Wie zwei Pflegerinnen aus Polen an der Goldküste behandelt werden

In einem Altersheim in Meilen haben zwei Angestellte jeweils 30 Tage am Stück zwölfstündige Nachtwachen geschoben – für 2500 Franken netto. Als sie sich wehrten, wurden sie entlassen.

Zum Job im Altersheim gehörten Pflegen, Betreuen, Putzen: Ein Arzt und ein Pfleger bei einem Krankentransport. (Archivbild: APA)

Zum Job im Altersheim gehörten Pflegen, Betreuen, Putzen: Ein Arzt und ein Pfleger bei einem Krankentransport. (Archivbild: APA)

Anita Merkt@tagesanzeiger

In Schweizer Pflegeeinrichtungen ar­beiten häufig Angestellte aus Osteuropa. Zum Beispiel zwei Polinnen, die in einem kleinen privaten Altersheim in Meilen Nachtwache schieben. Eine harte und schlecht bezahlte Arbeit, wie diese Geschichte zeigt. Im letzten November waren die beiden Frauen in die Schweiz gekommen und unterzeichneten im ­Meilemer Altersheim einen Arbeits­vertrag. Für 2500 Franken netto hatten sie 30 Tage ohne Unterbruch zwölfstündige Nachtwachen zu leisten. Die beiden Frauen wechselten sich monatsweise ab. Wenn die eine einen Monat gearbeitet hatte, fuhr sie zurück nach Polen und die andere übernahm.

Gemäss der Lohnabrechnung, die dem TA vorliegt, entsprechen die 2500 Franken netto, die Maria Kowalska und Dorotea Novac* für einen Nachtwachemonat erhielten, einem Bruttolohn von 2767 Franken. Dazu stellte der Arbeitgeber den Frauen eine möblierte Einzimmerwohnung zur Verfügung, die sie abwechslungsweise bewohnten. Angesichts der 360 geleisteten Arbeitsstunden pro Monat stünde den angelernten Pflegekräften je nach Beurteilung ihrer Qualifikation ein Bruttolohn zwischen 9700 und 10'800 Franken zu.

Den Verdacht, dass sie ausgenutzt werden, hegten die Polinnen schnell. Am meisten zermürbte sie jedoch, dass sie um zugesagte Leistungen wie das Busbillett von der Wohnung in Uetikon zum Heim in Meilen oder die Busfahrten nach Polen jedes Mal kämpfen mussten. Die versprochene Übernahme der Krankenversicherungskosten musste Maria Kowalska von ihrem Arbeitgeber immer wieder einfordern. Als sie von ihrer Krankenkasse die zweite Mahnung bekam, weil die Prämien unbezahlt blieben, wurde es für die 34-jährige Ko­walska existenziell. «Ich möchte auf keinen Fall eine Betreibung bekommen», sagt sie. Angesichts der unbezahlten Prämien traute sich die junge Frau nicht zum Arzt, als sie im April eine Grippe erwischte. Doch damit nicht genug: Sie schleppte sich noch eine Woche mit 39 Grad Fieber zu ihren Nachtschichten.

Hypothek in Polen

Jetzt steht die blonde Frau dick eingepackt am Busbahnhof in Zürich. Für 100 Franken wird sie nach 20 Stunden Fahrt zu Hause bei ihrem Mann sein. Das muss sie jetzt noch durchstehen. Der Arzt in Polen wird sie später mit einer Luft­röhrenentzündung ins Krankenhaus schicken. «In meinem Arbeitsvertrag steht, dass ich keinen Lohn bekomme, wenn ich krank bin», sagt sie.

Dem TA liegen verschiedene Arbeitsverträge der Firma Senior Care GmbH* mit den beiden Polinnen vor. Dort heisst es: «Keine Lohnfortzahlungen. Bei Krankheit werden die Tage prozentual vom Lohn abgezogen.» Der Geschäftsführer des Heims, Salvatore Gentiloni*, bestreitet diesen Punkt des Arbeits­vertrags im Gespräch mit dem TA nicht. Davon, dass Kowalska eine Woche lang ihre Nachtschichten durchzog, obwohl sie die Grippe hatte, habe er jedoch nichts gewusst. «Das hätte sie nicht tun dürfen und auch nicht tun müssen», sagt Gentiloni. Doch auf ihren Lohn konnte Kowalska nicht verzichten. «Wir müssen zu Hause eine Hypothek abbezahlen, die auf Schweizer Franken abgeschlossen ist», sagt die junge Germanistin. Da der Zloty seit dem Kauf ihrer Wohnung um die Hälfte abgewertet wurde, haben sich ihre monatlichen Zinszahlungen verdoppelt. Ihre Kollegin Novac wandte sich am 11. Februar 2016 an das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA). Dass 30 Tage ununterbrochene Nachtwachen in der Schweiz legal sind, konnte sie sich nicht vorstellen. Wie ihre Kollegin kam Novac als «Dauernachtwache Pflege» im kleinen Altersheim mit sieben Bewohnern jeweils von 22 Uhr abends bis morgens um 10 Uhr zum Einsatz. «Für die Monate, in denen keine Arbeitsleistung erfolgt, wird auch kein Lohn aus­bezahlt», steht im Arbeitsvertrag.

Arbeitszeitinspektorin: «nicht gesetzeskonform»

Novac und Kowalska waschen die ­alten Leute. Sie bringen sie ins Bett, ­begleiten sie zur Toilette, geben ihnen ihre Pillen. Auch Putz- und Reinigungsarbeiten gehören zum Job. In einer «Ämtliliste» hat der Geschäftsführer des Heims vermerkt, welche Räume sie wann putzen müssen. Die Badezimmer, die Küche und der Wohnraum sind jeden Tag nass aufzunehmen, dazu muss die Wäsche gewaschen und bei Bedarf auch gebügelt werden.

Die Arbeitszeitinspektorin des AWA, der Novac ihren Arbeitsvertrag vorlegte, versicherte der Pflegerin, dass «es nicht gesetzeskonform ist, an 30 Nächten in Folge zu arbeiten». Ausserdem versprach sie, bei der Senior Care GmbH eine Kontrolle durchzuführen. Es könne jedoch einige Wochen und manchmal auch Monate dauern, bis im Betrieb eine Besserung eintrete.

Als Novac im April beim AWA noch einmal nachhakte, beschied ihr die Mitarbeiterin, sie selbst sei nur für Arbeitszeiten zuständig und könne zu Lohn­angelegenheiten und Sozialabzügen keine Stellung nehmen. Sie habe die Unterlagen jedoch an die Abteilung Schwarzarbeit und Lohndumping weitergeleitet, die auch Mindestlöhne ­kontrolliere. Was die Probleme bezüglich Vertragseinhaltung und Abzüge ­betreffe, müsse sie sich an einen Rechtsanwalt wenden. «Mehr kann ich für Sie leider nicht tun», schreibt die AWA-Mitarbeiterin. Und schickt noch einen Link zur kostenlosen Rechtsberatung des Bezirksgerichts Meilen. Immerhin hatte der Heimleiter zuvor die Arbeitsverträge der beiden Polinnen angepasst. Sie mussten nun nur noch 14 Tage lang zwölfstündige Nachtschichten machen, bei einem Tag Pause dazwischen. Allerdings wurde auch ihr Lohn entsprechend angepasst. So gab es nun nur noch 2051 Franken brutto oder 1260 Franken netto.

Anfrage vom Kantonsrat liegt vor

Als sich der TA vergangene Woche beim AWA nach dem Stand der Dinge in diesem Lohnstreit erkundigte, richtete die Presseabteilung aus, man könne aus Gründen des Datenschutzes und des Amtsgeheimnisses keine Stellung nehmen. Fragen zum Vorgehen des AWA und der Tripartiten Kommission (TPK) gegenüber Firmen, die gegen die gesetzlichen Arbeitsbedingungen verstossen, wollte man nicht beantworten. Begründung: Es liege eine Anfrage zum gleichen Themenkomplex im Kantonsrat vor, an deren Beantwortung das AWA zurzeit arbeite.

