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Marchionnes allzu frischer Wind Marchionne will den Italienern ihre Eigenheiten austreiben

Der Fiat-Konzernchef droht mit der Produktionsverlagerung ins Ausland. Er hat genug von den alten italienischen Gewohnheiten wie Streiks und Proteste.Der Fiat-Konzernchef droht mit der Produktionsverlagerung ins Ausland. Er hat genug von den alten italienischen Gewohnheiten wie Streiks und Proteste.

Von Oliver Meiler, Mailand Sergio Marchionne schüttelt Italien, ja er drängt das Land seiner Vorfahren geradezu zu einer Revolution – einer wirtschaftlichen, politischen und vor allem kulturellen. In einer viel beachteten Rede stellte der italo-kanadische Konzernchef von Fiat, nach wie vor Italiens grösstes Privatunternehmen, die Sozialpartner vor eine Wahl ohne Schattierungen: «Wollt ihr, ja oder nein, dass Italien ein Autoland bleibt?» Es geht offenbar wieder einmal um alles: um Leben und Tod einer ganzen Industrie. Der «Eifer des Spielers» Marchionne droht in seinem sommerlichen Paukenschlag, der die italienischen Zeitungen füllt, mit einer Auslagerung der gesamten Produktion ins Ausland. Im Land müsse endlich die Erkenntnis reifen, dass die alte italienische Gewohnheit des Streikens und Verhandelns, des Protestierens und ständigen Parlierens und Erpressens die internationale Wettbewerbsfähigkeit seines und anderer Geschäfte nachhaltig untergrabe. Überall in der Welt, so Marchionne, wo Fiat produziere, sei der Konzern erfolgreich – nur in Italien nicht. Im Heimland werde mehr geredet als gearbeitet. Wahre Drohung oder nur Provokation? Die linke «Repubblica» schreibt, Marchionne sei vom «Eifer des Spielers» befallen. In erster Linie greift Marchionne die Gewerkschaftsbünde an, für die die Fabriken von Fiat immer schon das bevorzugte Terrain für grosse Arbeitskämpfe waren. Zuletzt mass man sich über die angedrohte Schliessung des kampanischen Werks von Pomigliano, samt Referendum. Marchionne hält die unnachgiebige Haltung der Arbeitnehmer für anachronistisch und unverantwortlich. Nach seiner Vorstellung sollte bei Fiat nicht mehr gestreikt werden dürfen, müssten die Absenzen wegen imaginärer Krankheit ausgemerzt, sollte die Arbeitsdisziplin wachsen. Man wirft ihm vor, er wolle so die Rahmenbedingungen schaffen, wie sie in Schwellenländern herrschten: tiefere Löhne, weniger Rechte. Und er wolle Italien amerikanisieren, auf eine Linie mit Detroit bringen, wo Fiats Schicksal mit jenem des erworbenen Autokonzerns Chrysler verwoben ist. Erprobt in der Schweiz In der Kritik spiegelt sich die schwankende Leidenschaft Italiens zu Marchionne. Als der Manager 2003 zu Fiat stiess, ging ihm der Ruf eines Sanierers voraus, erprobt in der Schweiz: bei Lonza und der Société Générale de Surveillance. Einen Retter brauchte Fiat damals ganz dringend: In den Medien war schon das Requiem intoniert worden für das Unternehmen. Marchionne war der Wunschkandidat der Besitzerfamilie Agnelli. Er befeuerte die Hoffnung der Italiener, räumte Kaderetagen aus, berief junge Talente in wichtige Positionen, hatte selber keine mondänen Allüren, wie sie seine Vorgänger kultiviert hatten, ass in der Kantine im Turiner Hauptquartier, besuchte die Fabriken regelmässig. Und er brach die verkrusteten Strukturen auf, ordnete alles neu. Die Liebe ist erkaltet Da der neue Kurs schnell Wirkung zeigte, die Marke wieder an Attraktivität und Quote gewann, Fiat endlich wieder schöne Modelle baute (die Replik des Fiat 500 als Paradebeispiel), konnte Marchionne fast gar nichts falsch machen, wurde hofiert von der Politik, gefeiert vom Unternehmerverband. Diese Liebe ist zuletzt merklich erkaltet. Marchionnes forsches Auftreten, eine Konstante in seiner Karriere, brüskiert nicht nur die Gewerkschaften; auch die Politik erinnert ihn immer wieder mal mit vorwurfsvollem Unterton an die staatlichen Hilfestellungen der letzten Jahre. Doch das kümmert ihn nicht. Marchionne denkt global, nur halb italienisch. Und er eckt damit immer mehr an – auch dann, wenn er recht hat. Vor allem dann. Streitbarer Topmanager: Sergio Marchionne (58). Foto: Giuseppe Aresu (Bloomberg)

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