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Im Bezirk mangelt es an Kinderärzten

Viele Kinderärzte arbeiten lieber im Spital, als eine eigene Praxis zu eröffnen.

Von Andreas Jäggi Bezirk – Am linken Seeufer ist es schwierig, einen Kinderarzt zu finden – nicht nur während der Sommerferien. Im Gegensatz zur Anzahl Kinderärzte steigen die Geburtenzahlen seit Jahren. Laut dem kantonalen Amt für Statistik ist das eine Spätfolge des Babybooms der Sechzigerjahre – es gibt mehr Frauen zwischen 15 und 49 Jahren. Ausserdem hat sich die Anzahl der Geburten pro Frau deutlich erhöht. «Bei den Kinderärzten herrscht Notstand», sagt Markus Good, Präsident der Vereinigung Zürcher Kinderärzte. Eltern bringen Kinder in Stadt Das hat auch der Kanton erkannt. Im Juni 2009 hat er den Zulassungsstopp für Ärzte aufgehoben. Seither hat die Gesundheitsdirektion im Bezirk Horgen zwei Bewilligungen erteilt. Nun haben 20 Kinderärztinnen und -ärzte eine Bewilligung. Die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte listet 15 aktive Kinderärzte in zehn Praxen auf. 2009 gab es im Bezirk gegen 17 000 Kinder unter 14 Jahren. «Die Situation ist unverändert schlecht», sagt Good. Viele Eltern haben bereits auf den Ärztemangel reagiert; sie suchen gar nicht mehr erst nach einem Kinderarzt in der Region, sondern bringen ihre Kinder direkt auf die Notaufnahme des Kinderspitals Zürich. Seit Anfang Jahr betreibt das Kinderspital deshalb an Wochenenden und Feiertagen eine spezielle Notfallpraxis. Das Projekt ist vorläufig auf ein Jahr befristet. Der Notfalldienst wird von Kinderärzten aus den Bezirken Zürich, Dietikon, Bülach und Dielsdorf geleistet. Ärzte arbeiten lieber im Spital Der Mangel scheint in den Gemeinden nahe Zürich akuter zu sein. In Adliswil etwa sind die Kinderärzte kaum zu erreichen. Aus Richterswil hingegen heisst es, man müsse zurzeit keine Kinder abweisen. Rund ein Drittel der Ärzte versucht die Mehrbelastung mit Assistenzärzten abzufangen. Die Gründe für den Ärztemangel: Es werden zu wenig Kinderärzte ausgebildet; zurzeit sind es am Kinderspital bloss zwei bis drei pro Jahr. Viele Ärzte arbeiten lieber im Spital. Denn wer eine eigene Praxis will, muss nach wie vor mit hohen Infrastrukturkosten rechnen und geht eine langjährige Verpflichtung ein. Kinderärztinnen und -ärzte gehören nicht zu den besten Verdienern in der Ärzteschaft, weshalb die Kreditgeber zurückhaltend sind. In den Kliniken entstehen immer mehr Stellen – vor allem für Oberärzte –, weil die Ambulatorien weiter ausgebaut werden. Während im Kanton Zürich früher jedes Jahr fünf oder sechs Ärzte eine Klinik verliessen, um eine eigene Praxis zu eröffnen, sind es heute noch halb so viele. Es herrscht ein enormes Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern: Der Frauenanteil unter den Absolventen ist auf 80 Prozent gestiegen. Viele von ihnen werden dereinst nur Teilzeit arbeiten. So erhöht sich die Anzahl Kinderärzte – nicht aber die gesamte Sprechstundenzeit. Der Numerus clausus, der die Anzahl Medizinstudenten begrenzt, berücksichtigt diese Tatsache nicht. Den Grundversorgern sind in den letzten Jahren immer mehr Aufgaben zugefallen. Auch die Betreuung der Kinder ist aufwendiger geworden. Kinderärzte sind vermehrt mit Erziehungs- und Verhaltensproblemen oder Lern-, Schlaf- und Essstörungen konfrontiert. Weiterbildung ist schwierig «Eigentlich sollten Eltern mit Kindern bis 16 Jahre jederzeit einen Kinderarzt aufsuchen können», sagt Markus Good, fügt aber hinzu: «Das ist Wunschdenken.» Ein erfahrener Hausarzt, der eine Weiterbildung in Kinderheilkunde habe, könne auch einen fiebrigen Säugling behandeln. Doch Hausärzte mit Weiterbildung in Kinderheilkunde werden immer rarer, denn es fehlen Ausbildungsplätze. 2009 hatten bloss 16 Prozent der FMH-Abschlüsse eine solche Weiterbildung.

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