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Verwaltungen schreiben nur in Deutsch Wer die Sprache nicht beherrscht, traut sich meist nicht aufs Amt

Neuzuzüger aus dem Ausland werden in den Gemeinden am rechten Zürichseeufer mit offenen Armen empfangen. Amtliche Dokumente in Fremdsprachen fehlen jedoch. Zuzüger aus dem Ausland haben Mühe damit, dass es amtliche Dokumente im Bezirk nur auf Deutsch gibt.

Von Jessica Cunti Verzweifelt schiebt Irina Müller* ihrem Schüler einen Brief der Gemeinde Zumikon zu. «What do they say?! Something bad?», fragt die Sprachlehrerin. Nach ein paar Minuten und einigen Versuchen, sie zu beruhigen, kehrt Erleichterung ein. Die Gemeinde habe sie nur darauf aufmerksam gemacht, dass sie einige Male vergessen habe, den Stimmrechtsausweis zu unterschreiben. Die Schweizerin slawischer Herkunft lebt seit langer Zeit in Zumikon. Ihr Mann, ein Schweizer, ist vor einiger Zeit verstorben. Als Eingebürgerte erhält sie die Stimmunterlagen wie auch die normalen Gemeindeinformationen in deutscher Sprache – der Amtssprache. Sie schäme sich schon ein wenig, dass sie nicht perfekt Deutsch spreche, doch habe sie bereits etliche Kurse besucht. «Ich kann mich ohne Probleme im Alltag verständigen, aber die offiziellen Dokumente verstehe ich selten», sagt sie. Irina Müllers Situation als Schweizer Bürgerin ist sicherlich ein Spezialfall. Doch gibt es auch andere Fremdsprachige an der Goldküste, die mit der Amtssprache Probleme haben. Hier leben Ausländerfamilien, bei denen einzelne Familienmitglieder nie Deutsch gelernt haben, wie der Herrliberger Gemeindeschreiber Pius Rüdisüli erzählt. Dies, obwohl sie zum Teil seit mehr als zehn Jahren hier leben. Oft seien es die Mütter, die zu Hause bleiben und sich um die Hausarbeit kümmern. Die Stadt kommuniziert anders In der Stadt Zürich ist man ihnen entgegengekommen: der Abfallkalender zum Beispiel ist auch in Englisch, Kroatisch, Türkisch und weiteren Sprachen erhältlich. In den Seegemeinden gibt es solche Informationen ausschliesslich auf Deutsch. Ebenso verhält es sich mit den Internetseiten der Gemeinden. Für Peter Widmer, abtretender Gemeinderat in Hombrechtikon (parteilos), ist es ein Zeichen fehlenden Willens zur Integration, wenn jemand nicht versucht, die deutsche oder schweizerdeutsche Sprache zu lernen. «Dies zeigt, dass die Person sich weder für die Kultur noch für das Gemeindeleben interessiert», sagt er. Anders sieht dies Irina Müller. Ihre Freunde seien hauptsächlich Schweizer, mit denen sie sich auf Englisch, teilweise auf Deutsch verständige. «Für mich hat die Sprache nichts damit zu tun, wie ich mich fühle.» Auch Ausländer, die nur vorübergehend in den Seegemeinden weilen, sind mit dem Sprachproblem konfrontiert. Laut Peter Widmer ist bei diesen das Interesse, am Gemeindeleben teilzunehmen, wegen der kurzen Aufenthaltsdauer nur gering. Ob auch von solchen Leuten verlangt werden kann, die deutsche Sprache zu lernen, ist zumindest fraglich. Dennoch sind offizielle Gemeindedokumente auf Englisch rar – denn diese würden einen grossen Aufwand bedeuten. «Auf der Gemeinde geben wir aber gerne in einer Fremdsprache Auskunft», sagt Thomas Kauflin, Gemeindeschreiber in Zumikon. Man müsse nur anrufen, schreiben oder vorbeikommen. Doch viele Personen melden sich erst gar nicht, wenn sie ein Dokument nicht verstehen. Die Scham spielt dabei eine grosse Rolle. Die Sprachlehrerin beispielsweise geniert sich anzurufen. «Es ist sowieso eine Schande, dass ich immer noch nicht alles auf Deutsch verstehe», sagt Irina Müller. Sie lasse es lieber sein und frage im Notfall Freunde. Lieber zahlen als Deutsch lernen Andere, die es sich leisten können, umgehen die Sprachbarriere. Didier Mayenzet, Gemeindeschreiber in Meilen, erzählt: «Einige Ausländer bei uns haben einen Treuhänder, der sie vertritt und der sich um die Kommunikation mit dem Amt kümmert.» Der Tenor auf den Gemeindeämtern lautet aus solchen Gründen unisono: Das Bedürfnis, Dokumente in Fremdsprachen anzubieten, bestehe nicht. «Auch wenn einzelne Neuzuzüger dies sicherlich begrüssen würden», wie Küsnachts Gemeindeschreiber Peter Wettstein sagt. * Name von der Redaktion geändert.

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