Zum Hauptinhalt springen

«Verdichtung ist angesagt.» «Die kulturelle Bedeutung wächst.»

Mit Bernhard Elsener, Fritz Haselbeck und Ueli Burkhardt sprachen Daniel Stehula und Bettina Ledergerber 1. Wie attraktiv ist das linke Seeufer als Wirtschaftsstandort? Fritz Haselbeck: Es ist ausgesprochen attraktiv. Man hat die Nähe zu Zürich, zu den Hochschulen, zum Flughafen. S-Bahn und A 3 sorgen für eine gute Verkehrsanbindung. Hier hat es viele gut ausgebildete Arbeitnehmer. Gleichzeitig ist die Region ideal für die Erholung. Joggen im Horgenberg oder Wandern im Sihlwald. Erholung und Arbeit geht hier parallel. 2. Um grosse Unternehmen in die Gemeinde zu holen, müssen die Kommunen investieren. Geht die Rechnung unter dem Strich auf? Ja, es ist attraktiv für die Gemeinden. Die Firmen sind Steuerzahler. Die Angestellten verdienen gut und bezahlen ebenfalls Steuern. Sie ziehen wiederum Personen an, die gut gestellt sind. Sie geben ihr Geld in der Region aus, das ist gut für das Gewerbe. 3. Kann es sich eine Gemeinde leisten, nicht um Unternehmen zu buhlen? Eine Gemeinde macht einen Fehler, wenn sie nicht versucht, als Standort attraktiv zu sein. Aus finanziellen, aber auch aus sozialen Gründen. Manche Gemeinden sind stark überaltert. Da ist es wichtig, Impulse zu bekommen und – neues Leben. 4. Wohin geht die wirtschaftliche Entwicklung am linken Seeufer? Sicher in Richtung Bildung, Weiterbildung, Forschung und Entwicklung. Es gibt bereits Niederlassungen der Universität Zürich und der ETH sowie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Das wird ein Cluster sein. Es ist positiv für die Entwicklung in der Region, wenn man das unterstützt. 5. Lässt sich eine wirtschaftliche Tradition in der Region erkennen? Ja, das Gespür für Neues. Im 19. Jahrhundert war die Region ein Schwergewicht in der Textilindustrie. Thalwil und Horgen waren neben Lyon führend in der Seidenweberei. Aber das ist vorbei, heute wäre man nicht mehr konkurrenzfähig gegenüber Indien und China. Es ist eben eine Stärke, dass man nicht versucht, das alte Gewerbe zu retten, sondern zum richtigen Zeitpunkt zu einem aktuell führenden Zweig übergeht. 6. Das linke Seeufer war früher politisch von der FDP dominiert. Bei den letzten Wahlen hat diese Partei verloren und vor allem die SVP zugelegt. Wohin geht der Trend? Bernhard Elsener: Man muss unterscheiden. Auf der einen Seite sind die Wählerstimmen in Kantons- und Nationalratswahlen, und auf der anderen Seite ist das Reservoir an Stimmen, das die Ortsparteien zu Verfügung haben. Die Bedeutung der Ortsparteien hat abgenommen in den letzten Jahren, und sie wird weiter abnehmen. Aufgabe der Ortsparteien ist noch, geeignete und fähige Personen für die Behörden zu rekrutieren. Sie haben Konkurrenz von Parteilosen und Vereinigungen wie zum Beispiel Elternvereinen. Ich nehme an, die SVP wird die wählerstärkste Partei im Bezirk bleiben. Die anderen Parteien müssen sich den Rest teilen. Aber das hat auf die kommunale Politik keine Auswirkung. 7. Interessengemeinschaften haben derzeit viel zu sagen in der kommunalen Politik. Wird ihr Einfluss weiter zunehmen? Wenn die Parteien tendenziell weniger Einfluss auf die Kommunalpolitik haben, dann füllen kurzlebige, interessenbezogene IGs dieses Vakuum. Deshalb werden sie wohl eher mehr Einfluss gewinnen. Die IGs haben überall ein breites Spektrum. Das Parteienspektrum mit liberal oder konservativ, links oder rechts ist hingegen nicht mehr zugeschnitten auf die heutigen Fragestellungen.Wenn es die Parteien aber schaffen, aktuelle Themen aufzugreifen, bevor es die IGs tun, können sie sich profilieren. 8. Ein grosses Kapitel ist der Siedlungsdruck auf die Gemeinden. Wie weit kann man noch wachsen? Raumplanerisch ist Verdichtung der gut erschlossenen Gebiete angesagt. Die Gemeinden in der Region haben praktisch kein Bauland mehr. Nur durch Abbruch, Neu- und Umbauten kann man zusätzlichen Wohnraum schaffen. Das geschieht zu 95 Prozent auf Privatgrund und die Gemeinde hat zu wenig Einfluss, das zu steuern. Weil es sich um Privatgrund handelt, spielt Angebot und Nachfrage, und als Resultat entstehen sehr teure Wohnungen, die sich selbst der Mittelstand nicht mehr leisten kann. Ich habe neulich einen 35-jährigen Rüschliker getroffen, der mit seiner Frau ein Einfamilienhaus in der Gemeinde suchte. Als Doppelverdiener konnten sie sich kein Angebot leisten, und jetzt wohnen sie in Bremgarten. Das ist kein Einzelfall, und es ist kritisch für die Sozialstruktur einer Gemeinde. Wir haben auch günstige Wohnungen, aber die sind nicht auf dem freien Markt. 