Der Flughafen wird zur Stadt

Auf der grössten Baustelle der Schweiz geht es ab jetzt in die Höhe: Der Grundstein zur Flughafen-Erweiterung Circle ist gelegt, schon Ende 2019 soll sie stehen.


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Ein paar der mächtigsten Männer des Landes stehen im Anzug um ein Erdloch und schauen zu, wie ein nutzloser Quader darin versenkt wird. Stéphanie Berger, einst Miss Schweiz, heute Moderatorin, will wissen, wie schwer der Stein ist. Keiner weiss es. Euphorisierende E-Gitarren plärren aus den Lautsprechern, jeder wirft ein Häufchen Dreck ins Loch. «Wow! Wir alle waren dabei», ruft Berger und will bestätigt haben, was für ein unglaubliches Ereignis das war. «Schon schön», ringt sich Stephan Widrig ab, Chef des Zürcher Flughafens. Muss man den Stein noch weihen? «Ich glaube nicht», sagt Rolf Dörig, VR-Präsident der Swiss Life, «es spricht für sich.»

Eine Grundsteinlegung ist, was sie ist. Auch dann, wenn es um die grösste Baustelle des Landes geht. Um Investitionen von einer Milliarde Franken. Um einen gewaltigen Ausbau des Zürcher Flughafens. Um den Circle. Ein Stein ist genauso gut wie jeder andere Grund, wenn es darum geht, dass über hundert Entscheidungsträger, Investoren und Partner, in die Baugrube hinabsteigen können, um sich dort an Stehtischchen bei Weisswein und Hotdogs und Lounge-Musik auf die Schultern zu klopfen.

Und das Ereignis ist ja auch nicht der Anlass. Das Ereignis ist das, was hier am Entstehen ist. Noch ist es nur eine 10 Meter tiefe, betonverkleidete Grube von immensen Ausmassen. Aber schon Ende 2019 soll hier eine futuristische Satellitenstadt für Business, Konsum und Unterhaltung stehen, mit der sich der Flughafen wohl endgültig von der Stadt Zürich emanzipiert. Warum weiterreisen, wenn man vor Ort alles bekommt?

Kein Ort ist besser erschlossen

«Der Circle entsteht nicht zufällig an diesem Ort», sagt Andreas Schmid, Verwaltungsratspräsident der Flughafen AG, die das Projekt gemeinsam mit der Swiss Life finanziert. «Er ist eine Erweiterung dieses einzigartigen Standorts.» Dieser sei konsequent zum besterschlossenen Stück Land der Schweiz ausgebaut worden – mit Flugverbindungen, Autobahnanschluss, Bahnhof, modernem Bus­terminal, neuem Tram. Jetzt geht es ­darum, diesen Vorteil zu nutzen. «Man kommt künftig nicht mehr hierher, weil man verreisen muss», ist Schmid überzeugt, «sondern wegen des Erlebnisses, das dieser Ort bietet.» Der Flughafen als Verkehrsinfrastruktur war vorgestern.

Feierliche Grundsteinlegung. Video: Tamedia, SDA

Der japanische Architekt Riken Yamamoto (der seinen Circle beiläufig als ­Banana entlarvte), sagt es so: «Hier entsteht nicht nur Architektur – hier entsteht eine Stadt.» Bei deren Organisation hat er sich unter anderem am Zürcher Niederdorf orientiert: die Gassen, die Plätze, die Kleinteiligkeit und sogar das Muster des Kopfsteinpflasters. Die Analogie erschöpft sich allerdings ein Stück weit auf einem computergenerierten Rundgang mit Virtual-Reality-Brillen. Die Flughafenstadt der nahen Zukunft wirkt von den Dimensionen und der Fassadengestaltung her auch wie eine Verwandte der Europaallee.

Ein guter Teil der 180'000 Quadratmeter Nutzfläche ist zwar noch nicht vermietet, aber die Planung ist so weit vorangeschritten, dass der Circle Konturen annimmt. Eine alphabetische Übersicht:

Arthub

Hier sollen Räume entstehen für Galerien, Popup-Kunstinszenierungen oder Ausstellungen. Noch nicht konkretisiert.

Caviar House & Prunier

Der Feinkostanbieter wird nebst Kaviar und edlem Lachs für Gutbetuchte auch andere Delikatessen anbieten. Geplant ist ein Geschäft, in dem man nicht nur einkauft, sondern auch verweilen kann.

Convention Centre

Ein Kongresszentrum, das ans Hyatt Regency angeschlossen ist. Herzstück ist eine Veranstaltungshalle für 1500 Personen – 300 mehr, als im renovierten Stadtzürcher Kongresshaus Platz haben.

Co-Working

Man kennt das Konzept aus der Stadt: Kreative und initiative Köpfe können Arbeitsplätze auf Zeit mieten und sich in Gemeinschaftsräumen mit anderen austauschen. Die konkrete Form ist offen.

Dufry

Der Detailhändler, der sich auf Duty-free-Läden spezialisiert hat, wird diesseits der Zollschranke auf 5000 Quadratmetern ein neues Geschäftsformat einführen. Details sind noch unbekannt.

