Den Tod in Kauf nehmen

Sie schlagen noch auf ihre Opfer ein, wenn diese längst am Boden liegen: Markus Brand therapiert in Deutschland jugendliche Gewalttäter, die jegliche Grenzen überschreiten. Mit Erfolg.

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Jvo Cukas

In Zürich scheint es einigen Jugendlichen im Ausgang einzig darum zu gehen, irgendwo eine Schlägerei anzuzetteln und andere zusammenzuschlagen. Warum?
Weil es Spass macht. Es gibt einen Kick, ein Gefühl von Omnipotenz. Dabei geht es vor allen Dingen um Macht und darum, etwas wert zu sein. Viele dieser Jugendlichen sind im beruflichen oder schulischen Alltag Loser. Wenn nun andere Angst vor ihnen haben, fühlen sie sich als Gewinner. Dabei sinkt die Hemmschwelle immer mehr. Als ich vor zehn Jahren mit meiner Arbeit begann, gab es kaum Vorfälle, bei denen auf wehrlose Opfer weiter eingetreten wurde. Heute ist dies Alltag. Mit Vorliebe auch am Kopf.

Oft handelt es sich in Zürich um Jugendliche mit Migrationshintergrund. Ist denn Gewalt in gewissen Kulturkreisen einfach besser akzeptiert?
Meine Erfahrung zeigt, dass es nicht um einen kulturellen Hintergrund geht. Viele der Gewalttäter waren selber Opfer. In ihren Familien kommt es zu willkürlicher Gewalt und sie übernehmen dies später. Bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund kommt eine zusätzliche Dynamik hinzu: Oft haben sie es schwerer im beruflichen oder schulischen Umfeld und kompensieren ihr Versagen mit Gewalttaten.

Ist das nicht zu einfach: Die armen Täter, die gar nicht anders können, weil sie so viel Schlimmes erlebt haben?
So habe ich das nicht gemeint. Es geht auf keinen Fall, dass man sich nur der Biographie der Täter widmet und ihre Taten aussen vor lässt. Ich habe auch bei Sozialarbeitern schon oft erlebt, dass sie die Gewalttaten selbst mit den Jugendlichen nicht anschauen. Sie sehen ihre Geschichte, wie sie selbst in ihrer Familie Opfer sind und sehen den Täter nicht. Wenn ein Jugendlicher aber auf jemanden, der am Boden lag, weiter eintrat, dann ist das ein potenzieller Totschläger. Er nimmt in Kauf, dass jemand stirbt, ob er das nun ursprünglich wollte oder nicht. Hier muss man klar auch über die Taten sprechen. Was hat der Jugendliche gemacht, wo hat er hingetreten, wie weit ging er. Diese Konfrontation muss stattfinden. Oft beginnen Gewaltkarrieren aber schon viel früher.

Wie meinen Sie das?
Ich habe schon erlebt, dass auf einem Schulhof ein Kind zum Lehrer kam und ihn über einen gewalttätigen Mitschüler informierte. Da hiess es, geh ihm doch einfach aus dem Weg. So etwas darf aber nicht sein. Da soll das gewalttätige Kind einfach ein paar Mal nicht mehr in die Pause dürfen und nicht das Opfer sich zurückziehen müssen. Oft sind Gewalttäter ja schon früh auffällig, aber ein Herumschubsen auf dem Schulhof wird von unserem pädagogischen System noch nicht als Hinweis auf eine Gewaltbereitschaft betrachtet. Hier sollte man viel früher ansetzen. Ich habe oft erlebt, dass Jugendliche schon mit acht auffällig wurden und man schickte sie erst einmal in eine Ergotherapie. Als Gewalttäter wurden sie erst identifiziert als sie mit 18 Jahren jemanden totschlugen.

Sie haben ein Anti-Aggressions-Training mitentwickelt, das Jugendliche von Gewalttaten abbringen soll. Wie gehen Sie dabei vor?
Am Anfang geht es meist darum, dass die Jugendlichen die Verantwortung für ihre Taten übernehmen müssen. Sie rechtfertigen sie vor sich ja damit, dass sie beispielsweise provoziert wurden oder dass sie etwas Schlimmes erlebt haben. Es sind immer die anderen schuld. Sie müssen aber erkennen, dass einzig und allein sie dafür verantwortlich sind, wenn sie Gewalt anwenden. Danach geht es auch um Konfrontation: Ich provoziere sie beispielsweise in einem abgesprochenen Setting und sie müssen Strategien entwickeln, wie sie ohne Gewalt damit umgehen.

Werden sie auch mit ihren Opfern konfrontiert – zum Beispiel, indem sie sich bei ihnen entschuldigen?
Nein, so direkt nicht. Dies hat mit dem Schutz der Opfer zu tun. Ich arbeite aber mit einem Gerichtsmediziner zusammen, der ihnen aus medizinischer Sicht aufzeigen kann, was sie mit ihrer Tat angerichtet haben. Auch müssen die Jugendlichen Briefe an die Opfer schreiben, in denen sie sich aus deren Sicht mit der Tat auseinandersetzen müssen. Da zeigt sich dann sehr deutlich, ob sie ein Einfühlungsvermögen entwickelt haben oder ob sie ihre Taten nach wie vor zu rechtfertigen versuchen. Die Briefe werden aber nie abgeschickt.

Oft hört man im politischen Diskurs den Einwand: Gewalttätige in Therapien zu schicken, bringe nichts und sei Kuscheljustiz. Was sagen Sie dazu?
Eine Untersuchung des kriminalistischen Instituts Niedersachsen hat in einer Langzeitstudie festgestellt, dass 63 Prozent der Jugendlichen, die ein Anti-Aggressions-Training absolvieren, nicht mehr rückfällig werden. Es gibt aber natürlich solche, die auf die Therapie nicht ansprechen. Die soll man dann auch einsperren.

Also nützt das Gefängnis dann mehr?
Nein, ein Wegsperren alleine bringt nichts. Es muss schon intensiv mit den Tätern gearbeitet werden. Wenn ein Jugendlicher - und das erlebe ich oft - 60 bis 70 Opfer im Jahr vorzuweisen hat, dann macht es schlicht Sinn, dass er einmal für ein paar Jahre zur Ruhe kommt. Alleine schon, um zusätzliche Opfer zu vermeiden.

Die meisten Jugendlichen kommen ja nicht freiwillig zu Ihnen, sondern werden vom Justizapparat dazu verdonnert. Ist denn da die Bereitschaft, sich zu ändern, wirklich hoch?
Natürlich gibt es am Anfang meist Widerstand. In den ersten Sitzungen versuche ich aber aufzuzeigen, dass es für sie eine Chance bedeutet. Zudem arbeiten wir mit transparenten und nicht diskutierbaren Regeln: Niemand wird beleidigt, zu spät kommen ist nicht drin, Hausaufgaben müssen erledigt werden. Wer sich daran nicht halten kann, muss gehen. Die meisten Jugendlichen schätzen dies aber. Gerade, weil sie aus Familien kommen, in denen oft Willkür herrschte. Oft glauben Aussenstehende ja, gewaltbereite Jugendliche könnten sich nicht an Regeln halten. Das stimmt so nicht. Innerhalb ihrer Gangs gibt es hierarchische Strukturen und klare Regeln. Sie halten sich nur nicht an die gesellschaftlichen Regeln.

DerBund.ch/Newsnet

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