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Zwischen Ilau und Hööraan findet sich so manches kuriose WortMatänekliÄfsLimigLandletMaarxBameliÄ fliissig?ÄägerschtetierliLätterAbhundeFeekChriidebüchslerSchlawaggLunggesüüder

Anketriindli für Marienkäfer und Gläich für Gelenk: Ist das Berndeutsch? Nä-näi, Züritüütsch! Dass dieser Dialekt reichlich exotisch ist, zeigt ein neues Wörterbuch des Zürichdeutschen. Freilich liegen etliche Ausdrücke im Sterben.

Dieser Tage gelangt das «Zürichdeutsche Wörterbuch» in den Verkauf. Obwohl ein 700-Seiten-Klotz, erstickt es seinen Leser nicht. Im Gegenteil ist dies eine erfrischende Lektüre, mal amüsant, mal verblüffend, mal befremdend. 15 000 Begriffe sind verzeichnet, von A wie Abääni (Urgrossvater) bis Z wie Zuurzirugel (kleine, dicke Person).

Züritüütsch ist offenbar eigenwilliger als das, was der heutige Durchschnittszürcher redet. Es ist auch reicher als das, was Radio 1 und TeleZüri servieren. Bräzelibueb: einfältige, verweichlichte Mannsperson. Verhaare: bei den Haaren reissen, zausen. Gschmätter: Lauch, Petersilie. Das sind alles Ausdrücke, die man - zumindest im Stadtzürcher Alltag - kaum je hört.

Gleichzeitig fragt man sich grundsätzlich: Was sind das für Wörter? Wo werden sie benutzt? Werden sie überhaupt noch benutzt? Und wer versteht sie?

Sicher etwas anfangen kann mit ihnen der 72-jährige Meilemer Germanist Heinz Gallmann. Er recherchierte in jahrelanger Knochenarbeit die Mundartversion aller Zürcher Gemeindenamen, befragte hiesige Berufsfischer und Schreinermeister zu ihrem Fachvokabular, legte lexikalische Karten an. So entstand das Wörterbuch. Es bildet, so Gallmann, «den Wortschatz des Zürichdeutschen ab in einer gewissen zeitlichen Tiefe». Nicht erfasst sind Modewörter und Slangausdrücke zum einen und anderseits die Wörter, die man auch im Duden findet. Wörter, an denen nichts spezifisch Zürichdeutsches ist.

Noch wird gestammert

«Der Ausgleich zwischen den Dialekten infolge Mobilität und Medien ist sehr viel stärker geworden», sagt Gallmann. Die Mundarten fliessen ineinander, weil heutige Menschen nicht mehr an ihrem angestammten Ort verharren, sondern zügeln und wieder zügeln. Viele Eigenheiten gehen darob verloren - oder serbeln bloss noch in irgendeinem Seitental vor sich hin. Gallmann redet von «Verflachung».

Viele Zürcher werden sich und ihre Sprache denn auch selber nicht wiedererkennen, sondern Berndeutsch wittern, wenn in Gallmanns Buch für Pfingsten Pfeischte angegeben ist und für Gelenk Gläich. Dabei hat diese Umformung des Hochdeutschen System: Man sagt im Zürichdeutschen ja auch Fäischter für Fenster. Zürichdeutsch ist uriger und interessanter, als man denkt.

Oder doch nicht? Aufallend ist gleichzeitig, so Sprachforscher Gallmann, dass andere Dialekte wie der Appenzeller oder der Schaffhauser in sich wesentlich stärker gegliedert sind; im Zürichdeutschen sind die Unterschiede nicht riesig. Der Limmattaler muss über die Sprechweise des Zürcher Unterländers nicht wirklich staunen, und der Mensch im Säuliamt steht nicht verwirrt da, wenn einer aus dem Tösstal zu ihm spricht. Als Grund für diese innere Einheitlichkeit des Zürichdeutschen führen die Fachleute unter anderem an, dass der Kanton bereits seit dem 14. Jahrhundert eine politische Einheit darstellt.

Immerhin lassen sich auch im Kanton Zürich acht Dialektregionen unterscheiden: Stadt. See. Winterthur und Umland. Weinland. Knonauer Amt. Unteres Limmattal. Unterland. Und Oberland. Und selbstverständlich hält auch der Kanton Zürich ein bisschen Exotik bereit. Im Stammertal im Weinland etwa wird «gestammert». Wie lange noch, ist eine andere Frage, «i zwanzg oder driissg Jöörli würd bi üüs e ka Baa me e Zaane voll Saapfe d Laatere durab schlaapfe», schreibt ein dortiger, von Gallmann zitierter Mundartautor pessimistisch. Zu Deutsch: «In zwanzig Jahren wird bei uns kein Knochen (Bein) mehr eine Zaine voll Seife die Leiter hinab schleifen».

Gallmanns Kompendium lebt von den Beispielen. Im folgenden Aperçus:

Die «wohlriechende» oder «Frühlingsschlüsselblume» inspiriert. Für sie gibt es von Region zu Region, ja von Dorf zu Dorf andere Wörter. Eerezäicheli sagen sie im Knonauer Amt. Herezäieli in Dinhard und Oetwil. Fraueziechli in Hütten. Badäneli in Turbenthal. Mattängeli in Niederweningen. Mattetännili in Uhwiesen. Matänekli in Hagenbuch. Häntscheli in Oberhasli.

