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Ueli Jäggi bringt Texte von Gerhard Meier auf die Bühne Der junge Geiger Serge Zimmermann lässt aufhorchen Janelle Monáe überzeugte nach Anlaufschwierigkeiten

Kurz & kritisch Theater Luzern, Luzerner Theater – Es sind Texte wie Teiche: Klein sehen sie aus, und doch gehts tief, tief hinunter; sie werfen keine grossen Wogen, aber schnell kräuselt sich Welle um Welle. Sie tragen den Leser von einem Bild zum anderen, Rostspuren von alten Rohren führen zu Rilke, ein Blättertanz im Herbst zu Chopin. Die Romane des grossen Weltbürgers in der Provinz, Gerhard Meier (1917–2008), schaukeln uns sachte immer weiter, während Bindschädler mit Baur spaziert und diskutiert; und später erinnert sich Bindschädler, wie sie sich erinnerten – an die Pappel, die da einst stand, an den Schlächtermeister, der da einst lebte, an die Gräber, die sie da einst besuchten – da, in Amrain, Meiers fiktionalem Niederbipp, seiner Heimat. Kann man so einen Teich mit seinen ausfransenden Rändern und seiner steten feinen Bewegung befestigen? Ihn in den Strukturen eines Theaterabends stauen? Soll man das überhaupt? Der Schauspieler Ueli Jäggi, der bisher nur in Luzern inszeniert, hat diese Fragen mit Ja beantwortet und, zusammen mit Malte Ubenauf, aus den Büchern eine Bühnenfassung extrapoliert. Am Freitag kam «In Amrains Welt» zur Uraufführung: eine anderthalbstündige Tour durch klassisch gewordene Passagen des Meier-Kosmos – und trotzdem hatte man das Gefühl, ganz woanders zu sein. Wie in den Büchern gibts keine Handlung, aber die Atmosphäre des Abends hat eher etwas von Jacques Tati als vom Niederbipper Autor. In einer Fabrikhalle mit schmalen, schmutzigen Fensterscheiben und zerkratzten Wänden aus Metall – Meier trat in den Dreissigerjahren in eine Lampenfabrik ein, wo er drei Jahrzehnte lang arbeitete – stossen sechs Meier-Figuren aufeinander (Bühne: Werner Hutterli). Sie verstricken sich in die Fäden der Liebe und der Erinnerung, sichtbar als ein hypnotisches Wollfadenspiel zwischen den Schauspielern Nicolas Batthyany und Marie Ulbricht; sie taumeln im Echoraum des Verlorenen, darin gefangen wie die alte Lina mit ihrem Koffer (Janet Haufler), derweil draussen Züge vorbeidonnern, von einer fremden Welt, einer neuen Zeit erzählen. In Jäggis Inszenierung fliesst es nicht wie in Meiers Romanen, sondern es zuckt. Das Radio mit dem Schepper-Sound aus den Fünfzigern und die A-cappella-Chöre mit Störfaktor kennt man. Und wenn Jäggi sein Ensemble Tische rollen oder «Im schönsten Wiesengrunde» intonieren lässt, wenn er Lina von einer Ecke zur anderen trippeln, die Magazinerin (Wiebke Kayser) ein Paket rein- und raustragen und Bindschädler (ein wunderbar clownesker Thomas Douglas) einen klapprigen Filmprojektor bedienen lässt, dann brummt ein verborgener Bass «Marthaler, Marthaler». «Die Seele flaniert als Falter herum» (Meier), man findet sich, trennt sich, trägt Koffer und Paket und spielt den Narren zwischen Chaplin und Ionesco. «In Amrains Welt» gibt es schöne Einfälle, berührende Augenblicke – und etliche Längen. Jäggi segelt hart am Wind der Flüchtigkeit, statt sich von Meiers Teichen weich schaukeln zu lassen, und seine arg zerbrechliche Jolle heisst «L‘Absurde»; und manchmal auch «L’Ennui». Alexandra Kedves Klassik Zürich, Tonhalle – Die Biografie des erst 19-jährigen deutschen Geigers Serge Zimmermann mag nach Wunderkindproduktion klingen: Musikerfamilie, erster Unterricht bei