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Michael Schmidt-SalomonFrage zum Jahreswechsel: «Werden die Religionen radikaler?»,TA vom 28. 12.

Michael Schmidt-SalomonFrage zum Jahreswechsel: «Werden die Religionen radikaler?»,TA vom 28. 12. Ein Don Quijote des Atheismus. Schmidt-Salomon erweist sich einmal mehr als Meister salopper Formeln. Nur nimmt er für sich Definitionen in Anspruch, die von den Gewährsleuten, auf die er sich beruft, gar nicht gedeckt sind. «Unser Ich», sagt er unter Berufung auf die Hirnforschung, «ist in Wahrheit nur ein virtuelles Theaterstück», als ob dies eine wissenschaftliche Aussage wäre und nicht seine persönliche pseudophilosophische Interpretation. Aus diesem Dilemma können ihm auch die in den Zeugenstand gerufenen Mystiker nicht helfen. Besonders krass scheint mir die Definitionsmacht, die er für die Religion und das Christliche beansprucht. So behauptet er, eine Grundvoraussetzung, sich redlicherweise «Christ» zu nennen, sei der Glaube an einen personalen Gott. Die Bezeichnung «Katholik» verdiene nur, wer buchstäblich an den Lehraussagen des katholischen Katechismus festhält. Für Schmidt-Salomon sind die Dogmen- und Bibelfundamentalisten die wahren Christen. Diese Art Exkommunikation der Papier- und Scheinchristen oder auch der Scheinmuslime oder Scheinjuden mag vielleicht dem gegenwärtigen Papst gefallen. So macht es sich Schmidt-Salomon zu leicht, das Feindbild seines selbst definierten Theismus zu bekämpfen. Freilich, wie ein Don Quijote verfehlt er damit die viel differenziertere religiöse Wirklichkeit bei weitem. Fritz P. Schaller, Küsnacht Der Mensch und sein Grössenwahn. Michael Schmidt-Salomon bringt es auf den Punkt: Die Grundlagen einer fortschrittlichen Gesellschaft sind die objektiven Erkenntnisse der Naturwissenschaft. Wesentliche Aspekte sind unter anderem die Evolutionstheorie von Darwin und die Urknalltheorie als Universum-Start. Jede Religion, die versucht, durch psychischen Terror, Manipulation der Wissenschaft und physische Gewalt ihren vermeintlich göttlichen Anspruch durchzusetzen, kann in einer modernen Demokratie nicht akzeptiert werden. Da kann es nur eine klare Haltung geben: keine Toleranz für Intoleranz. Um das Credo der Humanität frühzeitig zu lehren, sollte der schulische Religionsunterricht durch Philosophieunterricht ersetzt werden damit wir mehr Demut vor dem grossen Rätsel unseres Daseins lernen und nicht dem kolossalen Grössenwahn verfallen, der Mensch sei die Krone der Schöpfung und Herrscher über das Universum. Waldemar Santi, Uitikon Etwas mehr Demut wäre passend. Die Aussagen von Michael Schmidt-Salomon haben drei wesentliche Fehler. Erstens beziehen sich seine Aussagen über die christliche Religion beinahe ausschliesslich auf den Katholizismus. Dies ist für einen Deutschen besonders peinlich, da die reformierten Kirchen dort etwa die Hälfte aller Christen versammeln. Die wesentlichen Entwicklungen in 500 Jahren Reformation, die zu einem sehr differenzierten Verständnis von Dogmen und Gewissensfreiheit geführt haben, werden von Schmidt-Salomon nicht einmal ansatzweise gewürdigt. Zweitens ist seine Sicht auf den vermeintlich erhabenen Stellenwert der Wissenschaft bestenfalls naiv. Spätestens in Auswertung der quantenphysikalischen Erkenntnisse ist klar, dass die Wirklichkeit im Allgemeinen nicht «wissbar» ist; Wissenschaft also genauso wie die Religion nur eine Beschreibungsform der Wirklichkeit ist. Drittens sieht ein Experte wie der Physiker Hans-Peter Dürr, Heisenberg-Schüler und langjähriger Leiter des Münchner Max-Planck-Instituts, die Problematik, dass «die Wissenschaft heute die Inquisition ist» (so wörtlich in einem öffentlichen Vortrag im Jahr 2002). Etwas mehr Demut stünde Herrn Schmidt-Salomon also gut an. Matthias Czerny, Nürensdorf Platter Biologismus. In Kenntnis der Schriften des «schärfsten Religionskritikers» reibt man sich die Augen ob der Belobigung, die der Mann im Tagi erfährt. Es gibt in der Tat fundiertere und gewissenhaftere Religionskritiker als diesen Neonietzscheaner. Der von Schmidt-Salomon missionarisch propagierte «evolutionäre Humanismus» ist platter Biologismus, eine naturalistisch verbrämte Quasi-Religion. Der Mann erledigt auf wenigen Seiten seines «Manifests» Horkheimer/Adorno samt Kant als «halbe» Aufklärer und tritt vollmundig als Vollender der Aufklärung auf. Er zitiert unsorgfältig, oft aus dem Sinnzusammenhang gerissen und willkürlich. Aber er ist zweifellos geschäftstüchtig und weiss sich gut zu verkaufen. Martin Uebelhart, Oberwil-Lieli

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