Event Hall

Ein Saal mit Bühne für Partys und Konzerte. Mit 1200 Stehplätzen bietet er ähnlich viel Platz wie das Zürcher Volkshaus oder das Kaufleuten.

Grieder

Das traditionsreiche Zürcher Modehaus Grieder mit Stammsitz am Paradeplatz, das am Flughafen schon drei Boutiquen betreibt, wird auch im Circle einziehen.

Hyatt Regency

Das Hyatt Regency ist ein Vierstern­hotel, das sich an Ferien- und Geschäftsreisende richtet. Mit 250 Zimmern wird es eines der zehn grössten seiner Kategorie im Kanton Zürich sein. Von hier hat man Aussicht auf den zentralen Park. Zudem gibt es eine direkte Verbindung ins zugehörige Kongresszentrum.

Hyatt Place

Das Hyatt Place ist ein 3-Sterne-Betrieb, der vor allem auf junge Gäste und Familien ausgerichtet ist. Mit 300 Zimmern wird das Hotel zu den grössten des Landes gehören.

Jelmoli

Das traditionsreiche Warenhaus will hier ähnlich auftreten, wie man es vom Stammhaus an der Zürcher Bahnhofstrasse kennt: mit einem Shop-in-Shop-Konzept auf mehreren Stockwerken. Einzelne Marken und Hersteller bieten in separaten Nischen ihre Produkte an. Mit 2000 Quadratmetern beträgt die Verkaufsfläche allerdings nicht mal ein Zehntel von jener in Zürichs Innenstadt.

Mindhub

Hier soll Platz sein für Tagungen, Workshops oder auch für Bildungseinrichtungen. Noch relativ vage.

Omega

Der Swatch-Konzern will hier mehr als nur ein weiteres Verkaufslokal einrichten. Statt einfach Uhren der Marke Omega anzubieten, will Swatch auch Einblicke in die Uhrenherstellung geben, um so diese traditionsreiche Schweizer Branche «erlebbar» zu machen. Der gleiche Erlebnisansatz ist auch in anderen Läden im Circle vorgesehen, um sich gegenüber den Onlinehändlern abzuheben.

Park

Wie diese Erholungszone gestaltet wird, ist noch nicht bekannt. Der Park hat mit 80'000 Quadratmetern die Fläche von elf Fussballfeldern. Er ist damit noch ein ganzes Stück grosszügiger als der Rieterpark, der grösste Park der Stadt Zürich.

Universitätsspital

Das Unispital, dem im Zürcher Stadtzentrum der Platz ausgeht, richtet hier auf 10'000 Quadratmetern ein Gesundheitszentrum mit 400 Fachleuten ein. Es umfasst eine Permanence und zahlreiche Ambulatorien, bietet aber auch die Leistungen einer Tagesklinik: kleinere Operationen ohne Übernachtung.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 24.03.2017, 23:48 Uhr)

Circle Convention Centre

Für Grosskongresse zu klein

Im Circle will Hyatt in drei Jahren ein Convention Centre betreiben – ein Kongress- und Tagungszentrum mit einem grossen Saal für 1500 Personen und weiteren Räumen für nochmals 1000 Gäste. Etwa zur selben Zeit wird das Kongresshaus Zürich neu eröffnet mit einem grossen Saal für 1200 Personen und Nebenräumen für weitere 1300 Besucher. Obwohl Circle und Kongresshaus für je 2500 Kongressteilnehmer Platz bieten, glaubt die Immobilienfirma Mobimo dennoch, ein Kongresszentrum auf dem Carparkplatz neben dem HB Zürich könne rentieren. Bedingung: Der grosse Saal muss 3000 Personen fassen und zentral in der Stadt gelegen sein.

Weil ein so grosser Saal fehlt, entgehen Zürich jedes Jahr etwa zwölf Grosskongresse mit über 1000 Beteiligten – und die sind wegen der grossen Teilnehmerzahl und der längeren Aufenthaltsdauer wirtschaftlich besonders interessant. Doch in Zürich haben Kongresse im Durchschnitt nur 220 Teilnehmer, während es weltweit 400 sind. Anders formuliert: In Zürich haben nur drei Prozent aller Kongresse mehr als 1000 Teilnehmer, weltweit sind es sechs Prozent. Das besagt eine Studie, die Zürich Tourismus in Auftrag gegeben hat.

Allein diese zwölf Grosskongresse würden 160'000 Teilnehmertage generieren; heute kommt Zürich mit Kongressen auf 215'000 Tage. Für solche Grosskongresse aber sei der Circle zu klein. Wegen der peripheren Lage werde das Convention Centre primär die Wertschöpfung am Flughafen erhöhen. Weiter besagt die Studie des Forschungsbüros Infras, dass das neue Kongresszentrum in Kombination mit dem Circle die Wertschöpfung aus Kongressen von 100 Millionen auf 250 Millionen Franken steigern könnte, die Zahl der Arbeitsplätze von 1100 auf 2800 und das direkte Steueraufkommen von 4,5 auf 11 Millionen Franken. Mit neuem Kongresszentrum und Circle könnte Zürich den Umsatz im Kongressgeschäft mindestens verdoppeln und als Kongressstadt weltweit in die Top Ten kommen. Heute belegt die Stadt Rang 30. (jr)

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