Zum Hauptinhalt springen

Im befestigten Kreis der Seinen Rätselraten im Chaos

Wie solid ist Ghadhafis innerster Machtzirkel aus Verwandten und alten Getreuen? Es kursieren Gerüchte und Legenden um die Standhaftigkeit des Regimes. In Libyen bleibt die Lage unübersichtlich. Auch was mit der Familie von Diktator Muammar al-Ghadhafi und seinen engsten Vertrauten geschehen ist, bleibt vorerst rätselhaft.

Von Oliver Meiler, Marseille Im Krieg blüht die Propaganda besonders bunt. Und mit ihr alle möglichen Gerüchte. In Tripolis kursieren derzeit viele Geschichten über den weitverzweigten Clan, der Libyens Schicksal seit vier Jahrzehnten bestimmt: über die kinderreiche und milliardenschwere Familie von Muammar al-Ghadhafi. Die Libyer möchten möglichst viel darüber erfahren, wie gefestigt der innerste Zirkel des Regimes noch ist, wie viele Mitglieder aus der gefürchteten Entourage womöglich einen Absprung planen, wie lange es also noch dauert, bis das System unter dem Druck von Sanktionen und Bomben implodiert. Diese Fragen interessieren natürlich auch die internationale Gemeinschaft, die sich zu einer Militärintervention durchringen konnte und nun auf ein baldiges Ende hofft. Manchmal sorgt schon ein anonymer Blogeintrag für vermeintliche Gewissheiten, dies umso mehr, als sich Ghadhafi und die Seinen nach einer Offensive in den Medien seit geraumer Zeit nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen. Das bisher spektakulärste Gerücht handelte vom Tod von Khamis al-Ghadhafi, dem sechstgeborenen Sohn Ghadhafis aus zweiter Ehe, 29 Jahre jung und Chef einer militärischen Sondereinheit, die seinen Namen trägt. Die Khamis-Brigade hätte offenbar den geplanten, vom Westen verhinderten Angriff auf die Rebellenhochburg Benghazi anführen sollen. Vor zehn Tagen hiess es, Khamis sei getötet worden – von einem libyschen Kampfjetpiloten, der einen Kamikaze-Angriff auf das Hauptquartier des Regimes, auf die Kaserne von Bab al-Aziziya in Tripolis, geflogen habe. Khamis sei an seinen Verbrennungen gestorben. Der Pilot soll Osman geheissen haben. Im Internet und in Kreisen der Aufständischen gilt er als nationaler Held und Märtyrer. Lebend und lachend Doch gab es Osman wirklich? Oder sollte er nur der Legendenbildung der Rebellen dienen? Sicher ist, dass an jenem Tag eine Rakete der westlichen Streitkräfte ein Gebäude im Innern der Militäranlage zerstörte. Aus US-Geheimdienstkreisen verlautet zudem, dass Khamis tatsächlich tot sein soll. Nun hat das libysche Staatsfernsehen angeblich aktuelle Bilder von Khamis gezeigt – lebend und lachend. Doch eindeutig sind sie nicht. Auch von Saif al-Islam, Ghadhafis bekanntestem Sohn, den die westliche Welt vor kurzem noch als reformerischen Hoffnungsträger gefeiert hatte, hat man schon länger nichts mehr gehört. In den Tagen vor der internationalen Intervention trat er noch in ausländischen Fernsehinterviews auf – lachend und triumphierend. Weggetaucht sind auch die Söhne Saadi (der frühere Fussballprofi), Hannibal (der Auslöser des Streits mit der Schweiz), Mutassim (Nationaler Sicherheitsberater) und Saif al-Arab (der wohl in Deutschland lebt). Ghadhafis Tochter Aisha, eine Anwältin mit hohem Glamourfaktor, versuchte schon zu Beginn des Aufstands, sich nach Malta abzusetzen. Doch die Malteser erteilten ihrer Maschine keine Landeerlaubnis. Danach sah man sie noch einmal bei einer Demonstration für ihren Vater in Tripolis. Doch auch das ist nun schon länger her. Ghadhafis Cousin Ahmed al-Ghadhafi Eddam, der auch als sein Doppelgänger auftritt, weil er dem Herrscher aufs Haar gleicht, soll sich nach Ägypten abgesetzt haben, um dem Regime von aussen zu helfen.Die Rebellenregierung behauptet, Ghadhafi halte seinen ganzen Clan in Tripolis in einer Art Geiselhaft, um möglichen Fluchtgelüsten vorzubeugen. Doch die Fluchtmöglichkeiten sind ohnehin eingeschränkt. Die Namen der Kinder, Schwäger und Cousins Ghadhafis stehen auf einer schwarzen Liste der Vereinten Nationen und der Europäischen Union. Ihre Vermögen aus dem geplünderten Ölreichtum des Landes sind eingefroren. Der Clan muss sich also im Ausland ganz auf seine informellen Kontakte und Kanäle konzentrieren.Auf der Liste findet man auch Namen von alten und treuen Weggefährten des Despoten, mit denen er nicht verwandt ist: darunter des Chefs des militärischen Geheimdienstes, des Armeechefs, des Verteidigungsministers und der Vorsitzenden der staatlichen libyschen Investitionsfirmen. Über den Grad ihrer Loyalität zu Ghadhafi ist nichts bekannt. «Private Reise» nach Tunesien Einige alte Getreue sind bereits abgesprungen, als Ghadhafi zum ersten Mal auf sein Volk schiessen liess. Einer von ihnen ist der frühere Justizminister Mustafa Abdel Jalil, der heute an der Spitze des aufständischen Übergangsrats steht. Ghadhafi nennt ihn nun «Chef der Ratten». Er hat 400 000 Dollar Prämie auf Jalils Kopf ausgesetzt. Übergelaufen sind auch der ehemalige Innenminister Abdel Fattah Yunis al-Obeidi, hohe Offiziere sowie die Botschafter bei UNO, Arabischer Liga, Unesco, in Frankreich, China, Indien und Indonesien. Vor einigen Tagen hat nun Moussa Koussa, Ghadhafis langjähriger Aussenminister und früherer Geheimdienstchef, für ein neues Gerücht gesorgt. Koussa, der bei seinem jüngsten Auftritt ungewohnt nervös gewirkt hatte, war am Dienstag nach Tunesien gereist – privat, wie sein Ministerium ausrichten liess, auf dem Landweg, wie die Flüchtlinge. Schon fragte man sich, ob Koussa wohl für immer weggereist sei. Bis auch dieses Gerücht dementiert wurde. Moussa Koussa traf sich angeblich auf Djerba mit Emissären der französischen Regierung. Und am Mittwochabend hiess es schliesslich, er sei von Djerba nach London geflohen. Bildlegende. Foto: Vorname Name, Agentur Ein Bild aus ruhigeren Zeiten: Muammar al-Ghadhafi mit seiner Familie im März 1981. Foto: Rosy Rouleau (Sygma, Corbis)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch