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Mayotte, die Undankbare

Die kleine Geschichte Weshalb Nicolas Sarkozy ein bisschen bereut, einer Insel im Indischen Ozean geholfen zu haben. Man wähnt die Zeiten des Kolonialismus ja gemeinhin als überholt und überstanden. Erstarrt auf vergilbten Bildern mit weiss gekleideten Europäern in den Tropen und ihren kaum gekleideten Dienern. Geniert rangiert in den abgeschlossenen Kapiteln der Geschichtsbücher. Manchmal aber melden sich die Zeiten mächtig zurück, zumindest in der Erinnerung. In Frankreich zum Beispiel. An diesem ziemlich unspektakulär begangenen, aber historischen 31. März 2011 erweitert sich Frankreich um ein Département, sein 101. Nicht in der Metropole, wie die Franzosen heute noch sagen, wenn sie ihr Stammland meinen. Sondern in Übersee, weit weg – im Indischen Ozean. Mayotte, so heisst die kleine Insel in der Strasse von Moçambique, nur 40 Kilometer lang und 30 Kilometer breit, 180 000 Einwohner, reich an Delfinen und Meeresschildkröten und Lagunen, hat sich mit viel Enthusiasmus um die Beförderung von der «Gebietskörperschaft der Französischen Republik» zum «Überseedepartement» bemüht. Vielleicht gibt es keine patriotischeren Franzosen als die Mahorais. Viermal stimmten sie in den letzten Jahren über ihre politische Zukunft ab. Und viermal stimmten sie deutlich, beinahe einstimmig für den Verbleib im Schoss der einstigen Kolonialmacht. Man muss dazu sagen, dass es die Insel nie so schnell zu ihrem neuen Stand gebracht hätte, wenn sich Frankreichs Staatspräsident nicht so sehr darum bemüht hätte. Vor seiner Wahl vor vier Jahren schlich sich Nicolas Sarkozy mit seinem Hilfsangebot in die Herzen der Mahorais. Und er hielt sich dann auch tatsächlich an sein Versprechen, er lobbyierte und drängte in Paris.Was aber historisch relevant ist, zahlte sich für Sarkozy politisch nicht aus: Am letzten Wochenende wählten die Mahorais zum ersten Mal die Vertreter ihres Generalrats, und es kam dabei eine linke Mehrheit heraus. Wahrscheinlich fiel Sarkozys Grussbotschaft zum 31.?März darum etwas rau aus: Er erinnerte die undankbaren Landsleute in der Ferne daran, dass der neue Status nicht nur neue Rechte, sondern auch neue Pflichten mit sich bringe. So ganz uninteressiert ist die Liebe der Mahorais zum Stiefvaterland nicht. Es fliesst viel Geld aus der Metropole, jedes Jahr etwa 200 Millionen Euro. Und bald gibt es dazu noch Subventionen aus der Europäischen Union. Die Insel ist arm, wie uns die Reporter von «Le Monde» und «Libération» in langen Reportagen berichten. Sie hält sich mit etwas Landwirtschaft und Fischexport am Leben. Der Hafen muss dringend ausgebaut werden. Die Piste des Flughafens ist nicht lang genug, dass Chartermaschinen mit Touristen aus Europa landen könnten. Und selbst wenn sie kommen würden, die Touristen: Es hat kaum Hotels auf Mayotte.Mit Pflichten meinte Sarkozy die Steuern, die nach einer Schonfrist ab 2014 fällig werden. Er meinte auch die Anerkennung einer einzigen und republikanischen Gerichtsbarkeit, die das alte, traditionelle und von der Scharia inspirierte Justizsystem von Mayotte ersetzen wird. Und er meinte das Ende der Polygamie, wie sie manch ältere Männer noch pflegen. Die Bevölkerung von «101» ist zu 95 Prozent muslimisch. Es ist gut möglich, dass den Mahorais – mehr noch als so vielen anderen Franzosen auch – diese populistische Besessenheit Sarkozys mit dem Islam und dessen angeblichen Gefahren für Frankreichs nationale Identität auf die Nerven geht. Dass sie nun darum links wählten. Frei von neokolonialistischer Unterwürfigkeit. Und frei nach Charles de Gaulle: Vive Mayotte! Vive la France! Oliver Meiler, Marseille Vielleicht gibt es keine patriotischeren Franzosen als die Mahorais.

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