Zum Hauptinhalt springen

Güggeli-Party im Gefängnishof

Eine Freikirche organisiert im Gefängnis Winterthur ein Fest mit Livemusik, Torwandschiessen und grillierten Poulets – als «Zeichen der Nächstenliebe». Die SVP spricht von «Verhätschelung».

Von René Donzé Winterthur – Man stelle sich das Bild vor: Ein mutmasslicher Verbrecher steht mit einer Kinder-Angelrute im Gefängnis-Spazierhof, fischt eine Plastikente aus einem Planschbecken und erhält als Preis ein Schoggistängeli. Ein anderer sammelt Punkte beim Torwandschiessen. «Es ist erstaunlich, wie viel Freude die Männer an solchen Dingen zeigen können», sagt Nathanael Steinemann, Pastor der evangelischen Freikirche GvC Chile Hegi. Seit zwei Jahren organisiert er mit einem Team der Freikirche solche «Events» im Gefängnis Winterthur. «Als Zeichen der christlichen Nächstenliebe», wie Steinemann sagt. «Wir wollen uns um diese Menschen am Rande der Gesellschaft kümmern.» Am Sommerevent am 5. September gabs zuerst einen Brunch im Gefängnishof. Dann bauten die freiwilligen Freikirchler Bühne und Spiele auf. Die GvC-Band spielte Pop, Rock, Country und Gospel, «alles mit guten Texten», so Steinemann. Zwischendurch hielt er eine kurze Ansprache. «Wir wollen den Gefangenen zeigen, dass es noch andere Perspektiven im Leben gibt, und ihnen Mut machen, ihre Zukunft in neue Bahnen zu lenken.» In christliche Bahnen? «Natürlich sprechen wir auch über Gott», sagt Steinemann. Doch zu missionieren liege ihm fern, schliesslich seien unter den Gefangenen viele Muslime. «Da sind wir sehr vorsichtig.» Völlig unproblematisch war da das Abendessen: Es gab Salatbuffet und Poulet vom Güggeliwagen. Kritik am «Jailhouse Rock» Die Party hinter Gefängnismauern bereitete indes nicht nur Freude. Aus der Nachbarschaft wurden Klagen über Lärm und Güggeligeruch laut, die bis ans Ohr des Zolliker SVP-Kantonsrats Claudio Zanetti drangen. In einem Artikel auf seiner rechtsbürgerlichen Internetplattform Politik.ch kritisiert er den «Jailhouse Rock» in Winterthur. Der Event sei ein weiteres Zeichen für die «Verhätschelungspolitik in den Gefängnissen unter dem SP-Justizdirektor Markus Notter». Der Strafvollzug sei kein Ferienlager, und da brauche es auch kein Fest im Gefängnishof, schreibt Zanetti. Er zitiert seinen Parteipräsidenten Alfred Heer: «Was würden wohl die Opfer dazu sagen, wenn Kriminelle auf ihre Kosten eine Party veranstalten?» Das Fest gehe nicht auf Kosten der Öffentlichkeit, sagt Rudolf G. Hablützel, der Stabschef Gefängnisse im Kanton Zürich. Für das Gefängnis seien bloss die üblichen Verpflegungskosten angefallen. Die zusätzlichen Auslagen wurden mit Geldern aus einer Kasse gedeckt, die von den Insassen selbst gespeist wird. Sie bezahlen pro Tag einen Franken als Miete für die Fernsehgeräte. Das Geld könne für neue Geräte oder aber für «weitere Auslagen zugunsten der Insassen verwendet werden». Konzert, Spiele, Preise und die Bastblumendekoration wurden von der Freikirche organisiert und finanziert. Von Lärmklagen aus der Nachbarschaft weiss Hablützel nichts. Einzig ein Polizist, der im nahen Kapo-Posten Sonntagsdienst schieben musste, habe sich gestört gefühlt. «Wir wollen keinen Kerker» Notters Sprecher Michael Rüegg reagiert gereizt auf die Vorwürfe der SVP an seinen Chef. «Wir stehen für einen menschenwürdigen Vollzug und lassen uns nicht durch rechten Populismus einen Kerker aufzwingen.» Die meisten der rund 45 Gefangenen in Winterthur seien Untersuchungshäftlinge, die noch nicht rechtskräftig verurteilt seien. «Die Untersuchungshaft dient dazu, Flucht und Kollusion zu vermeiden. Unser Ziel ist es nicht, Angeschuldigte möglichst dreckig zu behandeln.» Anders als in Strafanstalten gebe es wenig Beschäftigungsmöglichkeiten in Untersuchungsgefängnissen. Die Gefangenen verbringen rund 23 Stunden pro Tag in ihren Zellen, und das über Monate. «Erstaunt es da, dass dann und wann ein klein wenig Auflockerung ganz gut tut?» Auch Stabschef Hablützel ist der festen Überzeugung, «dass solche sporadisch durchgeführten Anlässe zu einer wesentlichen Entspannung des Gefängnisalltags beitragen und uns damit die Erfüllung unseres Auftrags nicht unwesentlich erleichtern». «Kein Sicherheitsrisiko» Notters Sprechers Rüegg findet, es sei doch eine «erfreuliche Sache, wenn sich Leute wie diese Mitglieder der Freikirche kostenlos für Gefängnisinsassen engagierten.» Die GvC Chile Hegi veranstaltet solche Feste ausschliesslich im Gefängnis Winterthur. Neben dem Sommerfest organisiert sie dort jeweils auch eine Chlausfeier sowie einen kleineren Winterevent im Keller. Ob es in anderen Zürcher Gefängnissen vergleichbare Anlässe gibt, konnte Rüegg nicht sagen. Die meisten würden wohl kleinere Chlaus- und Weihnachtsfeiern veranstalten, sagt er. «Dafür brauchen die Gefängnisse weder eine Bewilligung, noch führen wir darüber eine Statistik.» Sicher sei, so Rüegg, dass die Anlässe stets so gestaltet werden, dass kein erhöhtes Sicherheitsrisiko bestehe. «Wir wollen den Gefangenen zeigen, dass es noch andere Perspektivenim Leben gibt.» Nathanael Steinemann, GvC Chile Hegi Bezirksgefängnis Winterthur: Nachbarn beschwerten sich über Lärm und Geruchsbelästigung während eines Fests für die Gefangenen. Foto: Melanie Duchene (EQ Images)

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch