Zum Hauptinhalt springen

In Burkhards Puppenstube

Paul Burkhards Musikzimmer gibt Einblick in das Seelenleben des Komponisten der «Zäller Wiehnacht».

Von Diana Frei Zell – Teegeschirr steht auf dem winzigen Tisch, und die kleinen Bewohner scheinen sich angeregt zu unterhalten. Der Alltag ist in vollem Gange in Paul Burkhards Puppenhaus – dem wohl bekanntesten Bestandteil seines Musikzimmers. «Es ist aussergewöhnlich, wie sich der Künstler sein kindliches Gemüt bewahrte», sagt Ursula Schellenberg, langjährige Mitarbeiterin von Paul Burkhard. Sie zeigt den Kirschbaumflügel. Lisa, Burkhards Schwester, schenkte ihn 18-jährig dem 10-jährigen Paul, weil «er einmal ein berühmter Komponist» werden würde. Sechs Jahre lang musste die Schwester dafür Monat für Monat ihre Raten abzahlen. Das Musikzimmer wurde intensiv genutzt, Gäste wie Ruedi Walter und Margrit Rainer gingen hier ein und aus. Aber genauso kam es vor, dass ein Pater aus dem Kloster zu Besuch war. In Zell wandte sich Burkhard zunehmend der geistlichen Welt zu – nicht nur musikalisch. Die Geschichten stecken in jedem Detail des Raums: Da ist ein Urnäscher Chlauseschmuck auf dem Büchergestell, ein Clownkostüm hängt an einer Schaufensterpuppe, Puppengeschirr steht auf einem Tischchen. Es ist ein Zimmer, das nach sehr persönlichen Kriterien zu einem Nest geworden ist, in dem ein Mensch seine Spuren hinterlassen hat. Ein Abdruck einer Seele und ihrer Leidenschaften – persönlichen wie künstlerischen. Gemälde von Walter Sauter hängen an den Wänden. Sie zeigen Burkhard, seine Eltern, Lisa, den Maler selbst. Walter Sauter kannte Paul Burkhard seit der Kindheit in der Zürcher Enge, sie durchliefen zusammen die Schulzeit und blieben ein halbes Leben lang ein Paar – ohne dies publik zu machen in einer Zeit, in der Homosexualität noch nicht sein durfte. Als sich Walter Sauter mit etwa 40 Jahren entschied, doch zu heiraten und eine Familie zu gründen, brach für Burkhard eine Welt zusammen. Er blieb mit einem tiefen Gefühl der Melancholie zurück, das er in persönlichen Gesprächen immer wieder erwähnte. Die Geschichten selbst erlebt Ursula Schellenberg ist mehr als eine «Nachlassverwalterin». Sie ist Teil des Burkhard-Universums, 13 Jahre lang hat die heute 64-Jährige für ihn gearbeitet. «Alle spüren, dass ich die Geschichten selbst erlebt habe», sagt sie über ihre Führungen. Nicht wenige sind überrascht, wenn sie nicht nur erzählt, sondern sich gleich selber an den Flügel setzt und Burkhards Lieder anstimmt. Kennen gelernt hat die Schaffhauserin den Komponisten über ihren Mann, der aus Zell kommt und als Jugendlicher bei der «Zäller Wiehnacht» mitgespielt hatte. Die Arbeit bei Burkhard bedeutete viel Fleissarbeit. Ursula Schellenberg tippte ganze Textbücher ab und begann wieder von vorn, wenn sich Änderungen ergaben. «Es war aber eine interessante Zeit, ich lernte viele Menschen kennen», sagt sie, «und Paul Burkhard war ein herzlicher, sehr dankbarer Mensch.» Seit seinem Tod 1977 setzt sie sich dafür ein, dass die Tradition der Zeller Spiele weiterlebt – und erfüllt Burkhard damit seinen letzten Wunsch. Jetzt organisiert sie sämtliche Jubiläumsveranstaltungen. Zum Jahresabschluss wird im Musikzimmer ein vier Meter hoher Weihnachtsbaum mit gegen tausend Kugeln geschmückt, darunter werden beleuchtete Städte stehen und zwei Eisenbahnen fahren. Vom 21. Dezember an, Burkhards 100. Geburtstag, wird er bereitstehen. Genauso wie es war, als jeweils die Zeller Schulkinder vorbeikamen und von Lisa Kakao und Weihnachtsguetsli bekamen. Mit 66 Jahren erhielt Burkhard die Krebsdiagnose. In den verbleibenden 13 Wochen diktierte er Schellenberg noch «einen Bundesordner voll» an Abschiedsbriefen für seine Freunde und konvertierte zum Katholizismus. Seinen Humor verlor er nicht: «Eigentlich wäre mir ja russisch-orthodox lieber gewesen. Aber dafür reicht nun die Zeit nicht mehr.» Führungen im Musikzimmer am Sa, 19. März, 14 Uhr. Weitere Termine: Sa, 4. Juni, und Sa, 1. Oktober. Anmeldung per Mail an ursula.schellenberg@gmx.ch «Es ist aussergewöhnlich, wie sich der Künstler sein kindliches Gemüt bewahrte.» Ursula Schellenberg, Nachlassverwalterin Ursula Schellenberg war langjährige Mitarbeiterin von Paul Burkhard. Jetzt organisiert sie erstmals Führungen in dessen Musikzimmer.Foto: Heinz Diener

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch