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Systematisch verschwägert

ItalienFamilien-politik – im wörtlichen und sehr konkreten Sinn. Von Oliver Meiler Und wieder drückt ein Schwager auf das moralische Gemüt Italiens (ein Gemüt, das im Übrigen wieder einmal einer genaueren und grundsätzlichen Betrachtung bedürfte). Der junge Mann heisst Giancarlo Tulliani. Er ist der Bruder von Elisabetta Tulliani, der zweiten Frau von Gianfranco Fini, Postfaschist und Präsident des italienischen Abgeordnetenhauses. Wenn das grosse Publikum plötzlich etliche Einzelheiten aus der Biografie des Giancarlo erfährt, dann hat das damit zu tun, dass dessen illustrer Schwager Gianfranco mit dem Patriarchen gebrochen hat: mit Silvio Berlusconi. Seither zerren die Medien des Ministerpräsidenten all jene Geschichten ans Licht, von denen sie glauben, sie könnten ihrem Chef eine sehr hypothetische moralische Hoheit über den «Verräter» verleihen. Eine der Geschichten geht so: Giancarlo Tulliani bewohnt am Boulevard Princesse Charlotte, 14, in Monte Carlo, erster Stock, eine kleine Wohnung, nur etwa 60 Quadratmeter gross, die einst eine Contessa der Partei Finis vermacht hatte. Weiter wurde bekannt, dass die zugeheirateten Tullianis ohne leicht ersichtliches Talent einige hoch dotierte Verträge mit dem Staatsfernsehen unterschrieben haben, was ebenfalls dem Netzwerk des berühmten Schwagers zu verdanken war. Fini muss sich erklären, sich rechtfertigen, sich herausreden. In der sommerlichen Scheinheiligkeit legt man ihm sogar nahe, sein Amt niederzulegen. Der Ruf nach einem Kodex Dabei tun sie es alle, rechte Politiker etwas öfter als linke. Sie gebärden sich dynastisch, stärken den eigenen Clan, befördern Schwägerinnen, Cousins, Töchter, Neffen, Schwiegermütter – mit Jobs, Beratermandaten, Sitzen im Parlament. In Italien ist Familienpolitik wörtlich zu verstehen: Familien machen Politik. Es war immer schon so, in der ersten wie in der zweiten Republik. Und davor schon. Der «Corriere della Sera» fordert nun einen «Kodex gegen den Neo-Familismus». Politiker, so die Mailänder Zeitung, müssten versprechen, sich nicht mehr um die Angelegenheiten ihrer Verwandten zu kümmern – inklusive jener fünften Grades. Ein frommer, ja ein frömmlerischer Wunsch.

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