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«Es gilt zu retten, was noch zu retten ist»

Agglomeration Die Schweiz ist keine Postkarte, TA vom 22. Oktober Die Schäden sind omnipräsent. Gott sei Dank, Benedikt Loderer hat wieder zugeschlagen. Gelobt und gepriesen sei er für seinen Kampf gegen Verhäuselung, Zersiedelung und Zubetonierung unseres Landes. «Das Staatsziel der Schweiz ist die Vermehrung des Reichtums», in diesem Sinne hat er sich auch schon geäussert. Den Folgeschäden (inbegriffen Lärm in allen Varianten, vom Fluglärm über unseren Köpfen bis zum Rasenmäher- und Laubbläserlärm in unseren Quartieren) begegnen wie heute auf Schritt und Tritt. So wie in Zug, ein abschreckendes Beispiel, könnte es eines Tages in der ganzen Schweiz aussehen. Alles wird kommerzialisiert, aus jedem Ausflugsziel macht man einen Rummelplatz. Reichtum wird zum Albtraum. Ausländische Touristen kommen nicht nur wegen der Naturschönheiten zu uns, Reiche und Superreiche decken sich hier mit Luxusgütern ein. Wachstumswahn, Konsumfetischismus und Bauexzesse dominieren die Szene. Hörte man früher Hähne krähn, sieht man heute Kräne stehn. Die Postkarten-Schweiz von einst gehört unwiederbringlich der Vergangenheit an. Es gilt zu retten, was noch zu retten ist. Einer schafft es nicht allein, Tausende müssten wie Loderer sein. Walter Artho, Schlieren Masten wetteifern mit Kränen. So ist es halt: Zieht die Stadt aufs Land, wird das Land zur Stadt. Die Strecken Winterthur–Aarau oder Genf–Lausanne vermitteln diesen Eindruck. Ausserortstafeln dienen hier nur noch der Vermittlung des Tempolimits. Masten wetteifern mit Kränen, an Südhänge geklebte «Schreibmaschinen» mit Lagerhallen oder Garagen in der Ebene. Es ist eine Architektur, die keine andere Kultur wiedergibt als jene von Angebot und Nachfrage. Boden wird behandelt, als käme er täglich frisch auf den Tisch. Derweil der Betonfrass bereits in Voralpentäler hineinsickert, zelebrieren unsere Tourismusverantwortlichen Kuhglöcklein vor Alpenglühn, wohnen dem Abschlachten jener Kuh bei, die man doch bloss melken wollte: Es schaut einfach keiner genau hin. Rolf Bühler, Schlieren Schuld ist das Renditedenken. Ich glaube, Herr Loderer fand die Wurzel all dessen, was wir heute in dieser Hinsicht bemängeln, am richtigen Ort, nämlich im Gedankengut der Aufklärung. Dann aber wandert der Stadtwanderer in die falsche Richtung. Nicht etwa die Verherrlichung der Berge, der herausgeputzten Altstädte und der Landwirtschaft trägt die Schuld am heutigen Zustand; diese liegt ganz woanders. Hatten nämlich vor der Aufklärung die Anstrengungen der Allgemeinheit stets der Macht des Staates, eines Monarchen oder der Kirche gegolten, so hat sich das seither gewandelt, indem immer mehr die Freiheit und das Wohlergehen des Individuums im Vordergrund des Interesses stehen. Das hat zu einer Kultur des Egoismus geführt, dessen breit ausgetretene Spur wir heute in unseren Städten und auch auf dem Land und in den Bergen finden. Ein Gebäude hat heute einen von seinem Eigentümer bestimmten Zweck zu erfüllen, und das zu möglichst geringen Kosten, weil sonst die Rendite nicht stimmen würde. Nicht der Einwohner, sondern der Anleger soll an unseren Städten Freude haben. Als wirkungsvollstes Instrument dazu erwies sich die Vorherrschaft der geraden Linie, denn diese ist immer die günstigste. Und jegliche Richtungsänderung eines Gebäudeteils hat im rechten Winkel zu erfolgen. Kunst am Bau wird separat budgetiert, was zur Auswirkung hat, dass irgendwann eine fragwürdige Skulptur beziehungslos neben einem nüchternen Konstrukt, genannt Gebäude, steht und beweist, dass Kunst im eigentlichen Bau nichts verloren hat. Nicht etwa der Gebrauch der geraden Linie an sich ist das Übel, sondern die Unfähigkeit der Mehrzahl der Architekten, ein auch gefühlsmässig ansprechendes Werk zu gestalten. Der Gedanke, dass ein Bau ein Gesamtkunstwerk darstellen könnte wie das Parthenon in Athen, ist heute ein unhaltbarer Anachronismus. Selbst Gebäude wie die Casa Serodine in Ascona oder die Credit Suisse am Paradeplatz würden heute nicht mehr so gebaut, nicht nur weil sich das Stilempfinden gewandelt hat, sondern vor allem weil niemand dazu bereit ist, für solche Fassaden viel Geld auszugeben. Shareholder-Value hat Einzug in die Architektur gehalten. Die Rationalisierung im Bauwesen war nicht Ursache, sondern willkommenes Hilfsmittel zu dieser Entwicklung. Erwin Roth, Effretikon Hässliche Gebrauchswelt. Dieser Aufsatz über die sogenannte Postkarten-Schweiz schmerzt, tut weh, verwirrt, vernichtet Sehnsüchte nach einer heilen Welt. Wie recht Loderer mit seinen Worten doch hat. Treffsicher analysiert er Wunsch und Wirklichkeit. Ich neige selbst dazu, vor allem die Schönheiten der Städte und der Natur anzuschauen. Ja, viele Menschen verdrängen die sichtbare Realität und flüchten sich in ihre Traumwelt. Das ist an sich sehr verständlich, weil es von einer sehr menschlichen Sehnsucht nach Schönheit und Harmonie zeugt, es lenkt aber doch ab von der Tatsache, dass unsere Umwelt immer mehr zu einer hässlichen Gebrauchswelt verbaut und umfunktioniert wird, ja nicht zuletzt zu einem Spielfeld der spekulativen Mehrwertspirale verkommt. Ich spreche von einer Gewaltarchitektur, die vor allem sich selber genügt und immer weniger Rücksicht auf die Wirklichkeit und Urbanität unseres sozialen Seins nimmt. Sie ist Spiegel unseres immer egoistischeren Selbstverständnisses. Wollen wir das wirklich so? Federico Emanuel Pfaffen, Zürich Stadt trifft Land: Bahnhofstrasse in Spreitenbach. Foto: Sophie Stieger

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