninitiative und Selbstverantwortung. «Was man sich erarbeitet hat, darf einem nicht weggenommen werden», sagt er.

Als Macher zeigt sich Tiedt vor allem in Sachen Energiepolitik. Privat amtet er als Verwaltungsrat einer lokalen Kehrichtverbrennungs- und Wasseraufbereitungsanlage, die aus Abfällen nebenbei auch Strom produziert. Im Gemeinderat hat Tiedt durchgesetzt, dass sich Geroldswil für das Label der «Energiestadt» bewirbt. Dieser Leistungsausweis wird durch die Stiftung Energieschweiz an Gemeinden mit nachhaltiger Energiepolitik vergeben. Gemäss Tiedt fehlen dem Limmattaler Ort nur noch wenige Punkte, um auf der Landkarte der Energiestädte zu erscheinen – sollte es bald dazu kommen, wäre das für ihn ein schöner Erfolg.

Dominik Tiedt, haben Sie ein persönliches Vorbild in der Politik? Mein Grossvater hat mir beigebracht, sachlich und konstruktiv für meine Meinung einzustehen.

Was unterscheidet Sie von Ihren älteren Parteikollegen? Ich bin jung, frisch und will etwas erreichen.

Was stört Sie am meisten in der Schweizer Politik? Es gibt viel Geschwätz und zu wenig Entscheidungen. Bis zur Umsetzung von Dingen dauert es manchmal sehr lange.

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Welches Gesetz würden Sie einführen? Ich würde in der Gesetzgebung die sogenannte Sunset-Klausel einführen. Neue Gesetze wären dann nur befristet gültig und müssten zwangsläufig periodisch überprüft werden.

Welches Gesetz würden Sie abschaffen? Ich würde die Kirchensteuer für Unternehmen abschaffen, die Ladenöffnungszeiten lockern und Hindernisse für Wind-, Solar- und Wasserkraftanlagen beseitigen.

Verbote aufheben oder verhindern: Dies steht auf Tiedts politischer Agenda weit oben. Gefragt nach seinem Engagement für junge Leute, wartet er erneut mit einer langen Liste auf. Offroader-Autos, Killerspiele, der Ausschank von Freibier und das Pokerspiel um Geld: Ginge es nach dem 28-jährigen Jungpolitiker, so sollten diese Dinge auf keinen Fall verboten werden. «Wir haben doch alle eine gute Kinderstube genossen und sollten gelernt haben, selbst zu entscheiden, was gut für uns ist», sagt er.

Auch die Regeln für die Wirtschaft möchte Tiedt möglichst minimal halten. Der junge FDPler sieht sich selbst als unabhängige Kraft. Seine Webseite, welche die «freundliche Unterstützung» mehrerer Interessensverbände erwähnt, vermittelt allerdings einen anderen Eindruck. Tiedt ist verbunden mit dem Hauseigentümerverband, dem Industrie- und Handelsverein Dietikon, der Wirtschaftskammer Schlieren und dem Gewerbeverband Limmattal. Persönlich setze er sich mit Spenden für gemeinnützige Organisationen ein, sagt Tiedt: «Die Allgemeinheit liegt mir durchaus am Herzen.» Er habe daheim auch eine Katze, fügt er an.

Ein Bilderbuch-Freisinniger

Rosmarie Joss, Juso-Mitglied und Kantonsrätin der SP, beschreibt den jungfreisinnigen Tiedt als zielstrebigen, ehrgeizigen und engagierten Charakter. Tiedt habe ein gepflegtes Aussehen und ein geschliffenes Auftreten, sagt sie, «beinahe ohne Ecken und Kanten». Dem FDP-Jungpolitiker würde sie ein bisschen mehr Vision wünschen, gerade auch im Umwelt- und Energiebereich: Nur allzu oft reihe sich Tiedt in die etablierten Positionen seiner Partei ein. Tiedt sei eben «ein typischer FDPler», sagt Joss: Perfekt, vielleicht zu perfekt passe er in seine Rolle.

DerBund.ch/Newsnet

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