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«Ich wollte zurücktreten, solange ich noch geschätzt werde»

Herrlibergs Gemeindepräsident Rolf Jenny (SVP) zieht sich nach einem Vierteljahrhundert aus der Politik zurück.

Rolf Jenny (66) war 24 Jahre lang Teil des Herrliberger Gemeinderats, davon 12 Jahre als Präsident. Der gelernte Auto- und Schriftenmaler sass für die SVP bis Ende 2009 vier Jahre lang im Kantonsrat. Seit 41 Jahren führt er an der Seestrasse seinen eigenen Betrieb. Jenny lebt seit 1968 in Herrliberg.
Rolf Jenny (66) war 24 Jahre lang Teil des Herrliberger Gemeinderats, davon 12 Jahre als Präsident. Der gelernte Auto- und Schriftenmaler sass für die SVP bis Ende 2009 vier Jahre lang im Kantonsrat. Seit 41 Jahren führt er an der Seestrasse seinen eigenen Betrieb. Jenny lebt seit 1968 in Herrliberg.

Rolf Jenny, zum ersten Mal seit 24 Jahren ist in Herrliberg Wahlkampf, ohne dass Ihr Konterfei von den Plakaten lacht – ein komisches Gefühl, wenn Sie durchs Dorf gehen? Im Gegenteil. Das ist ein gutes Gefühl. Zwölf Jahre Polizeivorstand und zwölf Jahre Gemeindepräsident sind genug. Ich habe meine Pflicht getan. Ich wollte immer abtreten, solange ich noch geschätzt werde. Und nicht erst, wenn alle froh sind, dass ich gehe. Ich geniesse es, den Wahlkampf zum ersten Mal seit langem von aussen zu beobachten.

Wer glauben Sie, wird zu Ihrem Nachfolger gewählt? Ich wünsche mir natürlich, dass mein Parteikollege Ernst Frei gewählt wird. Er steht mir persönlich am nächsten und würde meine Arbeit auf bewährte Weise weiterführen. Noch ist aber gar nichts entschieden. Ich rechne mit einem zweiten Wahlgang. Denn auch Felix Besser und Walter Wittmer sind gute Kandidaten. Ich freue mich für den Wähler. So hat er eine breite Auswahl.

Ende 2009 traten Sie aus dem Kantonsrat, im Sommer als Gemeindepräsident zurück. Sie sind 66-jährig. Wie lange wollen Sie noch als Carrossier arbeiten? Ich habe mein Pensum mittlerweile auf 80 Prozent reduziert. Die Nachfolge ist geregelt. Einer meiner Mitarbeiter steckt derzeit mitten in den Meisterprüfungen. Er wird mein Geschäft dereinst übernehmen. Der Zeitpunkt ist noch unklar. Es wird einen fliessenden Übergang geben. Die Kunden sollen vom Wechsel nichts merken.

Sie konnten der Versuchung widerstehen, Ihre Werkstatt an der Seestrasse für teures Geld zu verkaufen. So nahe am See hätte sich sicher jemand gefunden, der Luxuswohnungen draus gemacht hätte. Das Parterre ist nicht so attraktiv. Man hätte dort wohl 5 bis 6 teure Garagen gebaut. Mir persönlich wäre eine richtige Beiz aber lieber gewesen. Die sind am Zürichsee mittlerweile leider auch zur Mangelware geworden.

In Herrliberg entstehen derzeit mehrere Luxusprojekte, eingeklemmt zwischen Seestrasse und Bahndamm. Ich finde das nicht schlecht. Mir wäre es aber lieber, wenn Gewerberäume entstünden. Dass an dieser Lage Wohnungen für 2,5 Millionen Franken gebaut werden, ist doch eine totale Spinnerei! Da kann man nach dem Essen ja nicht mal richtig lüften.

Stichwort Gewerberäume: In Herrliberg gibts wenig bezahlbaren Wohnraum. Fürs Gewerbe siehts noch düsterer aus. Wie kann man dieses Problem in den Griff kriegen? Das ist in der Tat eines der drängendsten Probleme, die Herrliberg hat. Der Boden ist schlicht zu teuer. Zudem ist die Topografie nicht optimal für Gewerbebetriebe. Es darf nicht sein, dass ein aufstrebender Gewerbler, der mehr Platz braucht, ins Oberland ausweichen muss, nur weil er bei uns keinen Platz findet. Eine konkrete Lösung hab ich keine, aber ich habe eine Vision. Bei der nächsten Einzonung müssen wir darauf achten, dass wir gemischte Wohn- und Gewerbezonen schaffen. Die Gemeinde könnte dann Land im Baurecht abgeben – an eine Genossenschaft und ans Gewerbe. Im Parterre würde gearbeitet, oben gewohnt.

