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Masse macht noch keine Klasse

Für den 30. Greifenseelauf von morgen Samstag haben sich rund 14 000 Läufer und Läuferinnen angemeldet. Befruchtend auf die Spitze wirkt sich diese hohe Zahl nicht aus.

Die Schweizer Laufszene kennt keine Krise. 2008 klassierten sich rund 214 000 Läuferinnen und Läufer an den 30 grössten Rennen, was noch einmal leicht mehr als im ohnehin schon erfolgreichen 2007 waren. Zur Erfolgsbilanz trägt auch der Greifenseelauf bei. Für die 30. Ausgabe von morgen Samstag sind rund 14 000 gemeldet. Gefragter ist im Kanton Zürich einzig der Silvesterlauf (2008: 14 199 Klassierte). Doch die geballte Masse an Joggern vermag den höchsten Schweizer Läufer nur bedingt zu freuen. Denn Fritz Schmocker, dem Nationalcoach Lauf von Swiss Athletics, fehlen die Spitzenathleten.

Das wird sich in Greifensee einmal mehr zeigen, wo über die Halbmarathondistanz die nationalen Titel vergeben werden. So ist bei den Männern folgerichtig der 10 000-m-Rekordhalter Christian Belz der Hauptfavorit - obwohl sich der 35-jährige Berner nach einer langen Verletzungspause erst wieder im Aufbau befindet. Gerade an Belz lässt sich die Misere bei der Männerelite festmachen. 28:48 Minuten benötigte er vor 12 Tagen bei einem Strassenrennen über 10 km.

Triathlet Brownlee fast gleich schnell

Damit ist Belz in dieser Saison der einzige Schweizer Langstreckenspezialist, der schneller über diese Distanz ist als Triathlonweltmeister Alistair Brownlee. 29:04 Minuten benötigte der Brite bei seinem Triumph vor einer Wochen in Australien, nur hatte Brownlee bereits 1,5 km Schwimmen und 40 km Radfahren in den Beinen. Gar düster ist die Situation bei den Frauen: Am letztjährigen nationalen Meisterschaftsrennen über 10 000 m nahmen gerade noch drei Läuferinnen teil.

Masse an den Volksläufen macht also noch keine Klasse - weder auf der Bahn noch der Strasse. Denn für den quantitativen Erfolg sorgen primär die 30- bis 50-Jährigen. Für Nationalcoach Schmocker aber sind sie uninteressant, weil zu alt und folglich ohne Aussichten auf internationale Spitzenleistungen. Schmocker hofft eher, Kinder werden von der elterlichen Leidenschaft immerhin so stark geprägt, dass sie sich für die Leichtathletik entscheiden. Schliesslich ist das Konkurrenzangebot an Sportarten entsprechend gross und einer der Hauptgründe, weshalb die Zahl an lizenzierten Leichtathleten dramatisch absackte. Führte Swiss Athletics 1975 noch 14 732 Mitglieder, waren es 2008 noch deren 5021. Schmockers Hoffnung scheint sich zu erfüllen, wie er aus Klubbesuchen weiss. Die Zahl an aktiven kleinen Leichtathleten hat zugenommen. 2007 führte der Verband erstmals Lizenzen für Kinder ein, ihre Zahl ist um rund 14 Prozent auf 3236 gestiegen.

Schmocker sagt darum: «Zumindest auf unterster Stufe ist die Breite zurzeit kein Problem. Aber sobald sich die Kinder zu Teenagern entwickeln und die zeitlichen Anforderungen für eine trainingsintensive Disziplin wie das Langstreckenlaufen zunehmen, verlieren wir zu viele.» Weder die Vereine noch der Verband haben es bisher geschafft, diese Entwicklung zu stoppen, was ebenso am Image der Leichtathletik liegt. Den Traditionssport plagen Dopingskandale und das fast schon zwinglianische Anforderungsprofil: Nur viel Arbeit kann zum Erfolg führen, was an einer Schweizer Meisterschaft trotz Titel gerade einmal mit einem «Badetuch honoriert wird», wie Schmocker ironisch analysiert. Dieser fehlende finanzielle Anreiz führt dazu, dass Strassenläufe die Bahnleichtathletik im schlimmsten Fall konkurrenzieren statt ergänzen. Denn immerhin ein paar Hundert Franken sind für die besten Schweizer auf der Strasse pro Rennen durchaus zu gewinnen. Da kann die Versuchung gross sein, sich vom Kerngeschäft, also dem Laufen auf der Bahn, zu verabschieden.

Fehlende Trainer als Problem

Schmocker ist zudem wegen einer anderen Tendenz besorgt: Die Bereitschaft zum ehrenamtlichen Schaffen nimmt in den Vereinen ab. Die Menge von Betreuern, die fast täglich auf den Anlagen stehen würde, hat sich gemäss Schmocker stark reduziert. Wie bei den Kinderlizenzen allerdings hofft er auf einen Aufschwung. Sein Argument: Für die kommenden zwei Lauflehrgänge des Verbandes, die er für Trainer anbietet, haben sich mit 80 Interessierten so viele wie lange nicht mehr angemeldet.

Volksläufe werden immer beliebter, aber Spitzenathleten sind selten.

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