Zum Hauptinhalt springen

Natur im Überfluss und kaum Geld

Die Gemeinde Thalwil möchte mit dem Val Müstair ab 2011 eine Patenschaft eingehen. Der TA hat sich in der östlichsten Schweizer Gemeinde umgesehen.

Von Marco Morosoli Thalwil/Val Müstair – «Es ist toll, dass uns Thalwil ausgewählt hat», sagt Arno Lamprecht, Gemeindepräsident von Val Müstair. Es handle sich aber nicht nur um eine finanzielle Patenschaft, sondern der parteilose Lamprecht sieht auch Möglichkeiten, um auf schulischer oder kultureller Ebene mit Thalwil zusammenzuarbeiten. Die Unterstützung anderer Schweizer Gemeinden hat in Thalwil Tradition. Sie wird seit 1975 praktiziert. Den Kontakt mit Val Müstair hat Thalwil über die Patenschaft für Berggemeinden hergestellt. Vertreter der Gemeinde haben sich dann im August vor Ort umgesehen und sich später für die am Ostrand der Schweiz liegende Gemeinde entschieden. Dass die Gemeinde hinter dem Ofenpass Unterstützung gebrauchen kann, steht ausser Zweifel. Die Fusion der ehemals sechs Gemeinden Müstair, Santa Maria, Valchava, Fuldera, Tschierv und Lü am 1. Januar 2009 zur Gemeinde Val Müstair (siehe Kasten) hat sich für die Steuerzahler nur auf den ersten Blick gelohnt. «Wir konnten die Steuern nach dem Zusammengehen zwar um 10 Prozent reduzieren. Mehr geht aber nicht mehr», sagt Lamprecht. Doch trotz Senkung auf 120 Prozent des kantonalen Einheitssatzes bleibe die Gemeinde weiterhin finanzschwach. «Ohne die Unterstützung des Kantons durch den Finanzausgleich ginge es gar nicht», sagt Lamprecht. Arbeitsplätze im Tal sind weiterhin rar, obwohl in letzter Zeit einige Unternehmen angesiedelt werden konnten. Das grösste Problem sei dabei, so sagt Lamprecht, dass viele Leute zur Weiterbildung das Val Müstair verlassen müssten. Und der in Lü geborene Lamprecht weiss, was das heisst: «Leute, die fortziehen, bleiben meist für immer weg.» Deshalb kämpft Lamprecht weiter für den Erhalt der kleinsten Gewerbeschule der Schweiz, wo Schreiner, Maurer, Elektromonteure und Textilgestalterinnen ausgebildet werden. Würde sie geschlossen, bliebe den Auszubildenden nur noch der Weg ins Engadin oder nach Chur. Es ist der erste Schritt zur Entwurzelung. Abwanderung ist ein Problem Und sie ist meist vorgezeichnet, wie Beatrice Caflisch erzählt. Sie arbeitet in Fuldera in einem Lebensmittelgeschäft und zieht zusammen mit ihrem Mann zwei Kinder gross. Sie sind neun und elf Jahre alt. «Für ihre Lehre müssen sie dann wohl aus dem Haus», blickt Caflisch in die Zukunft. Doch sie klingt trotzdem zufrieden: «Es ist ruhig hier. Wir leben bescheiden, denn im Tal hat man ja auch kaum Gelegenheiten, Geld auszugeben», sagt Caflisch. Aber die Mieten seien viel tiefer als im Unterland. Doch andererseits müsse mehr Geld für Benzin und Lebensmittel aufgewendet werden. Um sein Auskommen kämpfen muss auch Rinaldo Lechthaler, Geschäftsführer der Firma AutoDaPosta in Müstair. Er fährt im Auftrag der Post von Fuldera nach Lü und zurück und betreibt den Schulbus. Im Sommer kommen Fahrten auf den Umbrailpass hinzu, im Winter ist Lechthalers Firma im Skigebiet Minschuns ganz zuoberst im Tal unterwegs. Er hofft denn auch, dass der Bund die Subventionen für diese Linie nicht streicht. Auf der im August veröffentlichten Liste von Postautolinien, die aufgehoben werden sollen, fehlen zwar Linien aus dem Münstertal. Das alleine beruhigt Lechthaler aber nicht: «Ich hoffe, dass nicht wie immer in den Randregionen gespart wird.» Dies vor allem deshalb, weil das Val Müstair vom Tourismus zunehmend entdeckt werde. Tourismus zieht immer mehr Im vergangenen Jahr zählte der örtliche Tourismusverein rund 130?000 Übernachtungen. Das Angebot ist breit gefächert. In Müstair steht eines der ältesten Klöster der Schweiz. Die Benediktinerinnen leben in einer Anlage, deren Ursprünge in die Zeit von Karl dem Grossen (747–814) zurück reichen und zum Unesco-Weltkulturerbe gehört wie die Pyramiden von Gizeh (Ägypten). Dazu gibt es zahlreiche kleinere Einrichtungen wie zum Beispiel ein Museum in Santa Maria, das die Ereignisse am Umbrailpass während des 1. Weltkriegs darstellt. Dort standen sich Österreicher und Italiener feindlich gegenüber. Mittendrin versuchten Schweizer Soldaten zu verhindern, dass fremde Truppen die Grenze überschritten. Der grösste Trumpf des Val Müstair ist aber sicher die Natur. Wer ins Tal fährt, durchquert den Schweizerischen Nationalpark. Zusammen mit diesem hat sich das Val Müstair um das Label Biosphärenreservat der Unesco bemüht. Seit dem 2. Oktober 2010 sind die Müstairer im Besitz der wichtigen Urkunde. Diese Auszeichnung soll weitere Touristen ins Tal bringen. «Die meisten Gäste kommen nicht in erster Linie wegen des Klosters, sondern wegen der unberührten Natur», sagt Lucia Ruinatscha vom Tourismusbüro in Müstair. Besser denn je erschlossen Profitiert hat der Tourismus im Val Müstair sicher davon, dass das Tal seit der Wiedereröffnung der Vinschgerbahn zwischen Malles/Mals (Italien) und Meran im Mai 2005 besser denn je vom öffentlichen Verkehr erschlossen ist. Das Postauto von Zernez nach Malles verkehrt heute im Sommer stündlich. Während der Wintermonate immer noch im Zweistundenintervall. Zum Vergleich: 1986 gab es im Sommer nur gerade sechs Kurse pro Tag, im Winter deren vier. Und das Val Müstair ist zudem näher ans linke Seeufer herangerückt. Dauerte bis zur Eröffnung des Vereinatunnels (Klosters–Sagliains) Ende 1999 eine Fahrt von Thalwil nach Müstair mit dem öffentlichen Verkehr fast sechs Stunden, ist sie heute ein Drittel weniger lang. Auch für den Individualverkehr ist es leichter geworden, ins Val Müstair zu gelangen. Durch den Vereinatunnel gibt es einen Autoverlad. Dieses Angebot bringt vor allem eine Zeitersparnis, wenn der Flüelapass geschlossen ist. Alles Argumente dafür, dass sich eine Fahrt ins Val Müstair selbst für einen Tagestrip lohnt. Die Kurzaufenthalter werden ihren Besuch im östlichsten Tal der Schweiz nicht bereuen. Blick auf das Benediktinerinnen-Kloster St. Johann im Hauptort der Talschaft Müstair. Foto: Jürgen Pfister/Turissem Val Müstair

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch