Pflegerinnen erkämpften sich deutlich mehr Lohn

Monatelang leisteten sie für einen Dumpinglohn in einem privaten Altersheim an der Goldküste 12-stündige Nachtwachen. Jetzt hat die Unia für die beiden polnischen Frauen eine Lohnnachzahlung ausgehandelt.

Bei der Langzeitpflege alter Menschen muss auch der Lohn stimmen. Foto: ABB Photo

Bei der Langzeitpflege alter Menschen muss auch der Lohn stimmen. Foto: ABB Photo

Anita Merkt@tagesanzeiger

Für die polnischen Frauen, die in dem kleinen Altersheim der Swiss Home Care GmbH in Meilen zu Dumpinglöhnen arbeiteten, hat es sich gelohnt zu kämpfen. Mithilfe der Gewerkschaft Unia haben sie sich mit dem Heimbetreiber auf «substanzielle Lohnnachzahlungen» geeinigt. Für die Monate November bis April hatte die Unia für jede der beiden Frauen Nachzahlungen in Höhe von rund 20'000 Franken gefordert.

Der TA berichtete Ende April, dass die Frauen aus Polen für 12-stündige Nachtschichten an 14 Tagen einen Nettolohn von 1260 Franken erhalten hatten. Davor hatten sie für 12-stündige Nachtwachen an 30 aufeinanderfolgenden Tagen netto 2500 Franken verdient. Eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall gab es nicht.

Heimleiter Alfredo Prencipe betont, dass der Bruttolohn sehr viel höher gewesen sei. So habe er die Unterkunft der Frauen in Uetikon samt Internetanschluss und TV und die Busbillette zwischen der Wohnung und dem Heim in Meilen bezahlt. Gleichzeitig räumt Prencipe gegenüber dem TA aber ein, dass die gezahlten Löhne zu niedrig waren.

Heimbetreiber ist einsichtig

Er habe aus den Verhandlungsgesprächen mit der Unia «viel gelernt», sagt der Heimbetreiber. In Zukunft werde er «alles daransetzen, die gesetzlichen Bestimmungen zu Arbeitszeiten, Ruhepausen und Minimallöhnen einzuhalten». Die Swiss Home Care GmbH betreibt seit Anfang 2015 das Altersheim in Meilen und sucht nach einem weiteren Standort für ein zweites Heim. Über die genaue Höhe der vereinbarten Lohnnachzahlungen geben weder der Heimbetreiber noch die Unia Auskunft. Sie haben sich darauf geeinigt, dazu keine Informationen an die Medien zu geben. Die beiden Frauen sind nach der fristlosen Kündigung am 21. April zu ihren Familien nach Polen zurückgereist.

Unia-Sprecher Lorenz Keller sagt, die anstrengende Auseinandersetzung um ihre Arbeitsbedingungen und ihre Löhne habe für die Frauen «ein gutes Ende genommen». Die Heimleitung habe die fristlose Kündigung zurückgezogen, die sie aus Verärgerung über den TA-Artikel ausgesprochen hatte. Weiter im Heim zu arbeiten, sei für die Frauen aber nicht sinnvoll, weil das nötige Vertrauensverhältnis nicht mehr gegeben sei. Keller ist angesichts der jahrelangen Erfahrung der Pflegerinnen zuversichtlich, dass sie in der Schweiz eine andere Stelle finden werden.

Keine Polinnen mehr

Heimleiter Prencipe spricht gegenüber dem TA von einer guten Lösung. «Wir sind alle sehr zufrieden», sagt er. Um die entlassenen Polinnen zu ersetzen, habe er bereits neue Mitarbeiterinnen ein­stellen können. «Wie die übrigen Angestellten erhalten sie einen guten und zum Teil überdurchschnittlichen Lohn», beteuert er. Auf Pflegepersonal, das nicht in der Schweiz wohnt, will Prencipe in Zukunft verzichten. Die Hin- und Rückreisen der polnischen Frauen, die anfangs 30 Tage am Stück arbeiteten und dann zurückfuhren und von der Kollegin abgelöst wurden, hätten die Angelegenheit sehr kompliziert gemacht.

AWA verweigert Auskunft

Für die Unia sind die Probleme im Pflegebereich mit dem Fall Meilen nicht vom Tisch. «Der ganze Bereich bleibt eine Riesengrauzone», sagt Keller. Das Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA), das die Einhaltung der gesetzlichen Lohnbestimmungen überwachen müsste, kontrolliere zu wenig und halte sich mit Informationen zum Lohndumping zurück. «Es ist nicht klar, wie viel und wen das AWA kontrolliert, wie viele Missstände es feststellt und was das Amt dagegen unternimmt. Fragen dazu bleiben vom AWA systematisch unbeantwortet», sagt Gewerkschafter Keller.

Gegenüber dem TA verwies das AWA mehrfach auf seine «Verpflichtung zur Wahrung des Amtsgeheimnisses». Als weiteren Grund, weshalb es den Medien keine Auskunft gibt, nennt das AWA eine im Kantonsrat eingereichte Anfrage der SP-Frauen Pia Ackermann und Sibylle Marti zu Arbeitsverhältnissen von Pendelmigrantinnen. Damit sind Betreuerinnen aus Niedriglohnländern gemeint, die für Wochen oder Monate bedürftige Personen betreuen und regelmässig zu ihren Familien im Heimatland zurückreisen. Eine der beiden Polinnen hatte sich im Februar an das AWA gewandt und der zuständigen Mitarbeiterin ihren Arbeitsvertrag, Stundenprotokolle und andere Unterlagen zugeschickt. Das AWA versprach, sich darum zu kümmern. Dies könne jedoch «ein paar ­Wochen oder auch Monate dauern».

Nachdem der TA dem AWA eine Fragenliste zum spezifischen Fall und zur grundsätzlichen Handhabung missbräuchlicher Beschäftigungsverhältnisse zugeschickt hatte, führte dieses vor Ort eine Kontrolle durch. Informationen zum Umfang und zur Art der Kontrollen und zu festgestellten Verstössen gegen gesetzliche Lohnbestimmungen verweigert das Amt unter der Leitung von Bruno Sauter (FDP) weiterhin.

Für die SP «inakzeptabel»

Die Haltung des kantonalen Amtes für Wirtschaft und Arbeit hat jetzt die Politik auf den Plan gerufen. Vertreter der SP im Kantonsrat werfen dem AWA und dessen Amtschef Sauter «Arbeitsverweigerung» vor. Sauters Chefin, Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP), verharmlose das Lohndumping-Problem, kritisierten sie in einer Fraktionserklärung. Für die SP-Fraktion sei es «inakzeptabel, dass die ungelösten Finanzierungsprobleme in der Langzeitpflege auf dem Rücken der Arbeitnehmenden ausgetragen werden». Carmen Walker Späh und Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger (FDP) müssten «gemeinsam gegen Lohndumping in der Langzeitpflege vorgehen und der Arbeitsverweigerung des AWA endlich ein Ende setzen».

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