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Meli und die Herde der 35 Muni

Der Winterthurer war ein Vorgänger Abderhaldens und prägte den Sport vor und nach dem ersten Schwingfest in Frauenfeld 1966.

Vor dem Schwingfest in 16 Tagen

Von Werner Schweizer

In Frauenfeld hat der König aus Nesslau seinen letzten grossen Auftritt. Jörg Abderhalden will die Krone verteidigen und dann abtreten. Die Berner Schwinger um Christian Stucki sind seine Herausforderer. Sie warten schon eine halbe Ewigkeit auf die Rückkehr auf den Thron. Vor dem ersten Eidgenössischen in der Thurgauer Kantonshauptstadt vor 44 Jahren war die Ausgangslage genau gleich gewesen. Karl Meli vom Nordostschweizer Teilverband hatte die Titel in Zug (1961) und Aarau (1964) gewonnen, galt für Frauenfeld als haushoher Favorit. Dort stürzte ihn im Schlussgang ein junger Berner Senn, Rudolf Hunsperger. Der damals 20-jährige Rekrut zwang den Winterthurer Meli nach zwei Minuten auf den Rücken. Dieser Gang ging in die Geschichte ein.

Hunsperger war danach in seiner relativ kurzen Karriere über die Kantonsgrenzen hinaus einer der populärsten Athleten. Er wurde als erster Schwinger dreimal alleiniger König. Erst Abderhalden hat vor drei Jahren in Aarau diesen Rekord egalisiert. Manchmal stiess er die Puristen im Verband vor den Kopf. Als er 1977 in der Nacht des Schweizer Sports im Ring zu einer Exhibition gegen einen Bären antrat, wurde er gesperrt, obwohl er längst zurückgetreten war.

Kaum in die Uniform gepasst

Die Zahlen sprechen dafür, dass Meli der beste und erfolgreichste Schwinger war: Er feierte in den 21 Jahren seiner aktiven Zeit 61 Siege an Kranzfesten, er gewann insgesamt 124 Kränze, unterdessen führt diese Rangliste der Freiburger Hans-Peter Pellet an, der im vergangenen Jahrzehnt fast in jeder Arena Publikumsliebling war. Meli sammelte mit 35 Siegermuni auf dem Papier eine ganze Herde ein. Der Verkaufspreis pro Tier lag damals bei 2500 Franken. (Arnold, der jetzt auf den nächsten König wartet, dürfte 12 000 Franken wert sein). Zweimal verzichtete er auf den Lebendpreis und nahm ein schönes Möbel. Einmal war ein Bernhardiner der Preis, der ihm so gefiel, dass er eine Zucht begann.

Meli errang seine wichtigsten Erfolge bei den Festen mit «eidgenössischem Charakter». Zweimal Schwingerkönig, zwei Siege am Kilchberger, der Triumph beim 75-Jahr-Jubiläumsschwinget des Verbandes und zum Abschluss das Fest zur 500-Jahr-Gedenkfeier der Schlacht von Murten (1976). Dieser Rekord ist kaum zu übertreffen. «Ich habe sechs dieser Titel, der Toggenburger nur fünf», sagt Meli mit einem gewissen Stolz. Jörg Abderhalden könnte in Frauenfeld höchstens noch gleichziehen.

Der 72-jährige Meli geht heute an Krücken, ihn plagen Knie- und Hüftbeschwerden. Das hindert ihn aber nicht, die meisten Feste zu besuchen. Er ist immer noch ein ganz genauer Beobachter der Szene. Man kann sagen, dass die ganze Familie für das Schwingen lebt(e). Sohn Karl war Kranzschwinger, Tochter Irène ebenfalls im Sägemehl aktiv und eine Protagonistin beim Versuch, den Sport bei den Frauen zu etablieren. Sie führt heute den «Sternen» in Winterthur-Veltheim, in dem Vater Meli 27 Jahre gewirtet hatte.

Daneben betrieb der ehemalige Polizist, der sich für diesen Beruf selber als «zu weich» eingestuft hatte, einen Kleiderhandel für «Herren extra gross». Mit seiner imposanten Postur und 1,88 m Grösse hatte er zuvor kaum passende Hemden oder Hosen gefunden. Im Militär passte er kaum in eine Uniform, und auch den Jeep musste man ihm mehr oder weniger «anziehen».

Ein Sport für Amateure

Er ist jovial, volkstümlich geblieben und äussert seine Meinung unverblümt. Dass es heute im Schwingen Werbung und Sponsoring gibt, kann er nachvollziehen. Das müsse aber ausserhalb der Arena geschehen, findet er. Keine Gnade finden bei ihm die Athleten, die ihre berufliche Tätigkeit einschränken, um im Sägemehl Geld zu verdienen. Schwingen sei bei aller Popularität ein Sport für Amateure, sagt er, «das Profitum würde ihn kaputtmachen».

Meli kann wohl heute noch den Film der meisten seiner Kämpfe abrufen. Zu den beliebten Anekdoten gehört die Erzählung seiner Vorbereitung in Murten auf die Gänge am Nachmittag. Das Anschwingen war nicht nach dem Gusto Melis verlaufen, in der Mittagspause änderte er seine kulinarische Praxis, leerte einen halben Roten und kehrte von seiner sonstigen Erfolgsmixtur aus Weisswein, rohen Eiern und Schnaps ab. Es half.

Ein Schlussgang für die Schwingergeschichte: Karl Meli (in Weiss) unterliegt Rudolf Hunsperger 1966 in Frauenfeld. Foto: Keystone

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