Wenige Tage nachdem der TA dem AWA seine Fragen zum Fall Meilen vorgelegt hatte, stattete das AWA dem Altersheim dann aber einen Besuch ab. Dem Heimchef erklärte der Kontroll­beauftragte, die TPK gehe nur gegen Arbeitgeber vor, die die ortsüblichen Mindestlöhne um mehr als 20 Prozent unterschreiten. Dem TA gegenüber gab sich der Heimleiter gelassen. Er habe demnächst einen Termin mit dem Kontrollorgan und sei bereit, die Löhne nach oben zu korrigieren, wenn das nötig sei.

Die Arbeitszeitinspektorin hatte ihm beim Ortstermin erklärt, seine Mit­arbeiterinnen müssten sich nach sieben aufeinanderfolgenden zwölfstündigen Nachtschichten mindestens 83 Stunden an einem Stück ausruhen können. Obwohl er selbst jahrelang als Pflegekraft gearbeitet hat, zeigte sich Heimleiter Gentiloni von diesen Regelungen überrascht. Er sei kein Fachmann und betreibe das Heim erst seit einem Jahr.

Fristlos entlassen

Die niedrigen Löhne rechtfertigt Gentiloni damit, dass die Frauen jede Nacht vier bis fünf Stunden schlafen könnten, es sich um «einen relaxten Job» handle und die Polinnen keine Diplome hätten. Zudem ziehe er vom Bruttolohn 500 Franken für die möblierte Einzimmerwohnung ab.

Kurz bevor der TA bei Gentiloni anrief, hatten sich die Polinnen an die Gewerkschaft Unia gewandt. In der Zürcher Sektion treffen sich regelmässig polnische Pflegekräfte, um sich über ihre Arbeitsbedingungen auszutauschen und sich beraten zu lassen. Die Unia hat aus­gerechnet, dass das Heim jeder der beiden Frauen rund 20 000 Franken nachzahlen müsste. Unia schickte Gentiloni ein Mail mit einer Berechnung der an­gemessenen Löhne und der somit noch geschuldeten Beträge. Als Berechnungsgrundlage diente der Gewerkschaft das kantonale Arbeitsgesetz.

Der Forderung der Unia, korrekte Löhne zu bezahlen und sich zu einem Verhandlungstermin zu treffen, sah Gentinoni am Mittwoch noch gelassen entgegen. Am Donnerstagmorgen hat er die Polinnen fristlos entlassen.

* Namen geändert

Korrekte Löhne

Für den Pflegebereich gibt es keinen allgemeinverbindlichen Gesamtarbeitsvertrag. Bei der Untersuchung, ob ein Lohn missbräuchlich ist oder nicht, gelten als Referenzwert darum die «orts- und branchenüblichen Löhne». Für deren Festlegung und das Ahnden von Ver­stössen sind in Branchen ohne Gesamtarbeitsvertrag die Tripartiten Kommissionen (TPK) zuständig. Darin sind das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA), die Arbeitgeber und die Gewerkschaften vertreten.

Da im Kanton Zürich Arbeitgeber und AWA oft gemeinsam gegen die Gewerkschaften stimmen, haben diese mit der Durchsetzung ihrer Anliegen innerhalb der TPK einen schweren Stand. Nach Angaben des AWA orientiert sich die TPK beim «üblichen» Lohn im Pflegebereich am kantonalen Personalgesetz und den entsprechenden Lohnklassen. Für 14 Tage Nachtschicht à 12 Stunden wie im vorliegenden Fall (168 Stunden) müssten die polnischen Altenbetreuerinnen mindestens einen Bruttolohn von rund 5000 Franken erhalten. Die Differenz zum zuletzt ausgezahlten Bruttolohn von 2051 Franken ist auch deswegen so hoch, weil die Pflegerinnen weder einen 13. Monatslohn noch bezahlte Ferien ­erhalten. Ausserdem sind Nacht-, Überstunden-, Überzeit- und Sonntags­zuschläge zu bezahlen. (ame)

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