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Frankreichs langer Arm nach Afrika

Die aktuellen Wirren in der Elfenbeinküste erinnern die Franzosen an ihre Politik in Afrika – an «Françafrique». In einem Dokumentarfilm reden einige Hauptakteure zum ersten Mal über trübe Methoden.

Von Oliver Meiler, Marseille Wenn es in Afrika brennt, zumal in den frankofonen Ländern im Nordwesten des Kontinents wie derzeit in der Elfenbeinküste, dann richtet sich der Blick der Afrikaner schnell und argwöhnisch auf die frühere Metropole: Was sagt Paris? Wen stützen die Franzosen? Und wie agieren die Berater des französischen Präsidenten, die allein für die afrikanischen Dossiers abbestellt sind? Dafür gibt es in einem Nebenbau des Elysée-Palasts eine diskrete «Zelle» mit hundert Mitarbeitern – «La Cellule Afrique». Seit fünfzig Jahren schon. Sie operiert parallel zum Aussenministerium, manchmal auch konträr zu diesem, oft mysteriös. Die «Zelle» bestimmte seit der Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien in Afrika nicht nur Frankreichs Aussenpolitik zu diesen Ländern, sondern auch deren Innenpolitik. Und sie tat das in der Vergangenheit mit allen Mitteln, auch mit wüsten und undemokratischen, mit Putschen, politischen Morden und Einsätzen von Söldnertruppen – alles im Namen der sakrosankten französischen Staatsräson. Ein zweiteiliger Dokumentarfilm des Journalisten Patrick Benquet, «Françafrique», den France 2 in diesen Tagen ausgestrahlt hat, zeigt zum ersten Mal die Logik und Organisation jenes einst geheimen Systems auf, das auf Charles de Gaulle zurückgeht. Der stehende Begriff «Françafrique» steht für das postkoloniale System der französischen Einflusswahrung über befreundete Regimes in Afrika. Benquet hat ehemalige Geheimdienstler, Botschafter und Chefs des Energiekonzerns ELF besucht, die mit ihren Netzwerken die Geschicke in dieser Ecke Afrikas lange Zeit lenkten. De Gaulle war besessen von der Sorge, Frankreich könnte nach dem Verlust seiner afrikanischen Kolonien auch seine Rohstoffunabhängigkeit verlieren. Zentral war dabei 1962 der Verlust von Algerien und dessen Öl- und Gasvorkommen in der Sahara. Das Büro, das de Gaulle Anfang der Sechzigerjahre einrichtete, musste sich weder vor der Regierung noch vor dem Parlament verantworten. Nur vor ihm, dem General. Die Undercover-Operationen pflegte er jeweils lediglich zu dulden, ohne sie offiziell zu befehlen. Denn man sollte nie nachweisen können, dass das Unsägliche von ganz oben kam. Zuerst galt es, neue Ölquellen zu finden und dort die politischen Verhältnisse zu «stabilisieren». Egal, wie. Stabil galt ein Land, wenn es auf Dauer verlässliche Beziehungen zu Paris unterhielt und einen militärischen Verteidigungspakt unterzeichnete, der Frankreich immer den Vorzug geben würde: bei Rüstungsdeals und bei eventuellen Einsätzen im Land. In der Elfenbeinküste unterhält Paris bis heute eine Friedenstruppe mit tausend Soldaten, die Force Licorne. Das Netz von Monsieur Afrique Das kleine Gabun, rund eine Million Einwohner, war damals der ideale Partner – der beste Ersatz für Algerien. Es hatte Öl. Und seinem ersten Präsidenten, Léon Mba, gefiel die familiäre Nähe zu Frankreich. Er war oft in Paris, sagte, er fühle sich dort zu Hause. Kurz vor seinem Tod beschloss das Elysée, Mba bei einer kleinen Zeremonie einen Vertrauensmann als Vizepräsidenten zur Seite zu stellen: Kabinettschef Omar Bongo. Bongo wurde dann 1967 Präsident. Ohne Wahlen. Und er blieb Präsident bis zu seinem Tod 2009, kaufte viele schöne Immobilien in Frankreich, dazu teure Autos. Die enge Freundschaft machte den afrikanischen Herrscher reich und die Franzosen glücklich – ein Muster, das auch in anderen Ländern angewandt wurde. Vor einem Jahr übernahm dann Omar Bongos Sohn Ali die Macht, obschon der Verdacht gross war, dass er die Wahl verloren hatte. In Gabun heisst es dazu, die Franzosen hätten wieder eine ihrer Marionetten eingesetzt. «Potiche», sagen sie, «Popanz». Der Aufstieg der Bongos wurde vom grossen Strippenzieher Frankreichs