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Toyota verliert, VW und andere profitieren

Japans Autoindustrie steht still, die Konkurrenz dürfte zulegen. Die Autozulieferer in der Schweiz sind nicht beunruhigt. Lieferengpässe drohen in der Chipindustrie.

Die Erdbebenkatastrophe dürfte Japans Autoindustrie um Jahre zurückwerfen. Hersteller wie Toyota, Honda, Nissan, Mitsubishi mussten die Produktion vorübergehend einstellen – weil Werke beschädigt sind, wichtige Teile nicht geliefert werden oder die Stromversorgung eingeschränkt ist. Hinzu kommt die Gefahr einer Atomkatastrophe, die die Menschen in Angst und Schrecken hält. «Viele Japaner haben jetzt mehr damit zu tun, Reis und Wasser zu bekommen, als sich neue Autos zu kaufen», sagte gestern Helmut Becker, Leiter des Münchner Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation. Die Nachfrage nach Autos in Japan dürfte nach Einschätzung von Experten in diesem Jahr einbrechen. 2010 wurden auf dem nach China und den USA drittgrössten Automarkt der Welt 4,2 Millionen Autos neu auf die Strasse gebracht. Eine Prognose für das laufende Jahr wagt jetzt niemand. Es ist nicht absehbar, wann die Produktionsbänder wieder angefahren werden können. Der Wiederaufbau zerstörter Anlagen und Verkehrswege dauere Monate, wenn nicht Jahre, schätzen Experten. Lieferketten unterbrochen Von dem Erdbeben und dem anschliessenden Tsunami wurde der Nordosten des Landes getroffen. Offen ist, wie schnell die Produktion in andere Landesteile verlagert werden kann. Indirekt sind die Auswirkungen grösser: Die japanische Automobilindustrie hat das System der Just-in-Time-Fertigung in den vergangenen Jahren perfektioniert. Es gibt fast keine Lagerhaltung, alles wird direkt ab Band geliefert. Diese landesweit eng miteinander verwobenen Lieferketten sind nun unterbrochen. Je länger der Stillstand anhält, desto höher sind die Kosten. Die Unterhaltskosten der Werke laufen weiter, auch Löhne müssen gezahlt werden. Das dürfte laut Ökonomen schnell in die Höhe Hunderter Millionen Franken gehen. In Japan wurden im vergangenen Jahr rund 9,6 Millionen Autos und Lastwagen produziert, mehr als die Hälfte davon gingen ins Ausland. Die Exporte dürften vorübergehend sinken. Die Folgen des Produktionsstillstands und die damit verbundenen Umsatzeinbussen dürften die japanischen Autobauer noch für längere Zeit belasten. Der Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer vom CAR-Center der Uni Duisburg-Essen schätzt, dass der japanischen Automobilindustrie künftig weniger Kapital für weltweites Wachstum zur Verfügung steht. Er geht davon aus, dass Toyota & Co. gegenüber ihren Rivalen an Boden verlieren werden. Sein Kollege Becker schätzt, dass vor allem VW und der koreanische Hersteller Hyundai vom Produktionsausfall in Japan profitieren werden. Ems-Chemie mit eigenem Strom Die Entscheidung der japanischen Autohersteller, die Montagebänder anzuhalten, hat für die Schweizer Automobilzulieferer keine unmittelbaren Folgen. Der Chiphersteller Micronas, der sogenannte Hallsensoren produziert, gab sich gelassen: Trotz des geschätzten Produktionsausfalls von rund 40 000 Autos läuft die Produktion weiter. «Wir haben genügend Roh- und Halbwaren, um die Produktion bis auf weiteres aufrechtzuhalten», sagte Firmenchef Matthias Bob. Mitarbeiter der Firma in Japan seien von dem Unglück nicht betroffen. Das Gleiche gilt für die japanischen Angestellten der Ems-Chemie. «Neben dem glücklichen Umstand, dass unsere Standorte ausserhalb des Katastrophengebiets liegen, verfügt unsere Produktion in Japan über eine eigene Stromversorgung, weshalb wir nicht unter einer Stromknappheit leiden», so ein Sprecher des Unternehmens, das etwa Sensoren für Airbag-Zünder fertigt. Der Winterthurer Rieter-Konzern, Marktführer bei Lärm- und Hitzedämmung für Autos, zählt zwar ebenfalls japanische Konzerne zu seinen Kunden; deren japanische Werke werden jedoch nicht direkt beliefert. Auch der Komponentenhersteller Georg Fischer ist hauptsächlich in Europa und China tätig. Problem Chip-Export Der Erdbebenkatastrophe in Japan folgen Kräfteverschiebungen in der weltweiten Chipbranche. Nachdem Werke der Halbleiterhersteller in Japan am Wochenende abgeschaltet wurden, werden sich die Abnehmer japanischer Chips wegen drohender Lieferengpässe vorerst verstärkt in Korea, Taiwan, Europa und den USA umsehen müssen. Im Export drohen die Japaner dadurch ins Hintertreffen zu geraten: Chipfabriken brauchen in der Regel eine ununterbrochene Stromversorgung, die durch die geplanten Abschaltungen im japanischen Elektrizitätsnetz gefährdet ist. Nach einem Stromausfall kann es mehrere Wochen dauern, bis eine Chipfabrik wieder ordnungsgemäss läuft. So profitierten die Titel des weltweit zweitgrössten Herstellers von Chips, der koreanischen Samsung, gestern an der Börse.(Reuters) Die Feuerwehr kam zu spät: Verbrannte Neuwagen in Hitachi.Foto: Keystone

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