der Mutter, Orchesterdebüt mit neun Jahren. Aber sein Auftritt in der Neuen Konzertreihe widerlegte den Verdacht sofort. Es machte Spass, ihm in Mendelssohns Violinkonzert zuzuhören – schon in den ersten Takten, in denen er sich nach einem kommunikativen Fehlstart ohne Hast und dennoch innert Sekundenbruchteilen mit Jonathan Notts Bamberger Symphonikern fand. Und erst recht danach, als fern jeder Routiniertheit ein angeregter Dialog zwischen Solist und Orchester in Gang kam. Serge Zimmermann spielte in Zürich ruhig, überlegt, oft koboldhaft leicht, nie protzig. Zwar gab es einige Momente, in denen noch vor allem seine blitzblanke Technik auffiel. Aber die anderen, urmusikalischen waren weit häufiger – bei Mendelssohn und erst recht in der Ysaÿe-Zugabe, in der er die Erinnerung an Bach ebenso anklingen liess wie die Vorwegnahme der damaligen Zukunft. Das Tonhalle-Publikum jubelte; es hatte auch sonst Grund zur Freude an diesem Samstagabend. Jonathan Nott und die Bamberger präsentierten ein attraktives Programm, das im Rückwärtsgang durch knapp 150 Jahre Musikgeschichte führte. Den Auftakt machte Igor Strawinskys Ballett «Jeu de cartes», in dem die Finten umso verblüffender wirkten, als das Orchester sie wie nebenbei servierte. Leichthändig wurde hier gespielt; den grossen Ton sparte man sich für Joseph Haydns Sinfonie «Die Uhr»: Mit geradezu romantischer Emphase ging Jonathan Nott dieses Werk an, sehr zierlich und dann wieder opernhaft dramatisch liess er sein Orchester agieren – und auch sein Schalk kam dabei zum Zug. Womit wieder einmal die Bemerkung fällig wäre, dass man diesen Dirigenten gerne öfter in Zürich sehen würde. Susanne Kübler Konzert Zürich, Härterei – Janelle Monáe hat viel Zeit und Geld in ihre Liveshow gesteckt: Kunstvolle Videoclips flackern über eine grosse Leinwand; Goldregen und Ballons fallen von der Hallendecke der randvollen Härterei, und die Begleitband hat auf der engen Bühne kaum Platz. Zu Beginn des Konzerts fragt man sich, ob die Musik der 25-jährigen Afroamerikanerin den riesigen Aufwand auch wirklich lohnt. Monáe holt das Publikum zwar gleich mit den hastigen ersten Stücken ihres 60 Minuten kurzen Auftritts ab, aber ein guter Song ist in diesem punkig gespielten Funk-Getöse nicht erkennbar. Dann aber reisst die wie eine schwarze Judy Garland gekleidete Sängerin einen ebenso überraschenden wie wohltuenden Vollstopp. Zu den gurgelnd rückkoppelnden Jazz-Akkorden ihres Gitarristen trägt sie Charlie Chaplins «Smile» so virtuos und berührend vor, als hinge ihr Leben davon ab. Diese Glanzleistung macht klar, was für eine Stimme im kleinen Körper der skurrilen Eklektikerin steckt, und in der zweiten Konzerthälfte erweist sich Monáe immer wieder als wandlungsfähige Interpretin: In «Sincerely Jane» taucht sie in den nostalgisch getränkten Bombast des Big Beat ein, mit «Mushrooms & Roses» erinnert sie an Prince in psychedelischer Hochform, das rockige «Come Alive» bringt die Begleitband gar ins Schwitzen. Derart überstürzt ist das Zusammenspiel der an sich stupenden Musiker, dass der Song auseinanderzubrechen droht. Was nicht im Geringsten stört: Monáes ruppige Energie scheint aus ihr herauszubrechen – und lässt die Videos und übrigen Show-Elemente wie beiläufige Accessoires wirken, ohne die diese Sprengmeisterin auch begeistert hätte. Nick Joyce Amreins Welt, verclownt.Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

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