Zürcher Ortsnamen im Dialekt: Äfs oder Äfzg (etwas altertümlich) für Rafz. Ämbri für Embrach. Bopplisse für Boppelsen. Büüli für Bülach. Chäpfne für Käpfnach. Dürte für Dürnten. Geeretschwiil für Geroldswil. Ilau für Illnau. Maartel oder Martaale für Marthalen. Räätschte oder Rèètsche für Räterschen. Söizi für Seuzach. Tädlike für Dättlikon. Taglischwang für Tagelswangen. Waltschte für Waltenstein. Weich für Weiach.

Für die Limmat gibt es den alten Namen «Limig». Der Höhenzug Höhronen wird Hööraan genannt. Und den Uetliberg darf man getrost auch Hüetlibèèrg rufen.

Alteingesessene Familien original züritüütsch ausgesprochen: Chägi/Chäägi (Kägi). Feisler (Finsler). Landlet (Landolt). Peschteluzz (Pestalozzi). Staal (Stahel). Wuerme (Wuhrmann).

Althergebrachte Vornamen im Dialekt: Agi für Agathe. Bäätsch für Barbara. Batt für Beat. Chäpper für Kaspar. Döde für Dorothea. Feeggel für Felix. Häichel für Heinrich. Lieni für Leonhard. Maarx für Markus. Mandi für Hermann. Mariggel für Maria. Mundi für Edmund. Öggel für Otto. Rääg für Regula. Salemaa für Salomon. Uecheli für Ulrich. Viggi für Viktor. Wädel für Walter. Zäsi für Cäsar. Züüs für Susanne.

Es gibt in Zürcher Gewässern einige Fischarten, die alle möglichen Namen haben. Die Elritze heisst Bameli, Bachbameli, Glattbameli, Butzli, Zierlig. Der Felchen heisst Albeli, Blaalig, Blaufelche, Sandblaalig, Sandfelche. Und der Flussbarsch heisst Chräbeli, Chretzer, Chruutbarsch, Egli, Hüürlig, Kaulbarsch, Reelig, Stichlig.

Grussfragen im ländlich-bäuerlichen Bereich des Kantons: Ä scho uuf? Ä fliissig? Schaff nüd z vil! Scho ggässe?

Der Marienkäfer hat im Zürichdeutschen lyrische Namen: Äägerschtetierli. Ankechääferli. Anketierli. Anketriindli. Brunnechüeli. Chääfertriinli. Flüüguuftierli. Goldchääferli. Glückschääferli. Hèrgottechüeli. Hèèrgottstierli. Kateriindli. Mariamuetergotteschääferli. Mariiechääferli. Mariiechüeli. Sibepunkt.

Landwirtschaftliche Ausdrücke: Eerm: Hausflur im Bauernhaus. Frässer: Jungschwein. Häli: Junges weibliches Schaf. Imi: Getreidemass. Nutzig: Ertrag. Oortwiis: Abgelegene Randwiese. Puurechnebel: junger Bauer.

Entsprechungen mit allen möglichen Nuancen zu «arbeiten»: abhunde, chnuuschte, chnüttle, chrampfe, chrotte, chrüpple, dräckle, fuerwèrche, füsele, gable, gwèèrbe, haschple, hunde, jufle, maloche, moorgse, moroche, räble, raggere, schaffe, schäffele, schanze, schlampe, taaglöönere, tämporèère, taune, tökterle, trawäle.

Gemein, dass es mehr negative Dialektwörter für Frauen gibt als für Männer. Eine Auswahl: Blädere, Boppele, Bumer, Bumm, Chleepe, Chlefe, Chlunk, Chlüür, Chrèèze, Feek, Fudle, Gelte, Gneege, Greet, Guggumere, Gumsle, Gunggele, Haatsch, Haderchatz, Hächle, Kudi, Loobe, Märe, Moor, Mööz, Muttle, Paschteete, Pfueleri, Pflaatsch, Pflungg, Pfundbusle, Pheek, Raaschi, Rendle, Riesche, Röndle, Runggungele, Schättere, Schèèse, Schliirp, Schluurz, Schmättere, Schmuttere, Schudel, Schuntele, Toggebaabeli, Tooschebaabe, Tschautle, Tuntle.

Heimische Äpfel und Apfelsorten: Bräitiker, Chriidebüchsler, Eppeeriöpfel, Früechler, Glaasöpfel, Lääderöpfel, Langstiiler, Schaafsnaase, Strüübeler, Sunewiirbel, Suurgraaniker, Uschteröpfel.

Wörter mit Geschichte: Bäne (Auto) von keltisch «penna», Wagen, Karren. - Barile oder Parili (Aprikose) von italienisch «armellino», armenischer Apfel, vermischt mit «Amarelle», Süsskirsche. - Pfischtere (backen) von lateinisch «pistor» gleich Bäcker. - Schlawagg (Fremder, Vagabund) von «Slowake».

Für die Einwohner von Zollikon gibt es den Spitznamen Lunggesüüder gleich Lungensieder (Leute, die Lunge zu Speisezwecken kochen). Heinz Gallmann: Zürichdeutsches Wörterbuch. Verlag NZZ. 702 Seiten, 68 Franken. Erscheint am 24. September. Gleichentags ist Vernissage im Kaufleuten in Zürich. Beginn 20 Uhr, Einführung durch Regierungsrat Markus Notter.

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