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«Wen Gott liebt, den züchtigt er»

Vor Geschworenengericht rechtfertigt ein 44-Jähriger die Misshandlungen seiner Töchter als gottgewollte Erziehung.

Von Thomas Hasler Zürich – «Ich bin der Perverse, das Monster», sagt der 44-jährige Mark W. am ersten Prozesstag vor dem Geschworenengericht. Dass man von ihm dieses Bild habe, sei verständlich – «wenn man nur die Anklageschrift kennt». Die Anklageschrift möchte man lieber nicht kennen. Darin wird das «folterähnliche tyrannische Erziehungs- und Strafsystem» beschrieben, das Mark W., die 62-jährige Barbara N. und die 26-jährige Lea K. in einem abgelegenen Flarzhaus in Wila mit der bezeichnenden Adresse «Im Loch» zwischen 2001 und 2006 praktizierten. Die körperlichen und seelischen Misshandlungen kosteten W.s Tochter Gabriela im Alter von vier Jahren und zehn Monaten das Leben. Und es kostete ihre zwei Jahre ältere Schwester Salome möglicherweise die Zukunft: Die Übergriffe führten zu den klassischen Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ihr Risiko ist erhöht, an Depressionen oder Angststörungen zu erkranken, sich umzubringen, erneut traumatisiert zu werden oder später sogar selber Misshandlungen zu begehen. Den 44-Jährigen erstaunt das nicht: Seine Tochter habe jetzt Störungen, «die sie bei uns nicht hatte». Und es werde noch schlimmer werden, solange Salome ihn nicht sehen dürfe. Die grosse Offenbarung Mark W., der als Sechsjähriger von England in die Schweiz kam, der von sich selber sagt, er sei «zu nichts erzogen» worden, war Mitte der 90er-Jahre mit den Schriften des Österreichers Jakob Lorber in Berührung gekommen. Es war mehr als eine Offenbarung. Der «Schreibknecht Gottes», der 20 000 Seiten Texte hinterliess, ist laut W. «neben Jesus der grösste Prophet, der auf Erden lebte». Er erkläre «klipp und klar, was in der Bibel entweder nur stichwortartig oder nur schwer verständlich beschrieben ist». Auch zur Erziehung von Kindern hatte sich Lorber geäussert. Demnach können sie sich nur durch Strafe entwickeln. Wer nicht strafe, liebe seine Kinder nicht. Zentrales Element ist der Gehorsam. Nur über ihn führt der Weg zur Demut und damit letztlich zu Gott. Wer nicht gehorcht, muss bestraft werden. Die Erziehungsgrundsätze («Ein zorniges Mädchen soll fasten, siebenmal so lang wie ihr Zorn dauert») gelten die ersten sieben Lebensjahre. Nur einen jungen Baum, so die Überzeugung, könne man noch geradebiegen. Für Mark W. waren solche Ansichten «unantastbar». Sie sind es bis heute. «Ich habe sie als wahr erkannt. Stellt man Lorber als falschen Propheten hin, stellt man Gott als Lügner hin», sagt er am Montag. Die zwei Mädchen waren von ihren beiden Müttern Mark W. zur Erziehung überlassen worden. Verhielten sich die Kinder dem Willen des Vaters entsprechend, durften sie spielen. Waren sie frech, trotzig, respektlos oder ungehorsam, musste man «ihren Stolz brechen»: mit Schlägen, mit stundenlangem Stehen, mit Treppensteigen, mit Stillsitzen, mit Kaltabduschen, mit ständigem Aufstehen und Absitzen, mit Auf-dem-Boden-Schlafen, mit Essensentzug. Die Art der Strafe dachte sich der Vater aus. Wie lange die Strafe dauerte, hing von der Einsicht der Kleinen ab, also davon, wie klaglos sie die Strafe über sich ergehen liessen. «Vor Gott bin ich unschuldig» Es habe ihn geschmerzt, seine Kinder zu bestrafen, sagt er. «Aber, wenn Gott das will, muss ich es tun.» Die Kinder hätten immer gewusst, wofür sie bestraft worden seien. «Was ich getan habe, dazu stehe ich.» Er akzeptiere, wenn er als Kindsmissbraucher hingestellt werde, und er füge sich dem weltlichen Gesetz. Aber: «Vor Jesus Christus bin ich unschuldig.» Auch wenn Mark W. sich «schlussendlich als Hauptverantwortlichen» sieht, steht auch die 62-jährige Barbara N. vor Gericht. Die gelernte Sozialpädagogin unterstützte W. in dessen Erziehungsmethoden und wurde durch ihn zur Lorber-Anhängerin. Zu den einzelnen Taten wird sie heute Dienstag vom Gericht befragt. Sie und W. sind wegen schwerer Körperverletzung angeklagt. Der schwerste Tatvorwurf richtet sich aber gegen die 26-jährige Lea K. Sie soll die geschwächte Gabriela wiederholt geschüttelt haben – im Mai 2006 derart heftig, dass das Mädchen aufgrund der dabei erlittenen Schädel-Hirn-Verletzungen sofort bewusstlos wurde und Stunden später im Kinderspital starb. Lea K. wird sich dafür vor dem Bezirksgericht Pfäffikon verantworten müssen (siehe Kasten oben). Der Prozess dauert noch bis zum 17.?Dezember. Es werden nicht nur die Mütter der beiden misshandelten Kinder, ehemalige Freundinnen von Mark W. oder Vertreter der Schulbehörden zu Wort kommen. Von besonderer Bedeutung für die Strafe werden die Ergebnisse der psychiatrischen Begutachtung sein. Mark W. hält sich für gesund. Mark W. (links) erklärt dem Gericht sein Weltbild. Die Mitangeklagte Barbara N. (rechts) hört zu.Zeichnung: Linda Graedel

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