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Wie das Boot des Lehrers auf den Brunnen kam

Was nicht niet- und nagelfest ist, wird entwendet: Ein alter Rafzer Silvesterbrauch und seine kuriosen Blüten.

Von Daniel Schurter Rafz – Mancher Neu-Rafzer wird sich heute verwundert die Augen reiben: Was haben all die Gegenstände zu bedeuten, die mitten im Dorfzentrum herumstehen? Sie haben mit einem alten Brauch zu tun. Seit wann es den Rafzer Silvesterbrauch gibt, ist nicht bekannt. Schon die Grossväter der heutigen Dorfbewohner gingen traditionell in der letzten Nacht des alten Jahres «silvestern». Bei klirrender Kälte trieben die Nachtbuben ihr Unwesen. Sie sammelten alles ein, was nicht niet- und nagelfest war, und türmten es auf dem Metzgerplatz zu einem Haufen auf. Immer wieder wurden auch grössere Geräte entwendet, etwa Wagen vom Gartencenter Hauenstein. Die Ausbeute nimmt ab Aus der jüngeren Vergangenheit ist der Fall eines Lehrers bekannt, dessen Boot vor dem Haus im Winterschlaf lag, während der Besitzer in den Ferien weilte. Doch am Silvestermorgen ankerte es vor dem Dorfladen, zuoberst auf dem Brunnen. Heimlich entwendet wurden auch schon Badewannen, WC-Häuschen und sogar eine rote Telefonkabine. In den vergangenen Jahren fiel die Ausbeute der Nachtbuben aber eher gering aus. Das ehemalige Bauerndorf ist innert 20 Jahren auf 4000 Einwohner gewachsen. «Viele Leute kennen den Brauch nicht mehr», sagt der langjährige Rafzer Gemeindepräsident Jürg Sigrist. Es gebe aber noch mehrere Gruppierungen, die in der Nacht auf den 31. Dezember aktiv seien. «Vor allem ältere Jugendliche und junge Erwachsene.» Das Silvestern entstamme einer alten bäuerlichen Tradition, sagt der Gemeindepräsident. Gerade auf den Bauernhöfen hätten früher sehr viele Dinge herumgestanden. «Ins Visier genommen wurden diejenigen, die es mit der Ordnung rund ums Haus nicht so genau genommen haben.» Sachschäden nehmen zu Neben dem ursprünglichen Disziplinierungsgedanken der Dorfgemeinschaft rückte immer mehr der Spass am Schabernacktreiben in den Vordergrund. Gerne erinnern sich die alteingesessenen Rafzer an das prächtige «Mosaik», das sie an einem Silvestermorgen vor der Bäckerei antrafen. Es bestand aus Dutzenden Schuhmatten. Als gelungene Aktion galt auch die improvisierte «Gartenwirtschaft», gebaut mit unzähligen Stühlen, Tischen und Blumentöpfen aus privaten Gärten. Früher wurde das ungeschriebene Silvestergesetz, dass zwar vieles entwendet, aber nichts zerstört werden darf, von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Zum Ärger vieler Rafzer hielten sich in den vergangenen Jahren aber nicht alle Nachtbuben daran. Es kam – analog zum Schulsilvester – vermehrt zu Sachbeschädigungen. Die Kantonspolizei sei in der Nacht vor Ort und werde, falls erforderlich, einschreiten, sagt Sigrist. Entwendete Gegenstände sollten bis spätestens am 2.?Januar um 10 Uhr auf dem Metzgerplatz in Rafz abgeholt werden. Vielleicht bleiben ein paar «Ladenhüter» länger liegen – und ersparen so den vermeintlichen Silvesteropfern den Gang zur Entsorgungsstelle.

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