für die Region orchestriert: Jacques Foccart (1913–1997), ein sagenumwobener Wesir, auch «Sphinx» oder «Monsieur Afrique» genannt. Er erfand und betrieb die «Zelle» im Elysée – einen eigentlichen Staat im Staat. Zwischen 1960 und 1974 war Foccart einer der mächtigsten Männer Frankreichs, auch wenn das auf dem Papier nicht so aussah. Keiner hatte ein grösseres Netzwerk als er. Kein Minister hatte mehr Entscheidungsautonomie und mehr Budget für seine Operationen als dieser Berater. Als de Gaulle noch an der Macht war, trafen sich die beiden Männer jeden Abend. Es lief die heisse Phase im Kalten Krieg, als es der westlichen Welt recht war, dass Frankreich in Afrika den Gendarmen spielte. Wenn es jeweils galt, einen Herrscher davon abzuhalten, ins Lager der Kommunisten zu wechseln, baten die Amerikaner die Franzosen um Hilfe. Und das hiess, dass Foccart aktiv wurde. Einmal, als sein Eingriff in Guinea gefragt war, liess er das Land mit Falschgeld fluten, um so dessen Währung und Wirtschaft in die Knie zu zwingen.In anderen Fällen waren die Operationen rudimentärer: Da wies man Spione auch an, einen Oppositionsführer aus Kamerun zu vergiften. Oder man verschaffte der Opposition Waffen, wenn die jeweiligen Machthaber nicht spurten. Der kürzlich verstorbene frühere Botschafter Maurice Delaunay sagt im Film, in seinem letzten Interview, lächelnd: «Es gibt Momente, da kommt die Politik vor der Moral.» Er war einst Botschafter in Gabun, Kamerun, Madagaskar und Benin. Ein Mann Foccarts. «Papa m’a dit» Alle vier Präsidenten Frankreichs nach de Gaulle und Georges Pompidou verhiessen, die Afrikapolitik der alten Gaullisten zu reformieren und zu moralisieren. Den Franzosen, den stolzen Vertretern der Heimat der Menschenrechte, war die Doppelmoral ihres Landes im Umgang mit den afrikanischen Ländern allzu bewusst. Doch weder der Liberale Valéry Giscard d’Estaing (Präsident von 1974 bis 1981) noch der Sozialist François Mitterrand (1981 bis 1995) standen zu ihren Versprechen. Giscard setzte bald wieder Leute Foccarts ein und reiste für seine Jagdferien nach Zentralafrika. Ohne Foccarts Netzwerk lief nichts. Mitterrand berief seinen Sohn Jean-Christophe zum persönlichen Gesandten. In Afrika nannte man ihn «Papa m’a dit», «Mein Vater hat mir gesagt». Die afrikanischen Herrscher mochten diese familiäre Verstrickung, die den ihren nicht unähnlich war. Sie zählten darauf, dass der Sohn einen direkten Draht zum Vater hatte. Benquet hat für seinen Film auch Jean-Christophe Mitterrand interviewt, und der sagt: «Ja, man wusste natürlich, dass ich auch nach Dienstschluss und an den Wochenenden mit dem Präsidenten reden konnte.» Unter dem Neogaullisten Jacques Chirac (Präsident von 1995 bis 2007) kehrten dann wieder Foccarts Leute zurück – und mit ihnen auch Foccarts zynischer Stil. Auch Nicolas Sarkozy versprach vor seiner Wahl 2007 einen Wandel in der Afrikapolitik. Er sprach gar vom Ende von «Françafrique». In den USA hörte man das gerne. Nach dem Mauerfall war die Notwendigkeit verschwunden, einen Gendarmen in Afrika zu haben. Und man war selber interessiert an den Rohstoffen und den Geschäften. Wie überdies auch China, Russland, Brasilien und Indien. Die Konkurrenz ist gross geworden. Die afrikanischen Potentaten können die Rivalen notfalls gegeneinander ausspielen, müssen nicht mehr nur mit den Franzosen verhandeln und treten umso forscher auf. Sarkozys Versprechen ist längst überholt. Frankreich erträgt den schleichenden Verlust seiner Macht in Afrika nur schlecht. Oft reisen Sarkozys engste Berater am Wochenende in die früheren Kolonien. Ohne Protokoll, ohne offene Agenda, wahrscheinlich einfach nur im Namen der sakrosankten Staatsräson. Der sagenumwobene Wesir in Diensten Frankreichs: Jacques Foccart. Die Friedenstruppe des Elysées: Soldaten der französischen Force Licorne bei einem Einsatz in der Elfenbeinküste.Foto: Issouf Sanogo (AFP) BilderBlutdiamanteniPhone: Tagi-App aufTA+Mobile: SMS mit Text Plus an 4488

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