7-Zimmer-Wohnung steht seit einem Jahr leer

Eine zweistöckige Wohnung in Höngg steht seit einem Jahr leer. Sie gehört der Kirche. Weil deren Mitgliederzahlen stetig abnehmen, stehen mehr und mehr Pfarrhäuser leer.

Im Pfarrhaus an der Hohenklingenstrasse in Höngg steht eine 7-Zimmer-Wohnung leer. Foto: Dominique Meienberg

Im Pfarrhaus an der Hohenklingenstrasse in Höngg steht eine 7-Zimmer-Wohnung leer. Foto: Dominique Meienberg

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Nachts geht im reformierten Höngger Pfarrhaus an der Hohenklingenstrasse ab und zu das Licht an und aus. Es handelt sich nur um einen Lichtschaltmechanismus. Zu stehlen gibt es nichts, denn in der frisch renovierten zweistöckigen Pfarrerswohnung mit Stadtsicht und Garten wohnt seit über einem Jahr niemand mehr.

Meinungsverschiedenheiten in der Pfarrwahlkommission hätten dazu geführt, dass die 7-Zimmer-Pfarrwohnung im kircheneigenen Zweifamilienhaus leer stehe, sagt Kirchenpflegepräsident und Alt-Gemeinderatspräsident Jean E. Bollier (FDP). «Seit die Pfarrerin im Mai das Quartier verlassen hat, ist die Wohnung verwaist.»

Da die Mitgliederzahlen in der Reformierten Kirche nach wie vor schwinden, werden mehr und mehr Pfarrstellen aufgehoben und somit Pfarrhäuser frei. In Höngg sind von den vier Pfarrhäusern derzeit zwei an Pfarrpersonen vermietet. Eines ist seit drei Jahren an die Zürcher Studentenwohnhilfe vermietet, die sechs ETH-Studenten einquartiert hat.

Die leere Pfarrwohnung, sagt Bollier, habe man nicht vermieten wollen, weil der Aufwand sich für eine Zwischennutzung nicht ausbezahlt hätte. «Eine faule Ausrede», sagt Walter Angst vom Mieterverband Zürich. «Es gibt sehr viele gemeinnützige Institutionen, die sofort eine Zwischennutzung auf Zeit anbieten könnten», sagt er. In der prekären Zürcher Wohnsituation könne man es sich heute nicht mehr leisten, eine Wohnung oder ein Haus leer stehen zu lassen. «Das ist eindeutig ein No-go.»

Bollier sieht das anders: «Wir bewirtschaften die Pfarrhäuser richtig.» Hingegen wisse er von «einigen städtischen Gemeinden, in denen Pfarrhäuser leer stehen, schlecht oder zu billig fremd vermietet sind».

Unter der Hand vermietet

Tatsächlich gehen auch Häuser und Wohnungen unter der Hand weg. Im Pfarrhaus Aussersihl-Hard am Bullingerplatz zum Beispiel. Dort wohnt seit fünf Jahren die Quartiervereinspräsidentin mit ihrem Mann in der günstigen 6-Zimmer-Pfarrwohnung mit Garten, die ihr die damalige Kirchenpflegepräsidentin zugeschanzt hatte.

Bei Pfarrhäusern handle es sich meistens um herrschaftliche Objekte, «in denen die Belegung nicht optimal ist und wenige Personen sehr viel Wohnfläche in Anspruch nehmen», sagt Walter Angst, wie der Fall Aussersihl bestens zeige. Aus seiner Sicht wäre es sympathisch, wenn soziale Institutionen und Stiftungen Vorbildcharakter hätten. «Sie könnten in die Gruppe der gemeinnützigen Vermieter aufsteigen», sagt Angst. Das Volumen der leer stehenden Wohnungen und Häuser sei zwar nicht sehr hoch, aber symbolhaft. Intelligente Bewirtschaftung bedeute zwar, dass man durchaus etwas verdienen dürfe. «Aber denkt man langfristig – und das tut die Kirche ja –, ist eine konstante Immobilienstrategie das, was am meisten bringt.» Das würde das gute Beispiel der Genossenschaften zeigen.

Insgesamt gibt es in Zürich 64 reformierte Pfarrhäuser. Wie viele davon leer stehen, weiss Beatrice Bänninger vom Reformierten Stadtverband nicht. Es gebe auch keine Richtlinien über die Weitervermietung von kircheneigenen Liegenschaften. Die Kirchgemeinden seien autonom und «handeln jeweils nach bestem Wissen und Gewissen». Aber «der Stadtverband begrüsst es natürlich, wenn Wohnungen zu angemessenen Marktpreisen vermietet werden und nicht einfach leer stehen».

Pfarrpensen schrumpfen weiter

Kirchenpfleger Jean E. Bollier weiss: «Ab 2016 werden die Pensen der Pfarrer in Zürich noch einmal schrumpfen.» Der Höngger rechnet damit, dass stadtweit erneut sechs bis zehn Stellen gestrichen werden. «Jedes Jahr verschwindet in der Stadt Zürich eine halbe Pfarrerstelle. Die Streichung betrifft nicht nur die Stadt. Im ganzen Kanton Zürich muss aufgrund des Mitgliederschwunds gekürzt werden. «In grösseren Kirchgemeinden mit mehreren Pfarrhäusern sind nicht mehr alle als ­solche genutzt», sagt Nicolas Mori, Leiter Kommunikation Reformierte Kirche Kanton Zürich. Die Kirchgemeinden würden angehalten, diese im Sinne der Reformierten Kirche – nachhaltig, ökonomisch und sozial – zu bewirtschaften. Und sie so zu vermieten, dass ein Ertrag generiert werde. «Gleichzeitig soll die Kirch­gemeinde aber auch den ursprünglichen Zweck der Häuser im Auge behalten, das heisst, nicht an eine Mieterschaft vermieten, deren allfällige Aktivitäten den kirchlichen Idealen zuwiderlaufen.»

Einige Kirchgemeinden hätten in den letzten Jahren damit begonnen, Pfarrhäuser auf grösseren Grundstücken durch Mehrfamilienhäuser zu ersetzen. In vielen Fällen wurden Wohnungen realisiert, die speziellen Zielgruppen (Mittelstand, Familien, Senioren) vorbehalten sind. Dass Häuser unter der Hand vermietet würden, sei der Reformierten Kirche Kanton Zürich nicht bekannt, «wenn dies auch nicht gänzlich auszuschliessen ist», so Mori. Er kann auch nachvollziehen, dass eine Pfarrwohnung einige Zeit leer steht, was aufgrund des relativ komplizierten Pfarrwahlprozederes vorkommen könne. «Das sollte aber eine angemessene Frist nicht überschreiten.» Nach Möglichkeit sollte eine längere Vakanz mit einer Zwischen­lösung überbrückt werden, sagt Mori.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.05.2014, 03:55 Uhr

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