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Safari vor der Haustür Urwald vor der Haustür

Es muss nicht immer Kenia sein: In den Thurauen bietet die Natur auf kleinstem Raum grossartige Eindrücke. UnterzeileIn den Thurauen bietet die Natur auf kleinstem Raum grossartige Eindrücke. Eine Entdeckungsreise durch das grösste Auengebiet im Schweizer Mittelland.

Von René Donzé Flaach – Vom toten Schwan sehen wir nur die Federn. Verstreut liegen sie im hohen Gras. Zeugen eines Kampfes, der letzte Nacht hier stattgefunden haben muss. «Es ist wohl ein Fuchs gewesen», sagt Petra Zajec, Zoologin und Verantwortliche für Umweltbildung bei der Stiftung Paneco. «Das gehört halt auch zur Natur, es sind schliesslich nicht alle Tiere Vegetarier.» Wir sind auf Safari in den Thurauen – dem grössten zusammenhängenden Auengebiet im Mittelland, das in den letzten Jahren mit grossem Aufwand renaturiert wurde (Text unten). Es ist eine Wanderung, die auf wenigen Kilometern durch unterschiedlichste Welten führt. Im Auenwald ragen mächtige Bäume aus dichtem Unterholz. Dunkelgrüne Schlingpflanzen winden sich um mächtige Eichen, Bergahornbäume und vereinzelt Föhren. Der Efeu erkennt der Laie von selbst. Und die «Nielen» sind ihm aus der Jugend als Zigarettenersatz bekannt. Nun erfährt er, dass sie Waldreben heissen. Eine andere Sorte windet ihre klettigen Ranken um alles, was sie zu fassen kriegt: der wilde Hopfen. An lichteren Stellen blühen Orchideen. Auf einer ehemaligen Waldstrasse schiesst der Beinwell ins Kraut, der bis heute als Arzneimittel gegen Beinleiden verwendet wird. Schwertlilien stossen ihre spitzen Blätter aus dem grünen Teppich hervor. Sensation für Vogelliebhaber Bei einer besonders schönen Eiche bleiben wir stehen. Sie rankt ihre dicken Äste in einen bedeckten Himmel, der an diesem Morgen von einem Vogelstimmengewirr erfüllt ist. Ein Zilpzalp schmettert seine zwei Töne in die Luft. Die Goldammer ruft: «Wie wie wie hab ich dich lieb!» – so jedenfalls interpretiert Zajec seine Melodie. Die Ringeltaube gurrt und tönt beinahe wie ein Kuckuck. Ein Turmfalke schwingt sich durch die Lüfte. Nur wenige Schritte weiter schwatzt ein Teichrohrsänger, ein typischer Sumpfbewohner. Eine Riedwiese mit Schilfsaum grenzt an den Rhein. Zwei Vogelbeobachter haben an einer Bucht ein Fernrohr und eine Kamera aufgebaut. Hier machen Watvögel halt auf ihrem Zug nach Norden und stochern im Schlick nach Wasserinsekten und Würmern. Mit etwas Glück lassen sich Waldwasserläufer, Rotschenkel und Grünschenkel beobachten. Und irgendwo draussen auf der Kiesbank brütet ein Flussregenpfeifer-Paar. Für Ornithologen eine Sensation. Die Eier liegen perfekt getarnt in einer Kiesmulde, die Vögel sind in ihrem grau-weissen Kleid kaum zu erkennen. Sie brauchen absolute Ruhe, deshalb ist die Kiesbank mit Bändern abgesperrt. Letztes Jahr brütete der seltene Vogel erstmals wieder in den Thurauen, doch wurde sein Gelege bei einem Hochwasser weggeschwemmt.Weiter flussaufwärts ist eine Kiesbank für die Besucher zugänglich. Vor drei Jahren haben hier riesige Baumaschinen die schweren Betonplatten entfernt, welche die Thur in einen Kanal gezwängt hatten. Auf einer Seite schütteten sie Kies hin, auf der anderen frassen sie das Ufer an. Zwei Hochwasser haben weitergearbeitet und die Flussbiegung verstärkt. «Hier entsteht die Kinderstube des Auenwaldes», sagt Zajec, bückt sich und zeigt auf wenige Zentimeter hohe Bäumchen, die zwischen Kies und Sand hervorspriessen. In ein paar Jahren werden sie ein Wäldchen bilden, das periodisch überflutet wird. Die Thur wird Seitenarme bilden, Tümpel füllen und sich immer wieder verändern. Verschwinden wird auch der Spitz, wo Thur und Rhein zusammenfliessen, und mit ihm wohl auch die hundertjährige Schwarzpappel, ein imposantes und seltenes Exemplar. Biber breiten sich aus Andere Bäume hat es schon lange erwischt. Sie liegen abgestorben in Sumpfmulden, aus denen die Frösche quaken. Ein oranger Pilz, ein Schwefelporling, leuchtet auf dem modrigen Holz. «Ein Prachtexemplar!», freut sich Zajec. Und zeigt auf Frassspuren am Baumstumpf. Nicht das Hochwasser, sondern der Biber hat die meisten Bäume gefällt, die heute im Auenwald herumliegen. Die Nager lieben das weiche Holz der Weiden und Pappeln. Im Winter nagen sie die Bäume um, damit sie an ihre zarten Äste kommen. Die Rinde ist ihnen Nahrung, die Hölzer dienen als Baumaterial. Vier Biberburgen hat Zajec bisher entdeckt. Am Rheinufer hat sich der Biber direkt unter einen Picknickplatz mit Feuerstelle gegraben, der Eingang ist bei niedrigem Wasserstand deutlich sichtbar. Und am Thurufer haben die Tiere tiefe Rinnen, sogenannte Biberrutschen, in den sandigen Boden geschürft, über die sie die Hölzer ins Wasser schleifen. In den Abendstunden könne man mit etwas Glück einen Biber im Wasser sehen, erzählt Zajec. Die Vögel hingegen liessen sich am besten am frühen Morgen beobachten. Kürzlich habe sie ein Konzert zweier Pirole belauscht.Oft zu sehen sind Mücken, die in der feuchten Waldluft schwirren. Sie dürfen erlegt werden, wenn sie sich am warmen Besucherblut genüsslich tun. Sonst gilt: Beobachten erlaubt, berühren verboten. Die Natur wird im Schutzgebiet weitgehend sich selber überlassen. Einzig die Jäger dürfen weiterhin schiessen, damit der Wildschweinbestand nicht übermässig wächst. Und manchmal muss auch ein Fuchs dran glauben. Die Eiche rankt ihre dicken Äste in den Himmel, der von Vogelstimmen erfüllt ist. Urwaldstimmung im Norden des Kantons Zürich: Efeu, «Nielen» und wilder Hopfen wuchern im Auenwald. Foto: Doris Fanconi Die befreite Thur frisst sich in die Böschung und schafft Lebensräume für seltene Vogelarten. Foto: Doris Fanconi

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