«Ab 30 Tagen wird es gefährlich»

Interview

Carlos will aus Protest über seine Unterbringung in einer geschlossenen Einrichtung in den Hungerstreik treten. Was man im Kanton Zürich dann macht, erklärt Juristin Brigitte Tag.

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Jvo Cukas

Der Jugendliche Carlos tritt aus Protest gegen seine Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt in Uitikon in den Hungerstreik. Allgemein gefragt: Nehmen Hungerstreikende überhaupt nichts mehr zu sich, oder worauf verzichten sie?
Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt solche, die verzichten auf feste Nahrung, nehmen aber weiterhin Flüssigkeiten zu sich, die Nahrungsbestandteile enthalten, wie Suppe, Milch oder mit Honig gesüssten Tee. Andere nehmen nur noch Wasser zu sich. Im radikalsten Fall verzichten sie auch auf Wasser.

Was passiert bei einem Hungerstreik mit dem Körper?
Der Stoffwechsel stellt relativ schnell um und beginnt, eigene Fett- und Zuckerreserven abzubauen, was auch zu einem Abbau von Muskeln führt. Am Anfang führt dies nur zu Gewichtsverlust. Über längere Zeit allerdings wird dies gefährlich, weil auch die Organe und Organfunktionen angegriffen werden. Dies kann zu Apathie, geistiger Umnachtung, einem geschwächten Immunsystem, aber auch zu einem Herzinfarkt oder Embolien führen, welche zum Tod führen können. Ein weiteres Problem sind Giftstoffe, die im Körper eingelagert sind, zum Beispiel bei starkem Medikamentenkonsum. Werden diese wieder abgebaut, kann dies zu Flashbacks führen, im Extremfall aber auch den Kreislauf überanspruchen.

Carlos ist jung und fit: Wie lange kann er einen Hungerstreik aushalten, bevor es medizinisch kritisch wird?
Es kommt sehr auf die Konstitution des Betroffenen an. Es ist ein Fall bekannt, bei dem ein Mann mehr als 100 Tage keine feste Nahrung zu sich nahm. Im Normalfall sind aber ab 30 Tagen erhebliche Veränderungen feststellbar, und es wird biologisch gefährlich. Im Fall von Carlos muss dies medizinisch genau abgeklärt werden. Wenn er auch äusserlich einen fitten Eindruck macht, kann sein Körper beispielsweise durch den grossen psychischen Druck der letzten Monate angeschlagen sein.

Druck löst die Situation sicher auch bei seinen Freunden und Verwandten aus. Wissen Sie, welche Folgen Hungerstreiks für Angehörige der Streikenden haben?
Natürlich ist dies eine grosse Belastung für sämtliche Beteiligten. Aber nicht nur für Familie und Freunde. Auch für involvierte Ärzte oder das Gefängnispersonal ist dies eine extreme Drucksituation. Niemand will zusehen, wie ein gesunder Mensch sich zu Tode hungert.

Was wird im Gefängnis im Fall eines Hungerstreiks denn gemacht?
Dies ist im Kanton Zürich einheitlich geregelt. Die Vollzugsleitung wird rasch informiert, ebenso ein zuständiger Arzt, der mit dem Gefangenen spricht und feststellt, ob er sich für den Hungerstreik im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte entscheidet. Spätestens nach sieben Tagen wird der Streikende regelmässig von einem Psychiater und einem Arzt besucht. Stets klärt man den Betroffenen über die möglichen Konsequenzen des Hungerstreiks auf und versucht, Alternativen oder andere Perspektiven zu erörtern. Zudem wird ihm täglich mehrmals Nahrung angeboten.

Kann es im Kanton Zürich zu einer Zwangsernährung kommen?
Solange der Entscheid für den Hungerstreik im Vollbesitz der geistigen Kräfte erfolgt, steht die Selbstbestimmung des Betroffenen über anderen Überlegungen. Dies gilt auch im Strafvollzug. Im Gespräch werden Ärzte aber versuchen, dem Betroffenen andere Perspektiven aufzuzeigen, um eine medizinisch kritische Situation zu verhindern. Auch Seelsorger werden hier mit eingebunden. Tritt die kritische Situation trotzdem ein, wird der Betroffene in ein Spital verlegt.

Sind in der Schweiz schon Hungerstreikende in Gefängnissen gestorben?
Ja, gerade in diesem Jahr starb ein Mann im Kanton Zug als Folge eines Hungerstreiks. Dort stellte man sich klar auf den Standpunkt, dass man das Selbstbestimmungsrecht des Betroffenen respektiert, ihm aber jede Hilfe anbietet und sie gibt, wenn er diese wünscht.

Aus Ihrer Erfahrung: Nützen Hungerstreiks den Betroffenen, um ihre Ziele zu erreichen?
Viele Inhaftierte fühlen sich durch die Einschränkung ihrer Bewegungsfreiheit zunächst unwohl oder auch etwas ungerecht behandelt. In der Schweiz versucht man hier aber durch Gespräche, Wege und Perspektiven aufzuzeigen, die es leichter machen, sich an den Gefängnisaufenthalt zu akklimatisieren. Diese Gespräche können durch einen Hungerstreik aber in den Hintergrund treten. Deshalb bin ich mir nicht sicher, ob er Positives bewirken kann. Allerdings führt er im Extremfall dazu, dass man in ein Spital verlegt wird. Wenn der Betroffene unbedingt aus dem Gefängnis herauswill, kann er dies als positiv erleben, wenngleich es auch dort bewachte Stationen gibt. Allerdings schädigt der Hungerstreikende seine Gesundheit dabei massiv.

DerBund.ch/Newsnet

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