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«Es kann süchtig machen»

Eine Haarentfernung mit Warmwachs gönnen sich längst nicht mehr nur Frauen. In Christine Margreiters Studio Wax in the City beim Talacker lassen sich auch Männer glatt machen. Ein Selbstversuch.

Von Peter Aeschlimann «Komplett ausziehen und hinlegen», sagt Jasmin. Und man tut es. Sofort kleben die schweissigen Hände am Liegenpapier. Aus den Boxen tönt sanfte Chillout-Musik, im Innern aber veranstaltet der Puls eine Technoparty. Wenig später breitet sich in der kleinen Kabine der süsse Geruch von Bienenwachs aus. «Na, dann legen wir mal los.» Beim Brazilian Waxing werden die Haare im Intimbereich samt Wurzel entfernt. Die Methode heisst so, weil in den Neunzigerjahren die Bikinis an der Copacabana immer knapper und als Folge davon die Nachfrage nach Depilage immer grösser wurde. Heute scheint der Kahlschlag unter der Gürtellinie so populär wie nie. Hollywoodstar Eva Longoria («Desperate Housewives») prahlt öffentlich mit einem besseren Sexleben; Studios, die ausschliesslich Waxing anbieten, schiessen aus dem Boden. Die deutsche Kette Wax in the City eröffnete am Donnerstag beim Talacker ihr erstes Studio in der Schweiz. Es sieht aus wie die Lobby eines Designhotels. Die Empfangsdame bittet einen, auf dem roten Sofa Platz zu nehmen. Dann kommt die Chefin. Christine Margreiter gründete mit ihrer Partnerin vor fünf Jahren Wax in the City in einem Berliner Hinterhof. Mittlerweile beschäftigen die Frauen insgesamt 160 Mitarbeiterinnen in 14 Studios in Deutschland, Österreich und der Schweiz. «Es gibt Leute, die sagen, Haare seien etwas Natürliches», sagt die 46-Jährige. Und dies sei auch völlig legitim. Trotzdem betrachteten viele Menschen heute deren Entfernung als einen selbstverständlichen Teil der Körperpflege. «Sie lassen sich ja auch nicht die Fussnägel ins Unendliche wachsen.» Bei sich duldet die Marketingmanagerin Haarwuchs auf dem Kopf, jedoch nirgendwo sonst. «Es piekst nicht, wenn die Haut glatt ist. Und ich fühle mich schöner und sexier.» Aber tut das Brazilian Waxing denn nicht höllisch weh? «Schmerz», sagt Margreiter, «ist etwas sehr Individuelles.» Textilien diktieren die Frisur Jasmin sprüht ein Mittelchen in den Schoss: Hammameliswasser desinfiziert und fördert die Durchblutung. Na wunderbar. Volle Konzentration jetzt auf das gleissend helle Licht, das über einem schwebt. Man hilft sich mit Autosuggestion: «Du liegst auf dem Seziertisch, nicht am Strand. Du bist beim Zahnarzt, nicht in den Wellnessferien. Du schaust am besten gar nicht hin.» Eine Shoppingtour enthüllt: Die meisten Höschen in der Unterwäscheabteilung von H&M sind für Frauen mit ungezähmtem Schamhaar (und einem Sinn für Ästhetik) untragbar. Das Textil diktiert die Frisur, genauso wie damals an der Copacabana. Die paar wenigen Unterhosen, welche den Namen auch verdienen, sind Ausnahmen, welche – und hier passt die Floskel – die Regel bestätigen. «Wildwuchs ist passé», sagt auch die Beldona-Verkäuferin an der Bahnhofstrasse, «und zwar bei sämtlichen Altersklassen.» Depiladora mit Zertifikat Jasmin trägt nun das dickflüssige Bienenwachs auf. Die heisse Masse soll Poren öffnen und Haare umschliessen, damit diese danach