Autarkes Wohnen: Mein Haus ist mein Kraftwerk

In Brütten entsteht ein Wohnhaus ohne Stromanschluss. Was es braucht, holt es sich allein von der Sonne.

Ein Haus ohne Stromanschluss: Visualisierung des Projekts von Walter Schmid. Grafik: PD

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Sich auf den Lorbeeren auszuruhen, ist Walter Schmid definitiv nicht gegeben. 1988 hat er Kompogas erfunden, vor fünf Jahren in Spreitenbach die Umwelt-Arena auf die Beine gestellt. Jetzt macht er sich daran, in Brütten bei Winterthur ein energieautarkes Mehrfamilienhaus zu bauen. Es sei das erste der Welt, sagt er. Mit Superlativen spart er nicht, doch zeigt das Interesse der Fachpresse bei der gestrigen Medienorientierung, dass es sich tatsächlich um etwas Neues handelt. Auch der ehemalige Energieminister Moritz Leuenberger sprach anlässlich der Grundsteinlegung.

Was genau heisst aber «energie­autark»? Das 9-Familien-Haus beim Ortseingang verfügt über keinen Anschluss an ein öffentliches Stromnetz. Es kommt ohne Öl oder Erdgas aus. Die einzige externe Energiequelle ist die Sonne. Es gibt also kein Gasöfeli und auch kein Cheminée, in dem Holz Wärme erzeugt. Und im Unterschied zum Nullenergiehaus schliesst ein autarkes Haus auch sämtliche Haushaltgeräte ein – inklusive zwei Autos, die den Mietern zur Verfügung stehen.

Walter Schmid stellt sich auf den Standpunkt, dass Energiesparen keine Einbusse an Komfort heissen darf. «Es hat genug Energie, wir müssen sie nur richtig nutzen.» Und: «Alles ist nur ein Speicherproblem.» So ist sein Haus ein eigenständiges und stark vernetztes Kraftwerk: Wenn zu viel Energie anfällt, wird diese in Lang- und Kurzzeitspeichern gelagert. Die Kurzzeitspeicher sind Batterien, die Lücken von drei bis vier Tagen schliessen. Für die dunklen und kalten Wintertage wird im Sommer zudem aus dem überschüssigen Strom der Fotovoltaikanlage Wasserstoff produziert und gespeichert. Aus ihm wird über eine Brennstoffzelle Strom produziert, wenn er benötigt wird.

Eine Stunde Sonne reicht

Wie schon bei der Umwelt-Arena ist René Schmid, Walter Schmids Sohn, Architekt des Pionierhauses. Neuartig sind die Fotovoltaikbauplatten, mit denen die ganze Fassade überzogen ist. Sie liefern etwas weniger Strom als herkömmliche Systeme, doch spiegeln sie nicht, sind farblich variabel und kostengünstiger. Das Dach ist zudem mit äusserst leistungsfähigen Fotovoltaikplatten bedeckt. Eine Stunde Sonne reicht, um den Energiebedarf der Bewohner einen Tag lang abzudecken. Übers Jahr hinweg haben Fachleute ein Stromdefizit von 25 Tagen errechnet, das mit Langzeitspeichern überbrückt wird.

Doch wird nicht nur Strom erzeugt, sondern auch Strom gespart. Einerseits durch ausgeklügelte Wärmedämmung des Gebäudes, andererseits dadurch, dass nur die effizientesten Haushaltsgeräte (A+++) und die modernste LED-Technologie eingesetzt wird. Und schliesslich werden auch die Mieter zum Stromsparen angehalten, indem ihnen stets Informationen über ihren Energieverbrauch zur Verfügung stehen.

Walter Schmid hört sie schon, die Kommentare von Bauherren: viel zu teuer! «Stimmt nicht», sagt er. Zwar sei der Bau etwa 10 Prozent teurer als üblich, doch amortisiere sich diese Investition bald. Und auch die Mieten sollen im autarken Wohnhaus ortsüblich sein: 2500 Franken für eine 4,5-Zimmer-Wohnung, alles inklusive, denn es fallen keine weiteren Kosten für Strom und Wärme an. Jeder Mieter erhält ein Strombudget mit Bonus-/Malussystem.

Es zeigt, was alles möglich ist

Für Daniela Bomatter, Geschäftsführerin von Energie Schweiz, ist klar: Autarke Häuser bleiben die Ausnahme. «Was uns an diesem Pionierprojekt aber begeistert, ist, dass es aufzeigt, was alles möglich ist – nämlich wahnsinnig viel.» Zudem gebe es verschiedene Aspekte, die auch bei Sanierungen angewendet werden könnten. «Und dort liegt noch ein gewaltiges Energiesparpotenzial.» Walter Schmid zweifelt nicht daran, dass sein jüngstes Kind ein Erfolg wird: Ber­trand Piccard habe es geschafft, allein mit Sonnenenergie zu fliegen. «Was er in der Luft hinkriegte, werden wir wohl am Boden auch fertigbringen.» Das autarke Haus ist im Frühling 2016 bezugsbereit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.01.2015, 20:34 Uhr

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