Gab es je Momente, in denen Sie als Gemeindepräsident den Bettel am liebsten hingeschmissen hätten? Nein, ich bin kein Schönwetterpolitiker. Als ehemaliger Fussballer bin ich es gewohnt, dort hinzugehen, wo es wehtut. Schwierige Fälle waren für mich immer eine Herausforderung. Die Bürger wenden sich meist erst an den Gemeindepräsidenten, wenn die Situation mit einem Amt verfahren ist. Da brauchts einen Präsidenten, der zuhört und einen Kompromiss ausarbeitet. Ich habe mich in meiner Arbeit als Gemeindepräsident nie als Dorfkönig gesehen. Eher als Captain einer Fussballmannschaft, der hinsteht und vermittelt, wenns hart auf hart kommt.

Können Sie sich noch an Ihren ersten Tag als Herrliberger Gemeinderat erinnern? Klar, als ob es gestern gewesen wäre. Ich war gewählt, aber noch nicht im Amt. Wie ein Schulbub nahm ich an einer Sitzung des Gemeinderats teil – auf einem Stuhl am Rande des Sitzungszimmers. Der damalige Gemeindepräsident Fredy Fisch wollte das so. So schlecht war das gar nicht. Als erstes wichtiges Geschäft begleitete ich das Projekt des neuen Herrliberger Hafens.

Was haben Sie erreicht? Herrliberg ist eine finanziell gesunde Gemeinde, das ist das wichtigste. Ich habe zusammen mit der Feuerwehr den Nachtbus auf die Beine gestellt. Der neue Hafen ist eines der wichtigeren Projekte – und mit Abstand das mühsamste, das ich verwirklicht habe, weil unzählige Ämter und Stellen involviert waren. Wir haben ein modernes Gemeindehaus, einen schönen Werkhof und mit der Siedlung Schützenmur auch beim sozialen Wohnungsbau Massstäbe gesetzt.

Im Kantonsrat sieht Ihre Bilanz bescheidener aus. Es gibt Leute, die Sie als Hinterbänkler bezeichnen. Das stört mich nicht. In der Politik bewegt nicht derjenige am meisten, der die grösste Klappe hat und am meisten Motionen einreicht. Ich habe mich für das Wohl der Goldküstengemeinden engagiert. Mit den Abläufen im Kantonsrat hatte ich Mühe. Wenn mir einer heute sein Auto bringt, dann will er es morgen wieder abholen. Das ist meine Welt und mein Verständnis von Effizienz. In der kantonalen Politik ticken die Uhren langsamer. Das war nicht immer einfach.

Was nehmen Sie mit in den neuen Lebensabschnitt? Ich hatte unzählige spannende Begegnungen. Mit Prominenten wie den Bundesräten Adolf Ogi, Christoph Blocher und Micheline Calmy-Rey. Ich durfte sie als Gemeindepräsident in Herrliberg empfangen. Die Geburtstagsbesuche bei Herrliberger Jubilaren haben mir immer viel gegeben. Am meisten Freude hatte ich aber an den unzähligen Gesprächen, die ich mit den Bürgern, führen durfte. Oft wollte ich am Samstag nur mal eben schnell einen Liter Milch und ein Pfünderli kaufen – und bin stundenlang «verhocket».

Dann stimmt es gar nicht, dass Herrliberg keinen attraktiven Dorfkern hat, in dem man sich auf einen gemütlichen Schwatz treffen kann? Nein, so schlimm finde ich die Situation im Dorf gar nicht. Klar, die Forchstrasse trennt das Dorf in zwei Teile. Sie unterirdisch zu führen, wäre viel zu teuer. Rund 50 Prozent der Bewohner wollen überhaupt nicht am Dorfleben teilnehmen. Das muss man respektieren. Der Rest aber engagiert sich in den Vereinen und interessiert sich für die Herrliberger Politik. An den Gemeindeversammlungen haben wir immer zwischen 150 und 250 Stimmberechtigte. Das zeigt, dass das Dorfleben intakt ist.

Am 9. Juni leiten Sie zum letzten Mal eine Herrliberger Gemeindeversammlung. Kommt da Wehmut auf? Es ist ein komisches Gefühl, ja. Ich hab in den vergangenen zwölf Jahren als Gemeindepräsident rund 30 Gemeindeversammlungen erlebt. Zum letzten Mal auf dem Podium zu sitzen und die Versammlung zu leiten, wird wohl nicht ganz einfach werden. Vielleicht wird mir sogar ein Tränchen über die Wangen kullern. Das wird beim anschliessenden Apéro aber bestimmt schnell trocknen.

Mit Rolf Jenny sprach Patrik Berger

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