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Toter Steuer-Spion führte ein Doppelleben

Der Mann, der Schweizer Bankdaten an Deutschland verkauft haben soll, hat in der U-Haft Suizid verübt. Er ist ein Kleingewerbler aus der Ostschweiz.

Von David Nauer und Stefan Hohler War er der Datendieb, der den Bankenplatz Schweiz erzittern liess? Der 42-jährige Wolfgang U. ist vor zwei Wochen in seiner Kleinfirma für Webdesign und Beschriftungen in Wil SG verhaftet worden. Augenzeugen schildern, es seien Polizeifahrzeuge mit Berner Nummern vorgefahren. Vermutlich zivile Bundeskriminalpolizisten hatten U. daraufhin abgeführt. Der gebürtige Tiroler wohnte im Grossraum Winterthur. Am Mittwoch ist U. im Regionalgefängnis Bern tot in seiner Einzelzelle aufgefunden worden. Die Berner Polizei geht von einem Suizid aus. Der Mann sei Mitte September von der Bundesanwaltschaft im Rahmen eines gerichtspolizeilichen Ermittlungsverfahrens unter anderem wegen Verdachts auf wirtschaftlichen Nachrichtendienst verhaftet worden, schreibt die Polizei. Die österreichische «Kronen Zeitung» berichtete unter Berufung auf Geheimdienstkreise, U. habe Daten von 2000 Kunden einer Schweizer Bank an die deutschen Finanzbehörden verkauft. Der Mann dürfte die Hauptverbindung zwischen den noch unbekannten Datendieben und dem Käufer, dem deutschen Staat, gewesen sein. Dieselbe Anzahl Datensätze enthielt eine sogenannte Steuer-CD, welche im Februar den Behörden in Baden-Württemberg angeboten worden war. Angeblich gehörten damals die UBS, die Credit Suisse und der Lebensversicherer Generali zu den betroffenen Finanzinstituten. Die Regierung in Stuttgart stieg jedoch auf den Deal nicht ein, worauf einige Wochen später das Bundesland Niedersachsen die Steuerdaten kaufte. Mutmasslicher Kaufpreis: 185 000 Euro. Der niedersächsische Finanzminister behauptete damals, der Verkäufer habe zunächst eine halbe Million verlangt, was dann aber heruntergehandelt worden sei. Zudem war plötzlich von 20 000 Datensätzen auf der CD die Rede. Bei dem von verschiedenen Medien erwähnten Kaufpreis von 2,5 Millionen Euro könnte es sich um andere CDs gehandelt haben, die ebenfalls den deutschen Behörden angeboten wurden. Die Familie des begeisterten Gleitschirmfliegers hat offenbar von dessen Doppelleben nichts mitbekommen. Es herrscht Verbitterung über dessen tragischen Tod. Gegenüber der «Kronen Zeitung» beschwerte sich der Vater des Verstorbenen, er sei über die Verhaftung seines Sohnes nicht einmal informiert worden. Dem «Tages-Anzeiger» verweigerte der Mann, der in Tirol lebt, eine Stellungnahme. «Ich sage nichts. Es ist alles zu Ende», sagte er. Auch seitens der Familie seiner Ex-Frau wollte man den Tod nicht kommentieren. Seine Ex-Frau arbeitet in Zürich in einer Personalberatungsfirma. Die Beerdigung soll am kommenden Dienstag in Winterthur stattfinden. «Richtiger Lebenskünstler» Im Geschäftsleben scheint U. ein richtiger Tausendsassa gewesen zu sein. «Man wusste nie, was er eigentlich macht», sagt ein Nachbar. Die Wiler Firma von U. bietet Computer-Dienstleistungen sowie grafische Arbeiten an. Daneben verkauft sie aber auch Süssigkeiten, Sportbekleidung und Feuerzeuge – meist gedacht als Kundengeschenke. U. selber wird von Geschäftspartnern als IT-Freak geschildert. «Mit Computern, da kannte er sich aus», sagt einer, der viel mit ihm zu tun hatte. Im persönlichen Umgang sei er ein angenehmer Typ gewesen, ein «richtiger Lebenskünstler». Auf seiner persönlichen Website präsentiert U. abenteuerliche Metallfiguren, die er selber entworfen hat. Zudem hat er mehrere Fotos online gestellt, die ihn in einem Zoo beim Spielen mit Tigern in Thailand zeigen. Umso mehr war sein Umfeld erschrocken, als er plötzlich verhaftet wurde. Aus «allen Wolken» sei man gefallen, heisst es in Wil. «Nie hätten wir ihm so etwas zugetraut.» «Man wusste nie, was er macht»: Wolfgang U. in Thailand. Foto: Privataufnahme

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