leichter ausgerissen werden können. «Gehts?», fragt sie. «Kein Problem», erwidert man tapfer. Die hübsche Blonde mit Lippenpiercing ist seit zweieinhalb Jahren zertifizierte Depiladora (Margreiter: «Haarentfernerin klang halt ziemlich unsexy»). Wie alle anderen, die bei Wax in the City arbeiten – es sind ausschliesslich Frauen –, hat sie in Berlin eine dreiwöchige Ausbildung absolviert. Auf diese Schulung am lebendigen Arm-, Po-, Bein-, Rücken- oder Intim-Modell legt Chefin Christine Margreiter besonderen Wert. Haarentfernung sei eine sehr intime Dienstleistung. Man entblösse sich auf eine Weise, wie man dies üblicherweise nur vor Ärztinnen und Partnerinnen mache. «Deshalb ist es wichtig, dass sich die Kunden bei uns stets gut aufgehoben fühlen.» Auf Haarentfernung mit Wachs schworen schon Kleopatra oder die alten Griechen. Dennoch betrachten gewisse feministische Kreise den rasanten Trend zum Look als eine direkte Folge eines übermässigen Pornokonsums. Sie kritisieren die Stilisierung der Frau zum Mädchen. Sexshopinhaberin Alexandra Haas, selbst eine erklärte Feministin, teilt diese Ansicht nicht: «Ich bin für freie Frisurenwahl!» Eva Longoria habe recht, sagt die Expertin in Liebesdingen, der Sex sei tatsächlich besser ohne Schamhaare. Wer jemals nach einem Coiffeurbesuch in einen Sommerregen geraten sei, könne dies gut nachvollziehen: «Man spürt und sieht einfach viel mehr.» Ins gleiche Horn stösst auch Lars Rutschmann. Der Winterthurer, besser bekannt unter dem Namen Michael Ryan, stellt als Produzent und Darsteller Pornofilme her. Er sagt: «Dort, wo beim Akt sonst die Schamhaare die Haut bedecken, empfindet man einfach mehr.» Eine Trendwende in Sachen Intimfrisur sei übrigens nicht absehbar. Obwohl nicht mehr ganz so «out» wie noch vor drei Jahren, bleibe Schamhaar im Porno-business eine Rarität für Liebhaber. Rund 80 Prozent der Darsteller seien komplett rasiert. «Obwohl ich es sehr begrüssen würde, wenn sich mal ein behaartes Model bewerben würde.» Von Kopf bis Fuss Hauptzielgruppe von Wax in the City sind die 20- bis 50-Jährigen. Enthaart wird von Kopf bis Fuss. Ins Geschäft finden laut Christine Margreiter auch immer mehr Männer. Zur Depilage könne man jederzeit und ohne Anmeldung vorbeikommen, das unterscheide sie von der Konkurrenz. Ein Brazilian Waxing kostet bei Wax in the City für Frauen und Männer je nach Variante (Landestreifen, Dreieck, Herzchen) zwischen 75 und 100 Franken, Nach ein paar Wochen, frühestens aber, wenn die Stoppel drei bis vier Millimeter lang sind, kann die Prozedur wiederholt werden. Die meisten, die damit anfangen, hören nie wieder auf. «Es kann süchtig machen», sagt Christine Margreiter, «und nach fünf Jahren tut es überhaupt nicht mehr weh.» Aber beim ersten Mal. «Beine anwinkeln», sagt Jasmin jetzt und lächelt. Das Wachs erkaltet langsam, die Muskeln verkrampfen sich schnell in Erwartung des Rucks, der nun unweigerlich kommt. «Noch drei Schlimme, dann haben Sie es geschafft.» Man hört Papier reissen, Engel singen, Glocken läuten. www.wax-in-the-city.com «Eine intime Dienstleistung»: Chef-Depiladora Christine Margreiter in der Zürcher Filiale von Wax in the City.Foto: Sabina Bobst

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