9. Durch den Siedlungsdruck steigt die Einwohnerzahl. Wie passt eine Gemeinde die Infrastruktur an? Es ist extrem schwierig, den Bedarf im Voraus zu errechnen. Etwa bei Schulhäusern. Ich unterschreibe alle Glückwunschkarten zu Geburten in der Gemeinde. Ihre Zahl hat stark zugenommen. Das ist sehr schön. Wir wissen aber nicht, wo diese Kinder dereinst zur Schule gehen werden. Über 100 Kinder aus Rüschlikon besuchen die Zürich International School. Wir schätzen, dass gesamthaft rund ein Viertel der Kinder in Privatschulen geht. Bei der Infrastruktur werden öffentliche Anlagen immer wichtiger, Grünräume, Pärke und das Seeufer. Damit kann man die Verdichtung auffangen und Raum für Erholung und Freizeit schaffen. 10. Die Gemeinden beeinflussen die wirtschaftliche Entwicklung. Welche Sparten bevorzugt man zur Ansiedlung? Eine Gemeinde ist primär daran interessiert, einen guten Stock von natürlichen Personen zu haben, die Steuern zahlen. Firmen haben grosse Schwankungen im Steuereinkommen. Die Budgetierung wird schwieriger, wenn es unter den Steuerzahlern viele Firmen hat. Für ein Dorf ist lokales Gewerbe wichtig. Das bietet Arbeits- und Ausbildungsplätze. Ob eine Gemeinde Grossunternehmen ansiedeln kann, hängt von den Landreserven ab. Instrumente, um Grossfirmen anzusiedeln, sind die Steuerfusspolitik und das Standortmarketing. Wobei die Region entscheidender ist als die einzelne Gemeinde. 11. Was schafft Identität? Kulturelle Aktivitäten und Vereine machen viel aus, wenn es darum geht, wie lebendig eine Gemeinde oder Region erscheint. Die Menschen treffen sich nicht mehr in den politischen Parteien, nicht mehr in der Beiz, vielleicht zweimal im Jahr an der Gemeindeversammlung. Aber wenn man sich an einem kulturellen Anlass, an einem Dorf- oder Adventsmarkt trifft und ins Gespräch kommt, dann schafft das eine Verbundenheit. 12. Am linken Seeufer gibt es ein grosses kulturelles Angebot mit Theatern, Kulturtagen, vielen Konzerten: Aber gibt es auch ein genügend grosses Publikum dafür? Ueli Burkhardt: Eigentlich schon. Nehmen wir Wädenswil. Im Umkreis von zehn Kilometern wohnen ein paar 10 000 Leute. Da braucht nur ein kleiner Teil davon kulturinteressiert zu sein. Wädenswil ist aber auch ein spannendes Gebiet, weil Einsiedeln wegen der guten Anbindung dazugezählt werden kann. 13. Wird die Kulturlandschaft am linken Seeufer in den kommenden Jahren wachsen oder schrumpfen? Das Kulturangebot wird von den Städten aus wachsen. Die Agglomeration erhält eine grössere Bedeutung. Je stärker sich ein Angebot abhebt, desto mehr Besucher kann es anziehen. 14. Wie besteht man in der Nähe zur Stadt Zürich? Indem man dem lokalen Publikum Stars aus der Stadt bietet. So muss es dafür nicht nach Zürich gehen. Und mit einem attraktiven Angebot lockt man die Leute aus der Stadt in die Agglomeration. Stadt – Land, Land – Stadt: Beide Wege sind gleich weit. 15. Wie positioniert sich eine Kultureinrichtung richtig? Mit einem eigenen Profil, mit Profis, die dafür arbeiten, und mit gutem Handwerk. 16. Die Kulturszene am linken Seeufer ist sehr aktiv – wie erklären Sie sich das? An der Tradition liegt es nicht – und auch nicht an der öffentlichen Hand. Kultur ist meist mit den Leuten verbunden, die sie machen. Es braucht viel Leidenschaft und viel Begeisterung für ein breites Kulturangebot. 17. Ist die Kultur in den Dörfern ein probates Mittel gegen das Phänomen der Schlafgemeinden? Sicher. Kultureller Reichtum gibt den Gemeinden ein Profil und einen Standortvorteil. Es braucht aber auch ein aktives Vereinsleben und vielseitige Einkaufsmöglichkeiten. 18. Was stiftet Identität unter den Bewohnern einer Gemeinde in dieser Region? Wenn ein Wädenswiler einen Horgner trifft, der Horgner zum Wädenswiler sagt: Ich beneide euch ums Theater Ticino (lacht). Es ist der Stolz auf die eigene Gemeinde, der identitätsstiftend ist. Ueli Burkhardt Co-Leiter des Theater Ticino in Wädenswil, zuständig für Programm, Administration und Finanzen. Fritz Haselbeck Gründer und Verwaltungsratspräsident des ZfU – International Business School, Thalwil. Bernhard Elsener Gemeindepräsident von Rüschlikon (CVP), ETH-Professor, Institut für Baustoffe.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch