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Sie leben in verschiedenen Realitäten

Um den Bedürfnissen von Demenzkranken gerecht zu werden, müssen ständig neue Wege gefunden werden. Dies betrifft den bautechnischen Bereich ebenso wie den persönlichen Umgang.

Demenz – die Krankheit des Vergessens Von Sarah Sidler Embrach/Kloten – In der weglaufgeschützten Demenzabteilung im Pflegezentrum Embrach leben in zwei Gruppen 34 Menschen, die im fortgeschrittenen Stadium an Demenz erkrankt sind. Sie befinden sich in einer hoch spezialisierten Abteilung auf dem Areal Hard. Auch die Stadt Kloten verfügt über eine solche Abteilung: Sie ist ein Bestandteil des Pflegezentrums Kloten und so gut wie möglich auf die Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner ausgerichtet: Bilder dienen zur Orientierung, überall stehen Betten und Sofas. Es fällt auf, dass in allen Abteilungen mehr Frauen als Männer untergebracht sind: «Frauen pflegen ihre Männer in der Regel länger zu Hause», weiss Peter Stutz, Leiter Pflege der Pflegezentren Embrach und Kloten. Heidi Seeholzer ist eine Bewohnerin. Die 82-Jährige grüsst freundlich und mit wachen Augen. Sie glaubt, hier ihre Grosseltern zu besuchen und ihnen im Haushalt zu helfen. Danach gehe sie wieder nach Hause zu ihren Eltern, ist sie fest überzeugt. Stutz weist die Bewohnerin nicht zurecht: «Bei fortgeschrittener Demenz bringt es nichts, auf die Realität hinzuweisen.» Im Demenzbereich verschwimmen die Wahrheiten. An Demenz erkrankte Menschen leben in ihrer eigenen Welt ohne Orientierung an unserer Realität. Auf Menschen eingehen Dann ist Essenszeit. Die Pflegemitarbeitenden wissen, wer wo sitzen will – ob allein oder zu zweit – und wem sie als Erstes die Mahlzeit eingeben müssen. «Das ist wichtig, sonst können einzelne Bewohner auch einmal laut werden», sagt Stutz. Die Pflege hat die Situation im Griff: Während des Mittagessens ist es ruhig. Nur ab und zu hört man eine Pflegeperson mit einem Bewohner sprechen, der monotone Geräusche von sich gibt. Die meisten essen selbstständig, scheinen die Mahlzeit zu geniessen. Wer nicht gut isst, wird freundlich dazu aufgefordert. Ein italienisches Ehepaar trinkt ein Glas Wein zum Essen. Nachher schläft eine Dame am Tisch ein. Eine andere starrt vor sich hin und bewegt die Hände ständig über die Tischplatte – ein typisches Merkmal von Demenz. Andere Abteilungsbewohner sitzen reglos da. Zwei von ihnen stehen auf. Einer wird im umzäunten Garten seine Runden drehen und seinen Stumpen rauchen. Der andere schlurft minutenlang durch die Abteilung – immer wieder dieselbe Runde. Es gibt nur diesen einen Gang: Die Zimmer in Embrach sind im Kreis angeordnet: «Es trägt viel zum Wohlbefinden der Bewohner bei, wenn ihre Wege nicht in Sackgassen enden», sagt Pflegefachmann Heiko Schulz. Weil einige an Demenz erkrankte Menschen ohnehin orientierungslos und unruhig seien, würden Sackgassen ihre Angst nur zusätzlich schüren. «Wir gehen hier auf die Menschen ein und nicht auf ihre Krankheit», sagt er. Weil es für die Frau auf dem Sofa wichtig erscheint, mit ihren Plüschtieren zu sprechen, ist das für sie eine sinnvolle Tätigkeit, und die Pfleger lassen sie machen. Obwohl Aktivierungstherapien, Spiele und Gesprächsrunden angeboten werden, müssen die Bewohner nicht daran teilnehmen. Denn es sei wichtig, diese Menschen nicht zu überfordern: «Wenn unsere Bewohner mit Aufgaben konfrontiert werden, die sie nicht mehr bewältigen können, ziehen sie sich zurück und sind frustriert», sagt Heiko Schulz. Kontakt mit Angehörigen Die Dame, die jetzt plötzlich singt, lässt sich nicht gerne waschen. Die Pflegepersonen haben aber herausgefunden, dass sie dies total vergisst, wenn sie während der Körperpflege mit ihr singen. Ein weiteres Beispiel nennt Peter Stutz: «Es gibt Bewohner, die wollen nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Wenn jedoch der Therapiehund sie besuchen kommt, ziehen sie sich an, um mit ihm spazieren zu gehen.» Häufig reagieren an Demenz erkrankte Menschen mit Abwehr, weil sie nicht verstehen, was ihr Gegenüber von ihnen will. Das Pflegepersonal muss in einer solchen Situation Zugang zu den Bewohnern finden. Sie müssen lernen, aus dem Verhalten der Bewohner zu lesen, ihre Gewohnheiten und Freuden kennen. Dazu kommt, dass viele Demenzkranke die Fähigkeit verloren haben, sich verbal auszudrücken. Ein enger Kontakt mit Angehörigen ist deshalb unabdingbar. Heidi Seeholzer im Aufenthaltsraum des Pflegezentrums Kloten.Foto: David Baer Demenz Demenz bezeichnet einen Prozess der zunehmend nachlassenden geistigen Leistungsfähigkeit, der über den normalen Alterungsprozess hinausgeht. Eine solche Veränderung kann auf verschiedenste Ursachen zurückgeführt werden. Die häufigsten Demenzen sind durch die Alzheimerdemenz und Durchblutungsstörungen des Gehirns bedingt.

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